Medienpädagogik und Nachhaltigkeit?

Medienpädagogik Nachhaltigkeit Friday for Future Demo
Foto: Markus Spiske – unsplash.com

Nachhaltigkeit, Fridays for Future, CO₂ Emissionen bzw. carbon footprint – Begriffe und Themen, die nicht nur unsere Zeit, eine ganze Generation und mittlerweile auch die Politik prägen. So waren im gerade zurückliegenden Bundestagswahlkampf plötzlich „grüne“ Themen für alle Parteien relevant. Gleichzeitig erleben wir einen Digitalisierungsschub bisher ungekannter Größe. Dieser bringt in immer schnellerer Frequenz neue Technologien mit sich und neue Anwendungen und Geräte. Doch die Herstellungsprozesse sowie die dabei benötigten Ressourcen führen zu einer schlechten Ökobilanz der Gerätschaften. Wie lässt sich die Medienpädagogik hier einordnen? Um Medienkompetenz vermitteln zu können, benötigt es eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit neuen Technologien. Denn Medienpädagogik hat seit jeher die Aufgabe, sich mit jeweils neuen Medien und den damit zusammenhängenden Technologien auseinanderzusetzen.

Besteht damit also ein Dilemma für Medienpädagogik? Kann Medienpädagogik und damit die Vermittlung von Medienkompetenz bzw. Medienbildung überhaupt nachhaltig sein?

Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Zunächst einmal zum Begriff der Nachhaltigkeit: Hierbei handelt es sich um einen umfassenden Begriff, der in allen Lebens- und Arbeitsfeldern Anwendung findet: „Ob Elektromobilität, energetische Gebäudesanierung, vegetarische oder vegane Ernährung, Fair-Trade-Produkte, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Kooperationen mit Hilfsorganisationen, Frauenquote oder Energiewende – alles soll ‚nachhaltig‘ sein“, schreibt Iris Pufé in einem Artikel für die bpb.de. Sie skizziert ein grundlegendes Problem, indem sie schreibt: „Ein einheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit, ihrem Wesen und ihrem Nutzen, fehlt bis heute.“ (ebd.)

Nachhaltigkeit bezieht sich immer auf die Verwendung von Ressourcen, deren Bestand sich somit verringert. Es benötigt also einen gezielten Umgang mit den Ressourcen, sodass ein langfristiger Nutzen bestehen bleibt. Eine klassische und weitgehend anerkannte Definition von Nachhaltigkeit beschreibt daher eine „Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können.“[1]
Demnach bedeutet Nachhaltigkeit also, „nicht Gewinne zu erwirtschaften, die dann in Umwelt- und Sozialprojekte fließen, sondern Gewinne bereits umwelt- und sozialverträglich zu erwirtschaften.“ (bpb.de)

Was heißt hier Digitalisierung?

Der Megatrend Digitalisierung bezeichnet zunächst einmal „die technische Möglichkeit, alle Arten von Information (Audio, Video, Text, Grafik und Bild) in binäre und computertaugliche Zeichen zu zerlegen“ (Thesen zu Digitalität und KI). Sodann bezeichnet Digitalisierung als Prozess die seit Jahrzehnten andauernde revolutionäre Veränderung aller Lebensbereiche auf Basis dieser Technologie.

Zumindest potenziell ermöglichen digitale Technologien mittlerweile vielerorts ein effizienteres und damit ressourcenorientiertes Handeln. Laut Aussage des Bundeswirtschaftsministeriums profitiert die deutsche Wirtschaft nicht nur durch neue Marktchancen und Exportmöglichkeiten sowie neue Arbeitsplätze, die durch die Digitalisierung entstehen. Sondern sie wird auch nachhaltiger, da Digitalisierung erheblich zu Ressourcenschonung und Energieeffizienz beiträgt.[2]

Gleichzeitig kann aber die Digitalisierung auch als „Brandbeschleuniger“ für ökologische und soziale Probleme wirken, wenn diese nicht mit Blick auf nachhaltige Entwicklung betrachtet werden. Denn nur zum geringen Teil ist der ökologische Fußabdruck elektronischer Medien bedingt durch deren tatsächliche Nutzung. Sondern es überwiegen Produktion und Vertrieb der Geräte, der hohe Bedarf an speziellen Rohstoffen und die materiellen Hinterlassenschaften in Form von Elektroschrott.[3]

Doch das Problem ist, dass Rohstoffe weltweit immer knapper werden. Das betrifft auch die benötigen Ressourcen zur Herstellung von Geräten und Co. Dies hängt zum einen mit dem Abbau aufgrund der hohen Nachfrage nach neuen, hochwertigen Produkten zusammen. Gleichzeitig entstehen durch den Klimawandel immer mehr Unwetter, welche dann ebenfalls zu Ressourcenmangel führen können. Und diese wiederum sind auf den Klimawandel zurückzuführen.

Exkurs Klimawandel

Der Klimawandel wiederum ist beeinflusst durch Bestand an CO₂ in der Luft. Das Treibhausgas verhindert, dass die Wärme von der Erde ins Weltall entweichen kann. Durch den hohen Ausstoß von CO₂ entsteht ein Problem. Zu viel Treibhausgas ist in der Luft und somit wird die Erde immer wärmer. Durch mehr Produktion von Strom in Kraftwerken, bei Eisen in Stahlwerke oder beim Abheben von Flugzeugen, kurz gesagt überall dort, wo wir fossile Rohstoffe wie Erdöl (und daraus hergestelltes Benzin oder Diesel), Erdgas oder Kohle verfeuern, wird mehr CO₂ in die Luft abgeben.

Was kosten digitale Geräte und Möglichkeiten?

„Unglaublich aber wahr: Im Laufe seines Lebens verbraucht ein Mobiltelefon alles in allem etwa 75,3 Kilo an Ressourcen – während es selbst nur etwa 80 Gramm wiegt. Das fanden die Experten des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie heraus. Sie bezeichnen diesen Verbrauch als Ökologischen Rucksack. Den größten Teil verschlingt der Abbau der Rohstoffe: 35,3 Kilo. Außerdem kosten Weiterverarbeitung, Transport, Nutzung und Entsorgung jede Menge Energie und Wasser.“

(www.abenteuer-regenwald.de)

Medienpädagogik: Nachhaltigkeit eines Smartphones
Ökologischer Rucksack eines Smartphones (Grafik: Abenteuer Regenwald)

Und auch bei der Nutzung von internetbasierten Diensten wird jede Menge Energie verbraucht:

„Laut einer Studie des französischen Thinktanks „The Shift Project“ verbrauchen 10 Minuten Video-Streaming in hoher Auflösung auf einem Smartphone ebenso viel Energie wie ein Herd mit 2 Kilowatt Leistung, der nur halb so lang auf höchster Stufe läuft. Hoch gerechnet sind Digitaltechnologien mittlerweile für 3,7 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, während auf den zivilen Luftverkehr in 2018 lediglich 2 Prozent der Emissionen entfielen. Je nach Szenario prognostiziert ‚The Shift Project‘, dass der Digital-Anteil an den weltweiten Emissionen bis 2025 auf mehr als 8 Prozent ansteigen könnte, was höher wäre als der Anteil von Autos und Motorrädern, also dem privaten Individualverkehr.“

(www.medienconcret.de)
Diese Problematik, die „The Shift Project“ aufzeigt, verweist auf das Dilemma in der Nutzung unserer Endgeräte. Natürlich werden sie benötigt, um in der sozialen Interaktion aktiv sein und partizipieren zu können. Gleichzeitig besteht jedoch das Problem, dass wir immer wieder neue Geräte anschaffen – und sei es als Anreiz für einen Vertragswechsel. Mit jedem neuen Gerät verbleibt aber wieder ein Altgerät, meist in einer Schublade. Es entsteht also Elektroschott, der noch nicht einmal als solcher verwertet werden kann. Eine Alternative, die Geräte einem Recycling zuführt und dadurch Kinderarbeit verhindern hilft, ist die Aktion Schutzengel von missio.

Umdenken in der Medienpädagogik?

Es benötigt also ein Umdenken auf verschiedenen Ebenen. Zum einen auf Seite der Verbraucher:innen bei Anschaffung und Nutzung der Geräte, zum anderen aber auch in der Herstellung, hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Doch wie gehen wir nun mit diesen Informationen und Daten in der Medienpädagogik um? Welche Nachteile, aber auch welche Vorteile bringt der derzeitige Digitalisierungsschub in Bezug auf die Nachhaltigkeit mit sich? Wir haben das Thema in den letzten Jahren immer wieder aufgegriffen, z.B. in den Filmtipps „Death by Design“ und „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ sowie „Digital – mobil – Und fair?“. Dort finden sich auch Anregungen für eine medienpädagogische Beschäftigung mit dem Themenkomplex Nachhaltigkeit.
Aber reicht ein kritisches Bewusstsein bzw. dessen Anregung durch entsprechende medienpädagogische Projekte und Materialien aus? Oder um die Grundsatzfrage wieder aufzunehmen: kann Medienpädagogik an sich nachhaltig sein oder steckt sie in einem tatsächlichen, da unauflösbaren Dilemma? Wir gehen der Frage im nächsten Beitrag unserer Reihe weiter nach!

 

[1] Volker Hauff (Hrsg.): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven 1987, S. 46.

[2] BMWI (2015): Industrie 4.0 und Digitale Wirtschaft. Impulse für Wachstum, Beschäftigung und Innovation

[3] https://www.geo.de/geolino/natur-und-umwelt/15385-rtkl-klimawandel-wie-kohlendioxid-das-klima-veraendert

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