Unsere Tools-Auswahl: Videokonferenzen (Teil 7)

Tools-Auswahl (diesmal: Videokonferenzen)
Bild: Melanie Matutis – Clearingstelle Medienkompetenz (unter Verwendung der Logos von Jitsi Meet, Sichere-Videokonferenz.de, Big Blue Button und Senfcall)

Seit über zwei Jahren pflegt die Clearingstelle Medienkompetenz eine Mindmap mit einer ständig erweiterten Übersicht über Tools, Apps, Plattformen und Links. Aber bei mittlerweile über 350 Links geht der Überblick schon mal verloren: Was soll ich nehmen? Was ist empfehlenswert – nicht zuletzt unter Datenschutz-Gesichtspunkten? Womit kann ich Teilnehmende gut aktivieren? Daher präsentieren wir in einer kleinen Artikel-Reihe unsere Favoriten, die sich in den letzten Monaten (oder Jahren) in Veranstaltungen bewährt haben. Im siebten Teil unserer Übersichts-Reihe geht es um datenschutzfreundliche Anbieter von Videokonferenzen. Die bisherigen Beiträge sind am Ende der Seite verlinkt.

Ob im Homeoffice, im Distanzunterricht oder zum privaten Treffen mit Freund:innen und Bekannten: Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie kommt fast niemand mehr am Thema Videokonferenzen vorbei. Dabei gibt es immer wieder Berichte über Datenschutzprobleme, die manche Anbieter von Videokonferenzen mit sich bringen, und andere sind in bestimmten Kontexten schlicht zu teuer. Anbieter aus den USA – zumindest in der Standard-Installation – prinzipiell außen vor, seit der EuGH im Juni 2020 den EU-US-Privacy Shield für nichtig erklärt hatte und damit Datenübertragungen in die USA grundsätzlich untersagt hat, weil dort staatliche Stellen unbegrenzten Zugriff haben. Daher gehen wir der Frage nach, welche Videokonferenzen sich kostenfrei nutzen lassen und entsprechen der Europäischen Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) und stellen zwei erfreuliche Beispiele vor.

Jitsi und Jitsi Meet

Jitsi wird oft als datensparsame Alternative zu Skype bzw. Teams und Zoom genannt. Es handelt sich um eine Software, mit der Nutzer:innen einen eigenen Server für Messaging und Internettelefonie aufsetzen können. Da die Software quelloffen ist, kann jede:r den Programmcode einsehen, nutzen und weiterentwickeln. Aus diesem Grund gibt es mehrere Anbieter, die jeweils eigene Jitsi-Server zur Nutzung anbieten. Jitsi Meet beispielsweise wird betrieben von den Eigentümern der Software, der US-amerikanischen Callcenter-Firma 8×8 Inc. (die die Software von Atlassian gekauft hat). Daneben betreiben auch viele weitere Institutionen und Firmen sogenannte Jitsi-Instanzen, darunter das IT-Magazin golem.de unter dem Link meet.golem.de oder der Verein Computerwerk Darmstadt e.V. unter dem Link meet.computerwerk.org, um nur zwei zu nennen. Im Netz gibt es Auflistungen von Jitsi-Instanzen, beispielsweise diese auf github.com, die nach Ländern sortiert ist.

Screenshit der Website des Projekts und Open-Source-Software jitsi
Website des Projekts und der Open-Source-Software jitsi (eigener Screenshot)

Unabhängig von der Instanz funktioniert Jitsi direkt im Browser. Weder ist eine Anmeldung nötig noch die Installation von Software. Der jeweilige Konferenzraum wird über einen Link betreten, der beim Erstellen einer Konferenz erzeugt wird und dann von der gastgebenden Person an Teilnehmende verschickt werden muss. Empfehlenswert ist die Wahl eines möglichst einmaligen und schwer erratbaren Links sowie zusätzlich die Sicherung des Raums mit einem Passwort. Denn sonst kann jede Person, die den Link kennt, dem Gespräch beitreten.

Optimierungspotenzial in Sachen Verschlüsselung und Verbindungsqualität

Die wichtigsten Funktionen einer Videokonferenz bildet auch Jitsi ab. Ein Textchat ist möglich, ebenso Bildschirmfreigabe, Handzeichen. In Sachen Verschlüsselung könnte Jitsi besser sein. Zwar sind Chat-Nachrichten Ende-zu-Ende-verschlüsselt, bei Audio- und Videocalls mit mehreren Personen findet dagegen nur eine Transportverschlüsselung statt; d.h. auf dem Server des Anbieters der Instanz liegen die Daten kurzzeitig entschlüsselt. Da jedoch keine Daten von Nutzer:innen gespeichert werden, ist das ggf. zu verschmerzen. Daher ist es aber wichtig, eine Instanz zu wählen, deren Anbieter das Vertrauen verdient. Generell wird bei Jitsi oft die Verbindungsqualität kritisiert; sie ist oft schlechter bzw. schwankender, als man es von kommerziellen Anbietern gewohnt ist.

Jitsi Meet gibt es auch als App für iOS und Android (Google Play Store und F-Droid). Diese stellt die Jitsi-Meet-Seite passend für Mobilgeräte dar. Allerdings weist das Portal mobilsicher.de darauf hin, dass die Android-App aus dem Google Play Store Tracker enthält, die in der App aus dem alternativen App Store F-Droid nicht enthalten sind.

sichere-videokonferenz.de

Bei sichere-videokonferenz.de handelt es sich um ein webbasiertes Angebot des Münchner Unternehmens Horizon44 GmbH, das auf das Open-Source-Projekt jitsi.org aufsetzt und mit hoher Sicherheit und DSGVO-Konformität wirbt. Wie bei Jitsi üblich können Online-Meetings gestartet werden, ohne vorher eine Software installieren zu müssen. Auch eine Anmeldung ist nicht nötig, weder beim Einrichten noch bei der Teilnahme. So entfällt auch die Notwendigkeit, personenbezogene Daten anzugeben. Um eine Videokonferenz zu erstellen, genügt ein Klick auf „neue Konferenz erstellen“. Anders als von anderen Jitsi-Instanzen bekannt, stehen hier nun zwei Links zur Verfügung – einer ist für den Moderator oder die Moderatorin der Konferenz, mit dem zweiten können die Teilnehmenden eingeladen werden. Auch hier ist die Vergabe eines Passwortes empfehlenswert.

Beim Betreten der Konferenz sind Kamera und Mikro standardmäßig deaktiviert. Die teilnehmende Person muss diese Möglichkeit bewusst aktivieren. Laut chip.de unterbindet sichere-videokonferenz.de die Integration von Videotracking-Software (etwa zur Überwachung des Aktivitätsstatus, Aufmerksamkeits-Tracking, Arbeitszeiten). Ebenso wurde auf die Möglichkeit der Videoaufzeichnung bewusst verzichtet.

Fokus auf Sicherheit und DSGVO-Konformität

Laut Anbieter werden aktuellste Verschlüsselungsstandards verwendet; eine Speicherung von Verbindungsdaten und Konferenzinhalten findet nicht statt. Bei zwei Konferenzteilnehmer:innen erfolgt eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Bei mehreren Teilnehmern ist diese technisch nicht möglich, stattdessen greift nur eine Transportverschlüsselung. Das Hosting erfolgt in deutschen Rechenzentren.

Die Nutzung von sichere-videokonferenz.de ist kostenfrei. Der Anbieter finanziert sich über Spenden und über die kostenpflichtige White-Labeling-Möglichkeit für Unternehmenskunden. Eine extra App gibt es nicht, die Seite ist jedoch auch mobil nutzbar.

Die Datenschutzerklärung sowie ein vorgefertigter Vertrag zur Auftragsverarbeitung ist auf der Betreiberseite schnell zu finden.

Interessant: In der datenschutzkonformen Padlet-Alternative TaskCards, die wir in einem anderen Beitrag bereits vorgestellt haben, ist eine Verknüpfung zu sichere-videokonferenz.de bereits enthalten.

 

sichere-videokonferenz.de (eigener Screenshot)

Big Blue Button

Eine weitere Open-Source-Lösung, die sich vor allem im Bildungs-Umfeld etabliert hat, ist Big Blue Button (BBB). Das System wird in Deutschland von mehreren Landes-Bildungsministerien auf eigenen Servern für den Einsatz in Schulen gehostet; für Hochschulen gibt es ähnliche Lösungen. Attraktiv ist dabei neben der Nutzung, die dank HTML 5 komplett im Browser abläuft und damit unabhängig von Betriebssystemen ist, vor allem die Integration in Lernplattformen wie Moodle, OpenOlat, ILIAS und andere.
Tatsächlich hat – wie bei anderen Anbietern auch – das System seit letzten Jahr erhebliche Erweiterungen und Verbesserungen erfahren. Dies gilt auch mit Blick auf verschiedene Sicherheitsprobleme, die aber mittlerweile behoben sind (wie bei zahlreichen kommerziellen Anbietern übrigens auch).

Selbstverständlich bietet BBB die üblichen Standard-Funktionen eines Videokonferenzsystems wie Bildschirmfreigaben, Interaktion in der Freigabe (Whiteboard), Hand heben, Gruppenräume (Breakout-Rooms) usw. Sehr übersichtlich ist die Funktion des privaten Chats neben dem öffentlichen Chat, die für jeden Teilnehmenden, mit dem Nachrichten ausgetauscht werden, einen eigenen Eintrag in der Liste oberhalb der Teilnehmenden-Übersicht erstellt. Allerdings bedarf es nach wie vor erheblicher Kapazitäten zum Betrieb einer eigenen BBB-Instanz; die aktive Teilnahme mit eingeschalteter Kamera ist rechnerisch auf maximal ca. 40 Teilnehmende begrenzt.

Senfcall

Auch für BBB gibt es verschiedene Anbieter, die eine kostenpflichtige Nutzung von BBB ermöglichen. In unserer Tools-Mindmap haben wir im Bereich Videokonferenzen aber auch Senfcall aufgeführt. Hinter dem ursprünglich im April 2020 als privates Projekt von Studierenden aus Darmstadt und Karlsruhe gestartetem Projekt steht inzwischen das Computerwerk Darmstadt e.V. Durch eine Fördermitgliedschaft im Verein oder durch Spenden wird der Betrieb der notwendigen Server finanziert und ein für alle Interessierten kostenfreies, DSGVO-konformes Videokonferenz-Angebot ermöglicht.

 

Einen guten Kurzüberblick mit Verweis auf ausführliche Informationen über zwölf bekannte und weniger bekannte Anbieter von Videokonferenzen bzw. -telefonie bietet das Portal mobilsicher.de.

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