Die Migrantigen

Titelbild des Films "Die Migrantigen" mit den Protagonisten (Ausschnitt)
Die Migrantigen (Ausschnitt Plakat) – Bild: kfw

Worum geht’s?

Eckdaten des Films:

Ein Film von Arman T. Riahi

Länge: 91 Minuten

Erscheinungsjahr, Produktionsland: 2017, Österreich

Produktion: Golden Girls Filmproduction & Filmservices GmbH

empfohlen ab 14 Jahren, FSK 12

Schuljahre: Sekundarstufe I ab Klassenstufe 8/9 sowie Sek. II

Marko und Benny leben im fiktiven Wiener Vorort Rudolfsgrund. Die zwei Freunde haben einen Migrationshintergrund. Beide sind jedoch vollständig integriert und haben kaum noch einen Bezug zu der Kultur und Herkunft ihrer Eltern. Jedoch leiden sie hin und wieder unter ihrem „ausländischen Aussehen“. So zum Beispiel Benny, der als Schauspieler nur als Ausländer gecastet wird. Als die beiden von der ambitionierten TV-Regisseurin Marlene Weizenhuber auf ihren Migrationshintergrund angesprochen werden, nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung.

Weizenhuber sieht in den beiden mögliche Protagonisten für ihre TV-Dokuserie, die das Leben im ethnisch durchmischten Vorstadtviertel Rudolfsgrund abbilden soll. Im ersten Moment geschockt von der erneuten Konfrontation mit ihrer Herkunft, geben sie sich als kleinkriminelle und abgebrühte Migranten aus. Sie berichten in der Serie, die im Stil des Reality-TV gedreht wird, über ihr fiktives Leben im Viertel. Dabei bauen sich die beiden eine zweite Identität als Omar und Tito auf, die auf Klischees und Vorurteilen fußt. Sie berichten von Zuhälterei, Drogenhandel und weiteren kriminellen Aktivitäten im Viertel, was jedoch nicht im Geringsten der Wahrheit entspricht. Während die beiden durch die Erfüllung dieser Erwartungen und Vorurteile die Serie zum Erfolg machen, werden sie nach und nach mit den Konsequenzen ihrer Handlungen konfrontiert.

Welche medienpädagogischen Themen werden im Film angesprochen?

  • Identität
  • Migration und Integration
  • Vorurteile
  • Berichterstattung
  • Medien und Öffentlichkeit
  • Scripted-Reality
  • Mediensatire
  • Medienethik

Eine Fülle an Möglichkeiten

Der vorliegende Film “Die Migrantigen” spricht auf sehr komödiantische Art und Weise unterschiedliche und hochaktuelle Themenbereiche an. Besondere Schwerpunkte liegen auf der Thematisierung von Integration, gesellschaftlicher Teilhabe von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund und diesbezüglichen Vorurteilen. Diese Themen sind gerade vor dem Hintergrund anhaltender Diskussionen um die Aufnahme und Integration von geflüchteten Menschen in Europa hochgradig aktuell und wichtig. Im Zuge einer Auseinandersetzung mit dem Film bietet es sich daher an, mit der Zielgruppe über die genannten Themen zu sprechen. Eine vorherige Information durch z.B. Internet- oder Zeitungsrecherche kann die Grundlage für eine Diskussion liefern. Durch gezielte Fragestellungen können somit konstruktive Diskussionen und Debatten angeregt und Heranwachsende für wichtige Themen sensibilisiert werden.

Gerade unter Jugendlichen und jungen Menschen zeigt sich, dass diese sich sehr stark an sozialen Werten wie Toleranz, sozialer Gerechtigkeit, Diversity und Altruismus orientieren (vgl. die SINUS-Jugendstudie „Wie ticken Jugendliche? 2020“, S. 30 ff.). Junge Menschen engagieren sich heute in einem hohen Maße in politischen und gesellschaftlichen Bereichen und sind für gesellschaftsrelevante Themen sensibel. Diese Eindrücke unterstreichen auch die Kinder- und Jugendstudien der letzten Jahre. Junge Menschen gelten heute als sehr selbstständig, eher wenig materiell orientiert, gut gebildet und politisch aktiv. Daraus lässt sich ableiten, dass Jugendliche für die genannten Themen auch als kompetente Ansprechpartner:innen zu verstehen. Sie sind mit ihren Ansichten, Meinungen und Belangen ernst zu nehmen .

Rund um die angesprochenen Themenbereiche wäre es zudem denkbar, Expert:innen einzuladen wie z.B. den oder die Integrationsbeauftragte:n der Stadt/Gemeinde oder  Mitglieder aus den Jugendparlamenten. Diese bieten einen direkten Bezug zum jeweiligen Thema und ermöglichen einen noch intensiveren Einblick hinter die Arbeit z.B. im Bereich der kommunalen Integrationsarbeit oder Flüchtlingshilfe.

Zum Einsatz in der (außerschulischen) Medienarbeit mit Jugendlichen

Neben den zuvor genannten „größeren“ politischen und gesellschaftlichen Themen Integration, Migration und gesellschaftliche Teilhabe kann der Fokus in der Auseinandersetzung mit dem Film auch auf medienpädagogischen Aspekten liegen. Schließlich arbeitet „Die Migrantigen“ stark mit Klischees und Vorurteilen über Migrant:innen bzw. Personen mit Migrationshintergrund. Im Film ist es die Reality-TV-Dokumentation über den Rudolfsgrund, welche diese Meinungen und Sichtweisen bedient – und die Serie so erfolgreich macht. Aber auch abseits des Films muss gesehen werden, dass Medien einen nicht unwesentlichen Anteil an der Hervorbringung und Reproduktion solcher oftmals negativer Klassifikationen und Zuschreibungen haben. Dies gilt insbesondere für jene Reality-TV-Formate, welche sich mittlerweile im Nachmittagsprogramm zahlreicher Privatfernsehsender fest etabliert haben. Aber auch im Bereich der Comedy oder in Tageszeitungen wie der Bild sind solche Meinungen und Erwartungen über stereotype Verhaltensweisen von Personen(-gruppen) keine Seltenheit.

Dabei sollte – vor allem mit Blick auf die o.g. Punkte zu Integration und Teilhabe – deutlich werden, wie sehr diese (negativen) Zuschreibungen und Meinungen das Leben und Zusammenleben in multikulturellen Kontexten prägen und letztlich auch gefährden können. Schon der Begriff Migrationshintergrund ist nicht unproblematisch, zeigt er doch letztlich eine ethnische Fremdzuschreibung einer Differenz z.B. zwischen Deutschen mit Migrationshintergrund und Deutschen ohne Migrationshintergrund (vgl. Anne-Kathrin Will für bpb.de (2020): Migrationshintergrund – wieso, woher, wohin?

Und erst recht führen Klischees und Vorurteile zu einer entsprechenden Haltung der betreffenden Person oder Gruppe gegenüber. Die eine Seite sucht rigoros nach Verhaltensweisen, welche die eigenen Erwartungen und Vorurteile widerspiegeln und bestätigen, während sich die Betroffenen oftmals falsch verstanden und übertrieben dargestellt fühlen. Dass das für ein gelingendes Zusammenleben äußerst gefährlich ist, liegt auf der Hand. Denn dies führt zu sich verhärtenden Fronten, was bis hin zu einer Spaltung von Gesellschaftsteilen führen kann.

Verantwortung trägt auch der/die Einzelne

In der Bearbeitung von die Migrantigen sollte das Augenmerk daher auf der kritischen Auseinandersetzung mit den derzeit beliebten Medienformaten liegen. Gerade jungen Menschen fällt es bisweilen schwer, im Bereich der Scripted-Reality-Formate zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden und Vorurteile als solche zu erkennen (vgl. u. a. Götz et al. 2012; vom Orde 2012). Deshalb können auch medienethische Aspekte zur Sprache gebracht werden, welche dabei helfen, die Grenzen dieser Unterhaltungsformate aufzuzeigen. Daneben können auch beispielhafte Passagen aus die Migrantigen diskutiert werden wie „Willst du auf die Titelseite?!“, „Migrationshintergrund – leider!“, oder „So wie Ausländer halt so sind“.

Wie bewerten die Jugendlichen diese Aussagen von Benny und Marko? Inwieweit legen sie selbst (mehr) Wert auf Unterhaltung, anstatt auf Richtigkeit der Informationen in Internet, Zeitung und Fernsehen? Schließlich haben nicht nur die Produzent:innen einen Anteil am Erfolg und damit dem Bestehen solcher Programme und Quellen. Auch die Rezipient:innen sind durch ihr Konsumverhalten verantwortlich für deren Aufrechterhaltung.

Zum Einsatz in der Arbeit mit Eltern oder mit Lehrer:innen und Pädagog:innen

Grundsätzlich gelten die angesprochenen Themen des Films die Migrantigen auch für die Arbeit mit Erwachsenen und können analog Anwendung finden. Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass gerade Eltern eine Vorbildfunktion bezüglich ihres Medienkonsumverhaltens gegenüber ihren Kindern haben. Daraus ergibt sich, dass auch Eltern und pädagogische Fachkräfte sich fragen sollten, wie sie selbst Medien nutzen. Unweigerlich bedarf es auch eines Bewusstseins über Haltungen und persönliche Meinungen z.B. im Kontext von Migration, Integration, Diversität und Vielfalt sowie über Vorurteile und Klischees. Im Gegensatz zu einer jüngeren Zielgruppe, können Erwachsene die normativen Aspekte, welche mit dem Film verknüpft sind, z.B. im Bereich der Sozialkritik, anders einordnen.

Im Fokus: Die Rolle von Juwel und Weizenhuber

Insofern könnte eine Auseinandersetzung mit dem Charakter Juwel interessant sein. Bei ihm besorgen sich Marko und Benny als Omar und Tito Informationen über das vermeintliche Leben im Milieu. Doch die Angaben, die sie von Juwel bekommen, sind wiederum bloß Lügen, die ebenfalls auf Vorurteilen beruhen und selbige bedienen. Wie ist also das Verhalten von Juwel mit Blick auf die Gesamtsituation im Film zu deuten und zu bewerten? Welchen Anteil hat er an der fehlerhaften Darstellung des Viertels und dessen Bewohner:innen?

Zudem lohnt sich ein genauerer Blick auf die Rolle von Marlene Weizenhuber. Sie ist es, die als ambitionierte TV-Regisseurin hinter der Serie steht und durch ihre „journalistische“ Tätigkeit die Berichterstattung über das Milieu maßgeblich prägt und auch beeinflusst. Hinzu kommt, dass Weizenhuber nicht interveniert, als sie von den Unwahrheiten und Täuschungen ihrer beiden Hauptdarsteller erfährt. Stattdessen lässt sie die Serie nicht nur weiterlaufen, sondern akzeptiert auch weitere Lügengeschichten. Durch gezielte Steuerung (Nachfragen, Anweisungen etc.) initiiert sie solche teilweise auch selbst. Am Ende des Films erhält Weizenhuber sogar eine Auszeichnung und Anerkennung für ihre Sendung.

Welche Rolle spielt daher die junge Journalistin mit Blick auf die Gesamtsituation? Welche Verantwortung trägt sie an der (fehlerhaften) Darstellung des Milieus? Schlussendlich hält sie ja nur das fest, was Tito und Omar ihr zeigen/sagen – oder etwa nicht? Hat Weizenhuber ein echtes Interesse daran, das Leben im Viertel angemessen abzubilden und die dort lebenden Personen zu verstehen? Oder geht es ihr vielmehr darum, sich bzw. die Serie bestmöglich zu verkaufen – und ist dafür bereit, bestehende Vorurteile, Bilder und Meinungen über das Milieu zu bedienen?
Welche Meinung vertreten die Teilnehmer:innen dazu und wie schätzen sie das Handeln von Journalist:innen bzw. Produzent:innen solcher Formate in der Realität ein? Was glauben sie, wie „echte“ Journalist:innen/Produzent:innen gehandelt hätten, wenn sie von den Täuschungen der beiden Kenntnis erhalten hätten?

Anknüpfungspunkte für aktive Medienarbeit

Mitschreiben, bitte!

Die Teilnehmer:innen bekommen vor der Sichtung des Films die Aufgabe gestellt, sich alle Vorurteile und Klischees zu notieren, welche ihnen beim anschließenden Anschauen auffallen. Am besten ist es, wenn vorab eine Tabellenvorlage erstellt wird, in der nachvollziehbar wird, wer welche Aussage oder Handlung zu welchem Zeitpunkt und ggf. in welchem Kontext getätigt hat. Die Ergebnisse können dann im Nachgang an der Tafel oder Pinnwand gesammelt und besprochen werden. Sicherlich spannend sind die Meinungen der Gruppenmitglieder zu den einzelnen Punkten, warum etwas als Vorurteil bzw. Klischee gilt oder warum nicht. Anhand der Beobachtungen gelingt sicherlich der Einstieg in einen Austausch, bei dem allen Beteiligten die ein oder andere vorurteilsbehaftete Annahme bewusst wird.

Im Blickpunkt: “Sozialreportagen”

Bei diesem Anknüpfungspunkt geht es darum, sich Scripted-Reality-Formate und sogenannte „Sozialreportagen“ genauer anzuschauen und zu analysieren. Die Doku im Film über den Rudolfsgrund ist offensichtlich ein Mockumentary, also eine Parodie auf einschlägige (pseudo-)dokumentarische Formate, die sich mittlerweile vor allem im Nachmittagsprogramm diverser Privatfernsehsender fest etabliert haben. Sendungen wie „Hartz und herzlich“ oder „Armes Deutschland“ stehen regelmäßig in der öffentlichen Kritik, unter anderem aufgrund von zu negativer und klischeehafter Darstellung der Personen und Handlungsorte (Milieus, Viertel, etc.).

Eine Aufgabe kann darin bestehen, sich in Kleingruppen beispielhaft ausgewählte Ausschnitte aus den genannten oder ähnlichen Sendungen anzuschauen und zu überlegen, inwieweit Parallelen gezogen werden können zur fiktiven Serie im Film. Welche Vorurteile, Klischees, negative Klassifikationen usw. lassen sich in diesen alltäglichen Programmen finden? Was sind die Mittel, die beispielsweise Medienmacher:innen nutzen, um die Situation der Betroffenen besonders zu betonen? Oder – und das nicht selten – auch, um Personen vorzuführen, Vorurteile zu bestätigen bzw. zu verfestigen? Welche Bedeutung bzw. Funktion hat das Format Scripted Reality, das diese sogenannten Sozialreportagen von tatsächlichen (kritischen) Reportragen über soziale Tatbestände unterscheidet?

Ist das noch Unterhaltung?

Einen guten Anhaltspunkt für eine alltagsnahe Diskussion bietet das nachfolgende Zitat der TV-Regisseurin Weizenhuber: „Das ist Unterhaltung. Wir geben den Leuten, was sie sehen wollen und sonst gar nichts. Das ist Fernsehen.“ Wie bewerten die Teilnehmer:innen diese Aussage? Wo sehen sie die Grenzen von Unterhaltungsformaten, was geht zu weit, wann ist etwas (noch) angemessen?
In den letzten Jahren wurden mit Blick auf diverse Fernsehprogramme vermehrt Stimmen laut, die danach fragen, ob das noch Unterhaltung ist, wenn beispielsweise Kandidat:innen vor Erschöpfung zusammenbrechen oder einzelne Personen/Gruppen systematisch ausgegrenzt werden. Wie bewerten die Teilnehmer:innen den Unterhaltungsfaktor solcher Sendungen? Wann und wo beginnen für sie Grenzen, wann geht eine Show zu weit?

Offensichtlich erfreuen sich Sendungen wie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! (Dschungelcamp)“, „Promis unter Palmen“, „Germany’s Next Topmodel“, „Deutschland sucht den Superstar“ oder das „Das Sommerhaus der Stars“ in Deutschland teilweise seit über 15 Jahren großer Beliebtheit. Woran könnte das liegen? Eine besondere Rolle spielt in der jüngeren Entwicklung sicher die große Bandbreite an Auftraggebern, besonders im Bereich von Streaming-Diensten. Diese und weitere Fragen können und sollten zu einer kritischen Auseinandersetzung mit (privaten) Fernsehsendern, aber auch Zeitung, Internetquellen und Radio anregen.

Passende Materialien zum Film die Migrantigen

Weitere Materialien und Anregungen zu den filmischen Themen finden sich in unserer Materialdatenbank mekomat.de, z.B. die Veröffentlichungen „Medienpädagogik der Vielfalt“, „Inklusiv digital“, „Medienpraxis mit Geflüchteten“ oder „Neue Nachbarn“. Interessant und geeignet könnte ebenfalls unser Artikel „Medienbildung und Inklusion“ sein, der den Fokus auf inklusive und teilhabegerechte Möglichkeiten im Bereich von Medienbildung legt.

Für wen?

Lehrer:innen, Senior:innen, Eltern und Jugendliche ab 14 Jahren

Bezugsmöglichkeiten & Filmkritiken

Ein Direktbezug der DVD mit Vorführrecht ist unter filmwerk.de möglich. Hier sind ebenfalls einige unterstützende Arbeitshilfen zu finden.

Filmkritiken zu die Migrantigen finden sich bei filmdienst.de und epd-Film.

Fazit

Mit Themen wie Vorurteilen, Klischees, Integration und Migration, Medien und Öffentlichkeit etc. setzt der Film „Die Migrantigen“ Akzente, die äußerst interessant und alltagsnah sind. Dabei sind es Bereiche, die sich, nicht zuletzt aufgrund ihrer Aktualität, hervorragend für den Einsatz mit jungen Menschen und Erwachsenen eignen. Auch wenn mittlerweile in der Servicereihe „Filmtipps“ über 60 Filme besprochen wurden, behandelt der vorliegende Film die Migrantigen, Themenfelder, welche bisher wenig bis gar nicht abgedeckt worden sind. Somit bietet „Die Migrantigen“ auch die Möglichkeit mit einer Zielgruppe über Themen ins Gespräch zu kommen, die sonst vielleicht nicht so oft in den Fokus der Betrachtung rücken. Die Länge des Films von 91 Minuten sollte die Beteiligten nicht an einer Sichtung von die Migrantigen hindern, zumal der Film auch in zwei Teilen gezeigt werden kann. Gegebenenfalls ist das Einschalten der Untertitel sinnvoll, weil die Dialoge mit wienerischem Akzent auf diese Weise besser verstanden werden können.

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