My Mirror

My Mirror
Eigener Screenshot

Worum geht’s?

Eckdaten des Films:
Ein Film von Jayakrishnan Subramanian und Franziska Schönenberger
Länge: 19 Minuten
Erscheinungsjahr, Produktionsland: 2020, Indien / Deutschland
Produktion: Family Business Film in Zusammenarbeit mit dem BR
empfohlen ab 12 Jahren
Schuljahre: Sekundarstufe I ab Klassenstufe 7 sowie Sek. II

In My Mirror steht die junge Inderin Mythili im Mittelpunkt. Sie ist verheiratet und fühlt sich allein. Ihr Ehemann Ramesh ist in Dubai, um zu arbeiten, und ihr einziger sozialer Kontakt ist die kontrollierende Schwiegermutter. So entdeckt sie die interaktive und titelgebende Social-Media-App My Mirror. In kurzen Videoclips verarbeitet sie ihren Alltag, ihre Gefühle und gewinnt schnell eine Fangemeinde. Denn ähnlich wie Instagram oder TikTok kombiniert die App Videoplattform und Messenger und bietet Mythili einen Ausweg aus ihrer Einsamkeit. My Mirror wird für sie zu einem Portal zur Außenwelt, doch zeigt sich ihre Familie darüber nicht besonders erfreut.

Welche medienpädagogischen Themen werden im Film My Mirror angesprochen?

  • Smartphones als sozialer Lebensraum und Sozialität
  • Social Media
  • Identitätsentwicklung
  • Familie und Medien
  • Realitätsflucht / Eskapismus
  • Selbstdarstellung in Social Media
  • Suizidalität
  • Exzessive Mediennutzung

Tradition und Moderne

„My Mirror“ gewährt aus der Perspektive eines Smartphones Einblicke in das Leben von Mythili. Entweder in Form von Videocalls oder über die Oberfläche der fiktiven App My Mirror. Die Darstellungsweise porträtiert die Hauptperson Mythili und macht ein hohes Traditionsbewusstsein deutlich, besonders herausgestellt durch Mythilis traditionell indische Hochzeit mit Ramesh, durch ihre Kleidung (Sari, Bindi etc.) sowie durch die von ihr für ihre ersten Videos gewählte Musik. Außerdem ist die Familienhierarchie sehr stark ausgeprägt: Selbst in seiner mehr als ein Jahr andauernden Abwesenheit bestimmt Ehemann Ramesh über den Alltag seiner Ehefrau, wobei seine Mutter als verlängerter Arm agiert und an seiner statt Kontrolle ausübt. Mythilis Wünsche und Bedürfnisse werden kaum beachtet: Sie solle einfach der Mutter im Haushalt helfen und ihn nicht weiter behelligen.

In Mythilis Videos treffen Traditionsbewusstsein und die Öffnung für Möglichkeiten der Moderne deutlich aufeinander. Beispielsweise freundet sie sich mit einem anderen, männlichen Nutzer der App an. Daraus erwachsen für sie negative Konsequenzen in Form von Vorwürfen der Untreue seitens ihres Ehemannes. Während für sie die App My Mirror eine Möglichkeit des Selbstausdrucks ist, nutzt er Videocalls mit ihr, um seinen Willen deutlich zu machen: Dass sie das Smartphone nur zum Kontakt mit ihm nutzen solle.

Geschlechterbilder in den Medien

Die Wahrnehmung ihrer Rolle als Ehefrau ist ein zentrales Element in Mythilis Leben. Dabei stößt sie an Schranken, welche die indische Kultur Frauen auferlegt. Demgegenüber scheint ihr die mediale Selbstdarstellung Freiheiten und Entwicklungen zu ermöglichen; so findet sie Wege, sich auszudrücken und in Kontakt mit anderen Menschen zu treten. Durch den potenziell weltweiten Zugang zu Informationen und Kontakten im Web und sozialen Netzwerken kann sie unterschiedliche Konzepte auch hinsichtlich Geschlechter- und Rollenbildern kennenlernen. Somit sind soziale Medien für Mythili auch Ort der Information und Emanzipation – und damit kann sie zum Role Model (Rollenvorbild) werden, um Tradition und Moderne zu vereinen. Gerade hinsichtlich ihrer Nutzung sozialer Medien als Lebenswelt und zur Erprobung verschiedener Rollen. Indem sie beispielsweise traditionelle Kleidung (Sari) mit einem modernen Kleid kombiniert, findet sie ihren eigenen Weg traditionelle Bilder aufzubrechen. Mythili gelingt es traditionelle Werte mit einer weltoffenen Haltung zu verbinden – woran jedoch ihr Umfeld Anstoß nimmt.

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Mediennutzung und Mediensucht

Mythili hat kaum persönliche Kontakte. Als einzige Ansprechperson erscheint im Film die Schwiegermutter, mit der sie zusammenlebt, während sich der Ehemann beruflich in Dubai aufhält. Sie flieht in die Social-Media-Welt der fiktiven App My Mirror. Dabei handelt es sich um eine Art TikTok. Schnell entwickeln sich eine Fangemeinde und eine Online-Freundschaft zu einem anderen Nutzer. Diese werden für sie zu Kontaktmöglichkeiten außerhalb der Familie ihres Ehemanns.

Die mediale Selbstdarstellung bietet nicht nur tiefe Einblicke in das Privatleben, sondern auch Möglichkeiten, die eigene Identität weiterzuentwickeln und Entwicklungsaufgaben zu meistern. Dass diese Nutzung auch zu Eskapismus oder Folgeproblemen führen kann, darf nicht außer Acht gelassen werden.

Neben der Gefahr exzessiver Mediennutzung bis hin zur Sucht gibt es leider auch problematische Interaktionsformen im Internet. Trolle und gezielte Falschinformationen sind nur eine mögliche Quelle von negativen Einflüssen. Auch Cybermobbing ist eine höchst reale Gefahr, und Desinformation ist geeignet, unsere Haltungen und unser Verhalten entscheidend zu beeinflussen. Daher ist der Erwerb von Medienkompetenz, vor allem die Aspekte der Kompetenz zur Beschaffung und Überprüfung von Informationen, ebenso wichtig wie das Erlangen von Handlungskompetenz. In My Mirror wird dies deutlich, als die sonst so positiven Kommentare ihrer Fangemeinde bei ihrem letzten Video ihre Authentizität in Frage stellen.

Suizidalität

In dem Film My Mirror durchlebt Mythili Krisen, die nicht einmal ansatzweise durch ihr soziales Umfeld aufgefangen werden. Diese allgemeine Hilflosigkeit geht so weit, dass sie einen Suizidversuch während eines Livestreams begeht. Auch wenn dieser nicht gelingt, wird doch sehr deutlich: Soziale Medien begleiten uns durch gute, aber auch durch schwierige Zeiten.

Dass das Internet nichts vergisst, ist dabei ein Aspekt. Ein weiterer ist, dass das Internet auch Dinge zeigt, die „im wirklichen Leben“ oft ungesehen bleiben. Dies kann auch zu Trigger-Effekten und Nachahmungstaten führen, die in der Medienwirkungsforschung auch als Werther-Effekt bezeichnet werden. Allerdings kann im Gegensatz zur Literatur des 18. Jahrhunderts das Netz gerade hinsichtlich suizidaler Gedanken und Suizidversuchen auch eine Plattform sein, die es durch entsprechende Hilfsangebote und Beratungsseiten ermöglicht, schnell und konstruktiv Unterstützung zu finden.

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Zum Einsatz in der (außerschulischen) Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen:

Laut der JIM-Studie besitzen 98 Prozent der befragten Jugendlichen ein Handy oder Smartphone. Dadurch haben sie Zugang zu einer schier endlosen Menge an Informationen, Erlebnissen und auch zu verschiedenen Kulturen. My Mirror zeigt sowohl Sonnen- als auch Schattenseiten der Internetwelt auf. Einerseits werden Möglichkeiten deutlich, sich selbst zu erproben und zu finden. Andererseits konfrontiert der Film auch mit dem Zugang zu etwas möglicherweise sogar Jugendgefährdendem wie einem Selbstmordversuch. Das entspricht der Lebensrealität von Jugendlichen: Nicht selten scheinen zuvor so unbeschwert wirkende Influencer:innen unter dem Druck der Öffentlichkeit zu zerbrechen.

Außerdem ist es nicht selten, dass auch Jugendliche Zugang zu Plattformen wie pr0gramm erhalten. Diese Imageplattform ist ähnlich wie 4chan voller niedlicher Tierbilder, Verschwörungstheorien, Gewalt und pornografischer Inhalte. Wer viel im Internet unterwegs ist, scheint fast schon zwangsläufig irgendwann auf Inhalte zu stoßen, die nicht gesucht wurden. Die Sonnen- und Schattenseiten der unbegrenzten Möglichkeiten des Internets kennen gerade Kinder und Jugendliche. Für sie sind Soziale Medien und Online-Games Lebensraum. Umso wichtiger ist ein medienkompetenter Umgang, d.h. die Reflektion problematischer Inhalte im Netz und der Umgang mit ihnen in medienpädagogischen Angeboten. Dazu braucht es Wissen, um unerwünschte Inhalte zu erkennen, Resilienz, um mit der Konfrontation mit ihnen umgehen zu können, und das Kennen eigener Grenzen sowie möglicher Anlaufstellen für Hilfe.

Zum Einsatz in der Arbeit mit Erwachsenen, Senior:innen und Pädagog:innen:

Einerseits bietet My Mirror Einblick in die indische Kultur. Andererseits ermöglicht der Kurzfilm, bestehende Probleme patriarchaler Strukturen mitteleuropäischer Kulturen mit einer gewissen emotionalen Distanz zu betrachten. Denn My Mirror erzählt unter dem Deckmantel einer anderen Kultur, was in westlicheren Kulturen immer noch inhärent ist. Bestehende Machtstrukturen, legitimiert allein durch den Anspruch, der darauf erhoben wird. Sei es Adultismus, wenn ältere Menschen über jüngere verfügen, allein aufgrund ihres Alters. Oder sexistische, verinnerlichte Strukturen, die geschlechtsspezifische Anforderungen an Menschen stellen, die längst veraltet sind oder schlichtweg falsch sind: „Ein Jungen weint nicht.“ „Frauen sind zu emotional.“

Gerade (medien-)pädagogisch handelnde Fachkräfte und generell Erwachsene, gleich welchen Alters, brauchen Reflexionsfähigkeit, Sensibilität und Offenheit gerade für junge Menschen. Es gilt zuzuhören, selbst wenn die digitale Welt, in denen sich jüngere bewegen, vielleicht überfordernd scheint. Und sie können mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie Plattform für Gespräche bieten und sich selbst ebenfalls mit den verschiedenen Facetten der digitalen Möglichkeiten beschäftigen. Denn es ist relevant und notwendig sowohl von den Schatten-, als auch Sonnenseiten des Internets Kenntnis zu haben. Denn durch Wissen um verschiedenste digitale Räume, können Erwachsene eigene Erfahrungen besser bewältigen und auch als Anlaufstelle für Jüngere dienen. Durch Offenheit und Interesse können problematische Konfrontationen gemeinsam bewältigt werden. Egal, ob es sich um kulturelle Differenzen in Online-Communitys, verinnerlichte Rollenbilder und Identitätsfindung, riskantes Medienverhalten oder selbstzerstörerisches Verhalten handelt. My Mirror zeigt, wie wichtig es ist, einander in Wünschen, Bedürfnissen und Zielen ernst zu nehmen.

Anknüpfungspunkte für die aktive Medienarbeit

Zukunftsmusik

Im Verlauf des Films spielt Musik eine große Rolle. Sie verdeutlicht eine Veränderung in Mythilis Einstellung. Die Aufgabe besteht darin, die Darstellung der im Film vorkommenden Charaktere und ihrer (ausbleibenden) musikalischen Untermalung genauer zu betrachten. Dazu machen sich die Teilnehmer:innen bei einer Sichtung des Films entsprechende Notizen und schreiben zu den einzelnen Personen passende Adjektive auf. Dabei legen sie besonderes Augenmerk auf die musikalische Untermalung der Charaktere. Vor allem sollte im Blick behalten werden, welche Musik traditioneller und welche moderner gewählt wurde. In Kleingruppen vergleichen sie ihre Ergebnisse und nehmen eine vorher festgelegte Person (Mythili, Ramesh, Sathish, Schwiegermutter) näher in den Blick und schreiben zu dieser einen Steckbrief.

Welche Eigenschaften hat die Person? Welche Ziele und Wünsche? Wie könnte für diese Person eine mögliche Zukunft nach dem offenen Ende des Films aussehen? Dazu überlegen sich die Teilnehmer:innen konkrete Lieder/Musikrichtungen, die sie auswählen würden, um die Charaktere zu untermalen. Dazu nutzen sie beispielsweise YouTube an Schulrechnern – hierbei sind Kopfhörer oder das Aufteilen der Gruppen in verschiedene Räume zu empfehlen. Anschließend werden die Steckbriefe und die gewählte Musik im Plenum vorgestellt und deren Auswahl begründet. In dieser Stelle wird darüber diskutiert, welche Aussagen musikalische Untermalungen im Film haben können. Besonders spannend dabei: Wie kann die indische Kultur einfließen?

Hinweis: Wie unterschiedlich Musik im Film wirkt, lässt sich auch mithilfe der App TopShot sehr gut erfahren. Unter „Interaktiv erleben“ gibt es die Möglichkeit, eine Filmsequenz mit unterschiedlichen Sounds zu unterlegen. Die App gibt es für Android und iOS.

Mythilis Mediennutzung – und meine

My Mirror zeigt einen Blick auf Mythilis Leben aus der Perspektive ihres Smartphones. Durch die Erarbeitung der Gründe von Mythilis Mediennutzung, kann auch das eigene Nutzungsverhalten reflektiert werden; darüber hinaus sollen Hilfemöglichkeiten kennengelernt werden. Im Laufe des Films verändert sich die Bedeutung, die die App My Mirror für Mythili hat. Insbesondere vor dem Hintergrund des engen Korsetts aus Begrenzungen, denen sie zu Hause als indische Hausfrau ausgesetzt ist, ist der Smartphone-Bildschirm für sie ein Tor zur „Welt draußen“. Hier – konkret in der App My Mirror – scheint alles möglich: Freundschaften mit Menschen überall auf der Welt, Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die immer für einen da ist, eine Selbstinszenierung fernab von traditionellen Rollenbildern u.v.m.

Der Weg von einer funktionalen hin zu einer dysfunktionalen bzw. „süchtigen“ Nutzung kann – auch wenn die Ursachen dafür sehr vielfältig sein können – über eine kompensatorische Nutzung geschehen. Eine Spirale der Abhängigkeit kann daraus resultieren. Aus diesem Grund lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Gründe und Motive für Mythilis Mediennutzung zu werfen.

Kleingruppenarbeit zur Mediennutzung

In Kleingruppenarbeit diskutieren die Teilnehmer:innen, was sie im Film über Mythilis Gefühle erfahren. Was empfindet Mythili? (Wie wird das filmisch dargestellt?) In welcher Weise reagiert ihr Mann bzw. ihr soziales Umfeld darauf? Nach der Ergebnispräsentation im Plenum können darüber hinaus auch noch folgende Fragen gestellt werden:

  1. Was ist der Grund für Mythilis erstes Video, das sie in die App My Mirror hochlädt? Inwiefern verändern sich ihre Gründe im Laufe des Films?
  2. Welche positiven Erfahrungen und Gefühle sind für Mythili mit der App verknüpft? Was kann ihr die App geben, was sie in ihrem „richtigen“ Leben nicht hat? In der Plenumsdiskussion soll deutlich werden, welche kompensatorischen Funktionen die App für Mythili besitzt (Stichworte: Einsamkeit, Eskapismus, Selbstdarstellung/-verwirklichung, Zugehörigkeit, Kommunikation, Identitätsbildung).

Im nächsten Schritt diskutieren die Teilnehmer:innen erst in Kleingruppen, dann im Plenum, wann sie selbst sich Medienangeboten zuwenden. Dadurch reflektieren sie ihre eigene Mediennutzung sowie ihre Strategien, mit negativen Gefühlen umzugehen.

  1. Was mache ich, wenn es mir nicht gut geht? Welche Tätigkeiten helfen mir?
  2. Habe ich schon mal Social Media (oder auch andere Medienangebote) genutzt, um mich von negativen Gefühlen abzulenken?
  3. Wie schätzen die Teilnehmer:innen Mythilis Situation ein? Was könnte ihr helfen?

Weiterführend lässt sich an dieser Stelle mit der Zielgruppe darüber sprechen, wie die Qualität der Beziehungen in Online-Netzwerken zu bewerten ist. Sind diese ebenso verbindlich?

Wie steht es hier mit der emotionalen Bindung? Auch die Rolle Sathishs als reiner Internetfreund kann hier eingeordnet werden. Wie lässt sich diese Beziehung charakterisieren – auch im Vergleich zu Mythilis Ehemann, zu dem Mythili nur per Telefon Kontakt hält? Inwiefern ist Rameshs Eifersucht gerechtfertigt?

Suchtgefahr eingebaut?

Apps wie My Mirror oder Instagram funktionieren über Mechanismen, die dazu motivieren, die Nutzung immer weiter fortzuführen. Unternehmen gestalten ihre Apps und Internetanwendungen bewusst so, dass Nutzer:innen möglichst viel Zeit darin und damit verbringen wollen. Denn das steigert das Interesse für Werbepartner und spült Geld in die Kassen. Indem sich der Methoden bewusst gemacht wird, mit denen solche Apps designed werden, kann dem entgegengewirkt werden und eine bewusste, zielgerichtete Nutzung erfolgen. Um dies zu erreichen, wird das Thema App-Design in der Gruppe diskutiert. Besonderes Augenmerk liegt darauf, welche Elemente darauf ausgelegt sind, die Nutzer:innen möglichst lange in der App zu halten. In Kleingruppen lesen die Teilnehmer:innen jeweils einen der folgenden Artikel mit dem Arbeitsauftrag: Welche Gestaltungselemente sorgen dafür, dass Nutzer:innen immer wieder zum Smartphone greifen (wollen)?

zeit.de: Mit welchen Tricks Instagram und Co dich süchtig machen

brandeins.de: Am Haken. Social Media-Sucht

Die Ergebnisse werden im Plenum präsentiert, beispielsweise in Form einer Mindmap oder eines Tafelanschriebs, anschließend wird über die eigenen Erfahrungen reflektiert. Wenn darüber hinaus Zeit vorhanden ist, können die Ergebnisse auch als Plakat gestaltet werden (das geht auch digital z.B. mit Canva). Zusätzlich bietet sich auch eine Diskussion darüber an, welche Maßnahmen dem entgegenwirken können.

„Just a stunt to get more attention“

Im Film My Mirror versucht Mythili, sich das Leben zu nehmen. Während eines Livestreams in der fiktiven App My Mirror legt sie ihren Follower:innen ihre Beweggründe dar und schildert ihre Verzweiflung. „Dies ist mein letztes Video“, sagt sie in die Kamera. Und später: „Mein richtiges Leben ist eine Hölle. Ich kann so nicht mehr leben! Es tut mir leid.“ Danach trinkt sie etwas aus einer kleinen Flasche und beendet den Livestream. Während sie trinkt, erhöhen sich die Zahlen der Personen, die ihrem Livestream folgen (oben rechts im Bild); sind es zu Beginn nur vier, ist die Zahl am Ende des Livestreams bei über 100 Personen angekommen. Leider existieren diese Fälle von Menschen, die sich das Leben nehmen und das live ins Internet übertragen, tatsächlich. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um ein reines Phänomen von Social Media.

Bereits im Jahr 1974 beendete die an Depressionen leidende Journalistin und Moderatorin Christine Chubbuck ihr Leben vor laufender Kamera, eine Geschichte, die mittlerweile auch verfilmt wurde. Und auch ohne Medieneinsatz gibt es Suizide, bei denen andere Menschen zugegen sind. Fälle von Selbsttötungen mit Publikum gab und gibt es also leider immer wieder. Doch wie damit umgehen, Zeug:in eines solchen Aktes zu werden? Nach der erneuten Sichtung der entsprechenden Szene diskutieren die Teilnehmer:innen in Kleingruppen die sieben Kommentare. Ziel ist es, diese Kommentare während Mythilis Selbstmordversuch zu übersetzen. Danach ist einzuordnen, welche Gefühle jeweils zum Ausdruck gebracht werden.

Wie schätzen die Zeug:innen die Situation ein? Was sagen die verwendeten Emojis zusätzlich über den Text aus? Welche Rollen lassen sich hier identifizieren (Bystander, Unterstützung, etc.)? Welche Reaktionen halten die Teilnehmer:innen selbst für angemessen oder sinnvoll? Ergänzend ist hier auch der Hinweis, dass nur sieben Kommentare gezeigt werden, aber über hundert Personen live Zeug:innen von Mythilis Suizidversuch sind. Was lässt sich über diese „schweigende Masse“ aussagen?

Doch wie Handlungsfähigkeit erlangen?

In diesem Sinne lässt sich die Frage stellen: Wie sozial sind soziale Netzwerke tatsächlich? Im Anschluss an die Kleingruppenphase werden die Ergebnisse im Plenum gesammelt. Sofern weitere Zeit zur Verfügung steht, lässt sich anhand dieser konkreten Beispiele ganz allgemein über das Thema Umgangsformen im Netz sprechen. Dazu können auch die anderen Kommentare, die im Laufe des Films gepostet werden, analysiert werden. In gleicher Weise interessant und wichtig ist der Aspekt des Zuschauereffekts (engl. bystander effect). Im Social Web kommt es häufig zu Bystandern (Dabeistehenden). Damit ist gemeint, dass Personen nachweislich weniger Hilfe leisten, wenn sie Zeuge eines Unfalls oder einer kriminellen Handlung werden, wenn andere Personen ebenfalls passiv bleiben und nicht eingreifen. Das Verhalten von Bystandern ist ebenfalls in Bezug auf die zentralen Herausforderungen im Umgang mit dem Internet und sozialen Medien – vor allem im Kontext Cybermobbing bzw. Hate Speech – äußerst problematisch und sollte mit der Zielgruppe näher erläutert werden.

Schließlich stellt sich immer auch die Frage, wie wir durch unser Medienhandeln bzw. unsere -nutzung den öffentlichen Raum prägen. In Bezug zum Film könnte das bedeuten, besonders auch das Problem von Bystandern bei Mobbing anzusprechen: Wie verhalten sich die Follwer:innen im Film in den Situationen, in es Mythili schlecht geht – insbesondere in der Szene des suizidalen Handelns?

Hinweis: jugendschutz.net hat einen Handlungsleitfaden für für „Gefahr-im-Verzug-Situationen im Internet“ speziell für Internet-Diensteanbieter und Online-Beratungsstellen erarbeitet und diesen vor wenigen Wochen aktualisiert. 

Passende Materialien zum Film

Weitere Materialien und Anregungen zu den filmischen Themen finden sich ebenfalls in unserer Materialdatenbank mekomat.de, z.B. der Medienratgeber für Familien zu einer maßvollen Mediennutzung oder Schüler:innensuizid.

Interessante und geeignete Beiträge finden sich auch in diesen bereits veröffentlichten Filmtipps:

Die letzte Ruhe, ein Film über die Individualisierung des Todes, und Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel, als humoristischer Film über Online-Communitys und Mediensucht.

Für wen?

Lehrer:innen, Senior:innen, Eltern, Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren

Bezugsmöglichkeiten

Ein Direktbezug der DVD mit Vorführrecht ist möglich über das Katholische Filmwerk kfw.

Unterstützend dazu ist eine Arbeitshilfe des kfw erhältlich, die wir als Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz erstellen durften. Diese Arbeitshilfe enthält eine ausführliche Beschäftigung mit den vier Bausteinen Tradition und Moderne, Geschlechterbilder in den Medien, Mediennutzung und Mediensucht, sowie Suizidalität. Inklusive der vier bereits vorgestellten medienpädagogischen Anknüpfungspunkte sind in diesem Filmtipp vierzehn medienpädagogische Anknüpfungspunkte zu finden. Diese sind jeweils abgestimmt auf die jeweiligen Themenfelder.

Fazit

My Mirror ist ein Kurzfilm, der in 19 Minuten auf kreative Weise die Geschichte der Inderin Mythili aus Sicht ihres Smartphones erzählt. Somit hält der Kurzfilm den Betrachtenden einen Spiegel vor, der Reflexionsmöglichkeiten unterschiedlichster Ebenen ermöglicht. Egal ob in Bereichen der Kultur, Mediensucht, Rollenbilder oder Selbsttötung: Hier werden Anknüpfungspunkte für eine Vielzahl von Themen geboten – und das realitätsnah und kreativ aufgearbeitet.

 

 

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