Vom www zum Web 3.0

Tabletbildschirm mit Augmented-Reality Elementen (Symbolbild dafür, wie das Internet sich weiterentwickelt))
© lassedesignen – Fotolia.com

Eine Momentaufnahme – neulich in der WG: Mit dem Einscannen der Milchtüte durch Paul im Supermarkt, weiß die zu Hause lernende Julia sofort, wo und was ihr Mitbewohner gerade einkauft. Eine kurze Info per WhatsApp an Franziska, die sich gerade in der Küche aufhält,  verkürzt die Wartezeit auf frischen Kaffee. Währenddessen fotografiert sie noch schnell die durch Paul und Julia analog ergänzten Kommentare zum Artikel „Herz auf Bestellung“ der aktuellen Ausgabe der Zeit. Damit entfacht Franziska auf facebook eine lebhafte Diskussion, der sich auch Paul nicht entziehen kann. Aus diesem Grund übersieht dieser beinahe das neu aufblinkende Einkaufslisten-Item „Kaffeepulver“.

Nicht einmal fünf Minuten später sitzen Paul, Julia und Franziska gemeinsam über einer heißen Tasse Kaffee und generieren einen Live-Stream zu der bei facebook begonnen Diskussion.  Erik, der gerade ein Austauschsemester in Japan macht, verfolgt die Beiträge der Dreien über die following-Funktion und kommentiert diese auf seinem Nachhauseweg von der Arbeit mit der „like-Funktion“.

Internet ist derzeit ohne Social Network Services, cloud, Microblogging & co nicht vorstellbar.

Dass das nicht immer so war, verdeutlicht der Blick auf den Vorgänger der Social Web-Ära: Damals, in grauer Vorzeit – im Internetzeitalter also vor nicht einmal 20 Jahren – gab es nur statische Webseiten, die von cleveren Webprogrammierern erstellt und von zunehmend mehr Menschen betrachtet werden konnten. Damit war das World Wide Web in seinen Anfängen, seit der „Erfindung“ durch Tim Berners-Lee 1991, zu beschreiben als ein vor allem einseitig informierendes – und dann bald zunehmend unterhaltendes – Medium. Auch wenn frühe Formen der synchronen Kommunikation, z.B. Chats eine so nie dagewesene Interaktivität suggerierten, handelte es sich hierbei, anders als bei Sozialen Netzwerken, immer um solitäre Systeme.

Dieses seinerzeit als „das Netz“, „die Datenautobahn“ und mit anderen Analogien bezeichnete Internet bekam erst rückwirkend die Versionsnummer „1.0“. Es herrschte in dieser Form bis ins in das Jahr 2001 vor, in dem die sogenannte „Dot-Com Blase“ platzte. Dieser von Massenmedien geprägte Kunstbegriff bezeichnete das Ende einer durch überzogene Hoffnung auf Gewinne gewachsenen Spekulation, die insbesondere die so genannten „.com“ (sprich: Dot com)-Unternehmen der New Economy betraf und vor allem in Industrieländern zu massiven Vermögensverlusten für Kleinanleger führte.

Eine der größten Veränderung, die durch das Platzen dieser Spekulationsblase entstand, ist unser aktuelles Web 2.0. – das Social Web. 2004 nutzte Tim O‘Reilly diesen Begriff auf der ersten Web 2.0- Konferenz in San Francisco zum allerersten Mal, seitdem ist dieser in aller Munde.

Doch was bedeutet Web 2.0 eigentlich?

Es geht beim Übergang vom Web 1.0 zum Web 2.0 nicht primär um die Einführung einer neuen Technik, sondern um eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets.
Die Veränderung betrifft zum einen die Ausweitung des Nutzerradius, und zum anderen die Intensität und -frequenz der Nutzung durch ein immer größer werdendes Publikum. Das Web 2.0 ist, anders als das Web 1.0, für viele Menschen zu einem Tagesbegleitmedium geworden. D.h. es wird nicht mehr nur an medienzentrierten Orten wie dem Schreibtisch oder im Wohnzimmer der Fernseher genutzt, sondern dank mobiler Endgeräte jederzeit und überall. Dies lässt sich besonders durch das ihm innewohnende Moment der Aktivierung und des wechselseitigen Austauschs in sozialen Netzwerken erklären.

Werkzeuge für verteiltes und vernetztes Arbeiten (crowdsourcing) etc., unterstützen Menschen bei der zeit- und ortsunabhängigen Vernetzung miteinander und Arbeitsaufteilung untereinander. Aufgaben können mittlerweile online mit unterschiedlichen Systemen synchronisiert und bearbeitet werden. Im Kern geht es um die gemeinsame Nutzung und den Austausch von Inhalten, womit das Internet zum Social Web wird.

Auch wenn es nicht bloß um eine neue Technik geht, ist die Vereinfachung der Erstellung und Verbreitung von eigenen Inhalten der Dreh- und Angelpunkt: Mit „Web 2.0“ meinen Software-Hersteller und Open Source- Entwickler, dass die Zusammenarbeit verschiedener Techniken zu einem flexibleren, leichter zu ergänzenden und umzugestaltenden Web-Inhalt führt. Denn grundsätzlich hat jeder Nutzer die Möglichkeit, unterstützt von interaktiven Web Anwendungen, Inhalte selbst zu erstellen, zu bearbeiten und im Internet zu verteilen. Dies wird dann als user generated content bezeichnet. Somit können auch weniger technikaffine Nutzer aktiv an der Gestaltung des Internet mitwirken.

Auch die Stellung des Web-Administrators ist im Zeitalter des Social Web – wo jeder Nutzer Administrationsfunktionen, z.B. in seiner Rolle als „facebook-Manager“ übernehmen kann – eine andere: Im Rahmen der Web-1.0-Philosophie entwickelten Softwareunternehmer vor allem Anwendungen, die Nutzer herunterladen konnten. Ein Feedback blieb bei funktionierender Anwendung zumeist aus. Durch die sich aufhebenden Grenzen zwischen der Gestaltung und Nutzung des Webs ist eine Rückkopplung zwischen verschiedenen Akteuren im Web 2.0 nahezu uneingeschränkt und rasant möglich. Nach Jodeleit (2012, 6) ist die Rolle von Web-Administratoren heute mit der eines Dirigenten vergleichbar, welcher der anspruchsvollen Aufgabe des Coachings eines sehr unterschiedlich kompetenten Chors gegenübersteht.

Zudem besteht ein unbestreitbar hohes und auf vielerlei Ursachen zurückzuführendes Interesse der Nutzer daran, den eigens erstellten Webinhalt aktuell und dynamisch zu halten, indem sie diesen stets aktualisieren. Das sichert das Interesse der Nutzer und hält die Seite am Leben.

Zusammenfassend helfen viele Web 2.0 Angebote dabei, die Komplexität des Alltagslebens zu reduzieren. Durch größtmögliche Vernetzung von Menschen sind kreative Lösungen möglich. Außerdem ist der Spaßfaktor der meisten Anwendungen des Social Web eine nicht zu unterschätzende Tatsache: spielerische Benutzungsoberflächen und Designs passen hervorragend zu einem flexiblen, mobilen Lebensstil.

Und was folgt nun? Das Web 3.0 als „intelligentes Web“?

Der „Erfinder“ des Internet, Tim Berners-Lee beschreibt das Web 3.0 als „semantisches Web“, d.h. als ein “Netz von Daten, die direkt und indirekt von Maschinen verarbeitet werden können”.

Entscheidend hierbei ist, dass nicht neue Daten erzeugt, sondern vorhandene Daten semantisch verknüpft werden und damit ein informationeller Mehrwert geschaffen wird. Besonders interessant sind die verschiedenen Eingabemethoden, mit denen das semantische Web nutzbar sein soll. Nicht nur über mobile Endgeräte wie Smartphones und Netbooks, sondern auch über Spracheingabe und visuelle Inputs können uneingeschränkt Daten abgerufen werden.

Indem Daten mit maschinenlesbaren Meta-Daten versehen können im Web 3.0 die Bedeutungen von Informationen für Maschinen verwertbar gemacht werden, sodass eine anschließende automatische Weiterverarbeitung stattfinden kann. Legt man diese Zieldefinition zugrunde, dann scheinen die Grenzen zwischen Web 2.0 und Web 3.0 zum momentanen Zeitpunkt immer durchlässiger zu werden.

Rückblickend auf die zu Beginn erwähnte Momentaufnahme, können die vier Studierenden bei einer gemeinsamen Reise bereits zum jetzigen Zeitpunkt der Internetentwicklung am Ankunftsbahnhof durch die Verwendung einer „Mobilitäts-App“ verfügbare Transportmittel maschinell miteinander vergleichen lassen. Schon bei der automatisierten Aktualisierung des Standorts der Reisenden findet ein Vergleich von verschiedenen Fortbewegungsmöglichkeiten statt. Hierdurch werden die Optionen (privates Carsharing oder öffentliche Verkehrsmittel, und wenn letzteres: ist die Verbindung mit Bus oder Bahn besser?) in Beziehung zueinander gebracht. Bereits jetzt können zu Sehenswürdigkeiten auf der Reiseroute, mit entsprechenden Apps abfotografiert, wie auf einer Klarsichtfolie zusätzliche Informationen abgerufen werden. Die „ergänzte Realität“ (Augmented Reality, im Unterschied zu der völlig frei konstruierten virtuellen Realität) wird so schrittweise für jedermann zugänglich.

Schnell wird beim Durchspielen des Szenarios deutlich: Es ist also bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt möglich, einen informationellen Mehrwert durch semantische Verknüpfungen zu erzielen. Doch inwieweit sind hierfür noch Voreinstellungen, die derzeit selbst festgelegt werden müssen, wie die Prioritätenlegung auf CO²-neutrales Reisen (momentan noch) von Nöten? Zu welchem Anteil läuft bereits jetzt der durchgeführte Vergleich vollständig maschinell ab?

Betrachtet man neueste Entwicklungen wie das google glasses Projekt, erscheint das Ziel des semantischen Web 3.0 in greifbare Nähe gerückt: Wenn nach dem Aufziehen der google Brille für eine Fotoaufnahme nur noch „take a picture“ gesagt werden muss und sodann dieses zum Zeitpunkt der Aufnahme mit Freunden auf der ganzen Welt geteilt werden kann oder auch eine Simultanübersetzung von Deutsch nach Japanisch schon während des Sprechens möglich ist, kann man aus technischer Sicht von dem Eintritt in ein neues Zeitalter sprechen.

Zum Weiterlesen:

http://www.google.com/glass/start/what-it-does/

Bernhard Jodeleit (2012): Social Media Relations: Leitfaden für erfolgreiche PR-Strategien und Öffentlichkeitsarbeit im Web 2.0, 2., aktualis. u. erw. Aufl., Heidelberg

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