Die letzte Ruhe

Die letzte Ruhe
Bild: Screenshot

Worum geht’s?

Eckdaten des Films:

Ein Film von Julia Langdorf

Länge: 29 Minuten

Erscheinungsjahr, Produktionsland: 2018, Schweiz, Deutschland

Produktion: NZZ Format

empfohlen ab 12 Jahren, Infoprogramm gemäß §14 JuSchG

Schuljahre: Sekundarstufe I: ab Klasse 6 und Sek. II

Während die Bestattungskultur bislang stark durch die Religion bestimmt war – und mitunter auch noch ist, wünschen sich immer mehr Menschen eine selbstbestimmte und individuelle Art und Weise der Bestattung. Dabei verzeichnet die Kremation deutlichen Zuwachs. Schließlich lässt sich der letzte, große Auftritt mit Asche kreativer gestalten: Von aus Asche gepressten Diamantringen bis hin zu unsterblichen Avataren, die in der Lage sind, mit den Hinterbliebenen zu kommunizieren – vieles ist möglich und muss neu gedacht werden. Ein Film, der zum Nachdenken anregt.

Welche medienpädagogischen Themen werden im Film angesprochen?

  • (digitale) Erinnerungs- und Bestattungskultur
  • Digitale Ethik
  • Wertebildung
  • Künstliche Intelligenz
  • Digitalisierung
  • Algorithmen

Individualisierung als ein Merkmal moderner Gesellschaften

Unsere modernen westlichen Gesellschaften sind geprägt durch ein hohes Maß an sozialer Differenzierung und Individualisierung. Länder wie Deutschland, Frankreich oder etwa Luxemburg gelten als zunehmend vielfältige Staaten. Diversität verweist dabei auf die, in der modernen Gesellschaft vorherrschende, Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Lebensformen. Das bedeutet, dass Individuen in ihrer Lebensführung immer selbstbestimmter und freier von Traditionen und gesellschaftlichen Vorgaben handeln (können). Durch den Zugewinn an Autonomie werden sie (zumindest formal) in ihrer Entscheidungs- bzw. Handlungsfreiheit ungebundener.

Schon 1890 beschrieb der Soziologe Georg Simmel (1858–-1918) in seinem Werk „Über sociale Differenzierung“ eine verstärkte Individualisierung als zentrale Folge des Modernisierungsprozesses und nennt die daraus resultierenden Folgen für das Individuum und seine Umwelt. Neben ihm beschäftigen sich auch weitere Gründungsväter der Soziologie wie Max Weber, Émile Durkheim oder Ferdinand Tönnies mit den massiven Veränderungsprozessen der damaligen Zeit (Industrialisierung, Urbanisierung, soziale Frage usw.)

„Je individueller im Leben, desto individueller auch im Tod“

Die sich herausbildende Vielfalt an persönlichen Entscheidungen, betrifft, wie der Film zeigt, nicht mehr nur Fragen der (individuellen) Lebensführung, sondern zunehmend auch nach einer besonderen und selbstbestimmten Art der Bestattung. Immer mehr Menschen wünschen sich nämlich eine originelle und den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen, entsprechende Form der Bestattungskultur. Während Erdbestattungen immer seltener werden, verzeichnet die Kremation, also Feuerbestattungen, einen Boom. Schließlich lässt sich der letzte Wunsch mit Asche viel kreativer gestalten. So individuell wie das Leben, sollen auch der Tod und die Beisetzung sein. So können etwa passionierte Extrem-Bergsteiger das Jenseits im ewigen Gletschereis verbringen, Astronomie-Fans lassen ihre sterblichen Überreste ins All fliegen, oder die Asche endet gepresst als Diamantring am Finger der trauernden Witwe.

Auch die virtuelle Welt hält mittlerweile einige Kontaktmöglichkeiten für Hinterbliebene bereit, die sich selbst durch den Tod nicht von ihren Liebsten trennen lassen wollen. Wie der Film zeigt, reichen die Möglichkeiten dabei von zu Lebzeiten aufgenommenen Videobotschaften, die dann zu bestimmten Zeitpunkten oder Anlässen „aus dem Jenseits“ an die Hinterbliebenen versendet werden, bis hin zur Entwicklung eines Avatars, der digital unsterblich ist.

Zum Einsatz in der (außerschulischen) Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen

Das Thema Sterben und Tod ist in unserer hiesigen Gesellschaft immer noch etwas, das gemeinhin tabuisiert wird und mit Ängsten belegt ist. Häufig versuchen Erwachsene, jedes Bewusstsein vom Tod von (ihren) Kindern fernzuhalten. Dabei ist das Thema junge Menschen keineswegs fremd. Kinder und Jugendliche begegnen dem Tod alltäglich: ob fiktiven Toden in Cartoons, Videospielen, Filmen oder Büchern oder realen, aber fernen Toden in den Nachrichten und oftmals auch dem Tod des Haustiers oder eines Bekannten, Freundes oder Familienmitgliedes. Gerade Kinder sollten dabei die Möglichkeit haben, den Tod durch Beobachtung und Erlebnisse in ihrem täglichen Leben kennenzulernen. Deshalb sollten erwachsene Bezugspersonen die Möglichkeiten wahrnehmen, die sich im Alltag bieten, um mit Heranwachsenden die Grundgedanken von Tod und Trauer näherzubringen.

Den Tod als Teil des Lebens zu verstehen und anzunehmen, macht seine Unausweichlichkeit weniger unerträglich. So können Kinder und Jugendliche etwa einen realen Todesfall besser bewältigen, wenn sie sich vorher mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Natürlich sollte diesbezüglich berücksichtigt werden, dass junge Menschen in jedem Stadium ihrer Entwicklung anders über den Tod nachdenken, die andere Fragen dazu haben und stellen und auch anders darüber sprechen. Vor allem bedeutet dies, dass Erwachsene sich auch sensibel als Gesprächspartner zur Verfügung stellen müssen, was eine eigene Beschäftigung mit dem Thema voraussetzt.
Grundsätzlich jedoch lässt sich sagen, dass das Thema des Films sehr persönlich ist. Deshalb sollte der Kontext bei der Behandlung des Films stets ein freiwilliger sein und ein geschützter Rahmen innerhalb der Klasse bzw. Gruppe bestehen.

Sterben, Tod und Trauer im Wandel der Zeit

Neben den Thema Tod und Sterben bietet sich der Film „Die letzte Ruhe“ ebenfalls dafür an, über die Entwicklungen im Bereich der Sterbe- und Bestattungskultur zu sprechen. Schließlich lassen sich die, im Film gezeigten Beispiele von Bestattungen und die diesbezüglichen Online-Dienste (z.B. unsterbliche Avatare, Kontaktaufnahmen aus dem Jenseits etc.) nur unter diesem Hintergrund richtig einordnen und verstehen. Sterben, Tod und Trauer unterliegen einem tiefgreifenden sozialen, professionellen und kulturell-religiösen Wandel. Während man früher meist im eigenen Bett und im Beisein der (Groß-)Familie verstarb, findet Sterben und der Tod heute in aller Regel abseits vom alltäglichen Zusammensein statt, da die oben beschrieben Funktions-Differenzierung in modernen Gesellschaften auch an den Grenzen des Lebens greift.

Gerade für Krankheit und Tod haben wir spezialisierte Einrichtungen geschaffen. Hier spielen Institutionen wie Krankenhäuser oder Hospize im Bereich der (ambulanten) Sterbehilfe eine zentrale Rolle. Diese Entwicklung wurde erst durch die Säkularisierung, also die Trennung von Kirche und Staat denkbar. Ein Paradigmenwechsel hin zu einer kommunalisierten Sorge zeichnet sich ab. Damit werden den Tod und das Sterben ein Thema in der Diskussion um die Zukunft der öffentlichen Gesundheit (Public Health) und der gesellschaftlichen Solidarität.

Im schulischen Kontext können diese Themen insbesondere in den Fächern Religion, Ethik, Sozial- oder Gesellschaftskunde behandelt werden. Wichtig dabei ist es auch aufzuzeigen, dass die Entwicklungen in diesem Bereich niemals abgeschlossen sind. Sie unterliegen stets einem gesellschaftlichen Wandel und Aushandlungsprozess, ähnlich wie es sich auch im Bereich der Sprache oder der moralischen Wertvorstellungen verhält.

Avatare und Nachrichten aus dem Jenseits – virtuelle Möglichkeiten der Bestattungskultur

Ein weiterer Anknüpfungspunkt in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind die virtuellen Möglichkeiten, die Menschen mittlerweile haben, um in Kontakt mit ihren Hinterbliebenen zu bleiben. Gerade junge Menschen werden von den beschriebenen (technischen) Entwicklungen noch lange betroffen sein. Sie sind es schließlich, die – auch wenn der Begriff bzw. die Idee dahinter fragwürdig ist – als sogenannte Digital Natives (deutsch: „digitale Eingeborene“) aufgewachsen sind und für die die Digitalisierung mittlerweile ein vollkommener Teil ihrer Lebenswelt darstellt.

Wie stehen Heranwachsende also zu einem unsterblichen Avatar, der nach Lebzeiten in der Lage ist, mit Familie und Freunden zu kommunizieren? Was halten sie von Videobotschaften „aus dem Jenseits“? Wie ordnen sie die Situationen ein? Liegen der Zielgruppe solche Mittel eher fern oder erachten sie diese als normal und erkennen ggf. ein Potenzial darin? Wenn ja, inwiefern? Das Thema wirft Parallelen zu den Diskursen rund um das Thema Künstliche Intelligenz (KI) auf. Letztlich funktionieren die beschriebenen Anwendungen nur mittels KI. Auch an dieser Stelle sollte Wert darauf gelegt werden, dass die Diskussion allgemein und theoretisch gedacht bleibt und nicht (zu) persönlich wird.

Zum Einsatz in der Arbeit mit Erwachsenen, SeniorInnen und PädagogInnen

Die vorliegende Thematik eignet sich ebenfalls sehr gut für den Einsatz mit einer erwachsenen Zielgruppe. Wie sehen diese die (technischen) Entwicklungen im Bereich der Sterbekultur? Schließlich nimmt diese Gruppe die Digitalisierung meist nicht als von vornherein gegeben an und kann die diesbezüglichen Entwicklungen in einem Gesamtkontext verorten. Auch ist das Verhältnis zum Glauben und zu einer Religion bei Erwachsenen häufig (noch) ein anderes als bei jungen Menschen. Glaube und Religion waren zu ihrer Zeit ein selbstverständlicher Teil in der Erziehung, und auch das Zusammenleben war stärker davon geprägt, als es mitunter heute der Fall ist. Die o.g. Diskussionspunkte und Impulsfragen bieten sich also in diesem Kontext genauso gut an und können – unter Berücksichtigung dessen – umso spannender sein.

Anknüpfungspunkte für aktive Medienarbeit

„So schwer war das nicht“

Gemeinsam in der Klasse bzw. Gruppe schaut man auf die folgenden Zeilen aus dem Buch „Mein Buch vom Leben und Sterben“ von Dada Peng. Der Musiker und Autor aus Köln versucht in seinen Werken das Thema Sterben auf eine junge und alltagsnahe Art und Weise anzugehen und gilt als ein Unterstützer der Hospizbewegung.

„Ich bin nur gestorben
es war gar nicht schlimm.
So wie geboren
ist es einfach geschehn.
Ich bin nur gestorben,
und du warst bei mir
an jenem Morgen
dafür danke ich Dir.
Ich bin nur gestorben
so schwer war das nicht
ich schloss einfach die Augen
dann ging ich ins Licht …“

Collage

Bei diesem Punkt geht es darum, gemeinsam mit der Zielgruppe eine Collage zum Thema Trauer zu erstellen. Daneben sind auch weitere Themen möglich wie: Glaube und Religion oder Leben und Tod. Eine Collage lässt sich als ein Kunstwerk, verstehen, das aus vielerlei Materialien wie z.B. Papier, Zeitungsartikeln, Fotos, Stoff etc. hergestellt wird. Diese Materialien, die etwas vom jeweiligen Thema darstellen, werden dann auf einem Hintergrundpapier positioniert und geklebt. Durch ein solches Projekt ist es möglich sich den Themen des Films auf eine kreative Weise zu nähern. Das Endergebnis ist dabei immer etwas ganz besonderes, weil es ein echtes Unikat ist und sich als Summe der Teile verstehen lässt, welche die einzelnen Gruppen oder Personen beitragen. Die fertige Collage kann dann im Gruppenraum/Klassenzimmer oder auf dem Flur ausgehängt werden.

Je nach technischer Ausstattung kann die Gruppe mit eine einfachem Bildbearbeitungsprogramm und selbst erstellten oder kostenlos online verfügbaren Bildern auch eine digitale Collage erstellen. Alternativ kann auch eine Bildergalerie oder Diashow erstellt werden, mit der die TN individuell oder in Partnerarbeit ihre Gefühle und Erfahrungen mit Trauer-Anlässen ausdrücken. Entsprechende Hinweise auf Apps und Bildquellen finden Sie in unserer Mindmap mit Online-Tools.

Online-Trauerbewältigung

Mittlerweile gibt es eine weitreichende Trauer-Kultur online. Je mehr wir unser Leben in digitalen Medien kommunizieren, desto mehr liegt es nahe, auch nach dem Tod das „digitale Erbe“ weiter zu verwalten oder eben online der Verstorbenen zu gedenken. Der Markt für Trauerbegleitung, ein Spezialfeld der Online-Beratung boomt. Neben kommerziellen Trauerforen gibt es aber auch viele, oft liebevoll gestaltete Gedenkseiten. Eine gemeinsame Betrachtung von Seiten wie meinetrauer.de oder forum.aspetos.com kann Einstieg in eine Auseinandersetzung darüber sein, wie die Teilnehmenden sich einen Nachruf wünschen und welche Vorstellungen von Erinnerungen nach dem Tod sie jeweils haben.

Über diese konkreten Fragen hinaus kann das Gespräch auch grundsätzlich Bedürfnisse Trauernder thematisieren und welche Ideen die Teilnehmenden haben, wie damit idealerweise umzugehen sei. Ist so eine online-Traueranzeige für mich eine passende Form? Ist ein „Online-Grabbesuch“ vergleichbar mit einem Gang über den Friedhof? Welche Elemente gefallen mir auf Trauer-Webseiten und in Trauer-Foren, welche nicht? Was hilft mir weiter?

Blogger-ABC

Bei dieser Aufgabe geht es darum, zu jedem Buchstaben des Alphabets einen Begriff zu finden, der in Bezug zum Bloggen steht. Durch diese Übung ist es beispielsweise möglich, sich spielerisch den Inhalten des Films zu nähern und mit den Jugendlichen darüber ins Gespräch zu kommen. So kann etwa das Augenmerk auf einen und respektvollen Umgang in sozialen Netzwerken gelegt werden. Denn nicht alles sollte in einem Blog geschrieben, gesagt oder abgebildet werden. Auch die Online-Kommunikation sollte Grenzen haben. Die Gruppe kann daher abschließend auch eine Netiquette für die Kommunikation im Social Web erstellen.

Passende Materialien

Weitere Materialien und Anregungen zu den filmischen Themen von „Die letzte Ruhe“ finden sich ebenfalls in unserer Materialdatenbank Mekomat.de, z.B. die Veröffentlichungen „Schülersuizid – Was Lehrerinnen und Lehrer wissen sollten“, „Filmarbeitshilfe: Die andere Seite des Lebens – Sterben und Tod im Film“ oder auch, der bereits besprochene Filmtipp: „Ich hab noch Auferstehung“.

Für wen?

LehrerInnen, SeniorInnen, Eltern sowie Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren

Bezugsmöglichkeiten:

Ein Direktbezug der DVD mit Vorführrecht ist unter oekumenischer-medienladen.de möglich.

Fazit

Der Film „Die letzte Ruhe: von individuell bis inszeniert“ behandelt eine immer noch stark tabuisierte Thematik. Die Beschäftigung mit Sterben, Tod und Trauer ist in der Lebenswelt von (jungen) Menschen jedoch keineswegs fern. Es gibt dabei zahlreiche Berührungspunkte im Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Erwachsenen fehlt dabei oft ein Zugang zum Thema oder sie wollen Heranwachsende vor den Themen beschützen bzw. nicht damit belasten. Diesem Problem nimmt sich der Film an. Auf anschauliche Art und Weise behandelt er den beschriebenen Gegenstand und nennt moderne Beispiele von Sterbe- und Bestattungskulturen in unserer Gesellschaft. Dabei macht er die Themen für eine Behandlung mit einer jüngeren Zielgruppe ebenso zugänglich wie für die mit einer erwachsenen. Abschließend sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die Materie des Films eine sehr private und vertraute ist. Aus diesem Grund sollte die Thematisierung dessen immer unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes gesehen und bearbeitet werden.

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