Dunkelnacht: Frage nach individueller wie kollektiver Schuld

Coverbild "Dunkelnacht" von Kirsten Boie
Buchcover: Verlagsgruppe Oetinger, Hintergrund: Deutsche Bischofskonferenz

Autorin Kirsten Boie erhält für ihr Werk „Dunkelnacht“ den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz 2022. „Es gibt sie, die weißen Flecken auf der Landkarte der deutschen Geschichte. Umso eindringlicher erscheint ein Roman, der den erzählenden Blick auf eine Randlandschaft der Erinnerungskultur lenkt und damit die Frage nach individueller wie kollektiver Schuld aufgreift.“ So beginnt die Begründung der Jury. Zuvor hatte die Jury die Aufgabe, aus 161 vorgeschlagenen Titeln ein Preisbuch zu bestimmen. Den Vorsitz der Jury hat der Trierer Weihbischof Robert Brahm. Der Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis wird in diesem Jahr zum 33. Mal vergeben und ist mit 5.000 Euro dotiert.

„Dunkelnacht“ erzählt auf 112 Seiten eine wahre Begebenheit kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. In der bayerischen Stadt Penzberg erlässt die Wehrmacht den Befehl, alle Widerständler:innen sofort hinzurichten. Daraufhin tötet ein Mob aus Nationalsozialisten, Dorfbewohner und Soldaten 16 Frauen und Männer. Auf diese Weise erinnert Kirsten Boie an eines der sogenannten Endphasenverbrechen.

Fakt und Fiktion

In dieser Umbruchsituation zwischen Krieg und Frieden suchen in „Dunkelnacht“ drei Jugendliche ihren Weg durch das Chaos. Dabei vermischt die Autorin in ihrer Erzählung genauestens recherchierte historische Fakten mit der fiktionalen Geschichte von Marie, Schorsch und Gustl. Diese drei jungen Menschen sind nicht nur notwendige Identifikationsfiguren für junge Leser:innen, sondern ermöglichen vor ihren unterschiedlichen biografischen Hintergründen auch wechselnde Perspektiven auf das Geschehen.

„Ohne zu moralisieren zeigt Kirsten Boie damit ethische Haltungen auf und kontrastiert sie mit dem Handeln jener, die bereits während der Tat damit beginnen, ihre eigene Biografie für ein ‚Danach‘ zu schönen“, heißt es weiter in der Jury-Begründung. „[…] Dieserart wird die im kollektiven Gedächtnis verleugnete Schuld zu einer hochbrisanten individuellen Fragestellung – auch und gerade für eine nachgeborene Generation, die vielfach keinen authentischen Zugang mehr zu den Ereignissen bekommen kann. Gerade jetzt soll damit ein Text ausgezeichnet werden, in dem und durch den soziale Verantwortung und Nächstenliebe auf besondere Weise eingefordert werden.“

15 Titel auf der Empfehlungsliste

Aus den 161 für den Preis vorgeschlagenen Titeln hatte die Jury zuvor eine Empfehlungsliste von 15 Titeln erstellt. Diese Bücher ermöglichen Leserinnen und Lesern vom Kleinkindalter bis in die Jugend auf beispielhafte Weise einen Zugang zu christlichen Werten, religiösem Leben und Interkulturalität.

Der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis ist ein Literaturpreis, der von der Deutschen Bischofskonferenz seit 1979 verliehen wird. Die Idee geht dabei auf den Schriftsteller Willi Fährmann zurück. Er bat Bischof Heinrich Tenhumberg, stärker auf die Bedeutung von Kinder- und Jugendliteratur hinzuweisen. Ausgezeichnet werden deutschsprachige Bücher, die beispielhaft und altersgemäß religiöse Erfahrungen vermitteln, Glaubenswissen erschließen und christliche Lebenshaltungen verdeutlichen. Seit 1997 erhalten die Preisträger:innen eine in Bronze gegossene Statuette, „Die Lesende“. Die diesjährige Preisverleihung findet am 2. Juni 2022 durch Bischof Dr. Franz Jung (Würzburg) in Würzburg statt.
Im vergangenen Jahr hatte sich der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz geweigert, der Entscheidung der Jury zu folgen, da der Jugendroman „Papierklavier“ der Autorin Elisabeth Steinkellner das Thema Transgender positiv aufgriff. Daraufhin wurden die Statuten zum Kinder- und Jugendbuchpreis überarbeitet: Die Entscheidung der Fachjury ist nun endgültig.

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