Das perfekte Geheimnis

Das perfekte Geheimnis
Screenshot (kfw)

Worum geht’s?

Eckdaten des Films: 

Ein Film von Lena Schömann und Bora Dagtekin

Länge: 114 Minuten

Erscheinungsjahr, Produktionsland: 2019, Deutschland

Produktion: Constantin Filmproduktion

ab 14 Jahren (FSK 12: Vorsicht Gewaltdarstellung, Homophobie, sexualisierte Sprache, Nacktheit)

Schuljahre: Sekundarstufe I ab Klassenstufe 9 sowie Sek. II

Es ist Pärchenabend während einer besonderen Mondnacht. Alle kommen zusammen und essen gemeinsam. Doch die Beziehungen sind angespannt, und eine zentrale Rolle nehmen dabei die Smartphones ein. Also entschließt sich die Gruppe zu brutaler Offenheit. Darum werden nun alle Handys in die Tischmitte gelegt, jede eingehende Nachricht vorgelesen und jedes Telefonat auf laut gestellt. Dabei wird immer mehr Verschwiegenes ausgesprochen und Geheimnisse werden aufgedeckt. Es ist also Schluss mit Privatsphäre. Mit Beziehungsproblemen, Affären, vulgärer Sprache und einem unfreiwilligen Outing kommt alles auf den Tisch. Auch, dass die perfekte Männerfreundschaft seit der Grundschule tatsächlich nicht ganz so offen und verständnisvoll ist, wie zuvor gedacht. Der Abend verläuft sehr problematisch und eskaliert schließlich.

Welche medienpädagogischen Themen werden im Film angesprochen?

  • Medienverhalten
  • Mediennutzung
  • Medienwirkung
  • Privatsphäre
  • Cybermobbing
  • Medienethik

Geheimnisse und Wahrheiten

Schnell wird deutlich, dass alle Charaktere im Film ihre Geheimnisse haben. In den (romantischen) Beziehungen wird nicht über eigentliche Wünsche und Bedürfnisse gesprochen. Zentrales Thema, das sich alle Charaktere teilen, ist der (Selbst-)Betrug. Lediglich drei der Personen scheinen nicht fremdzugehen.

Dabei ist die Darstellungsweise von Emanzipation, dass neben der Mutterschaft auch Karriere bestehen muss, was das Spannungsverhältnis der weiblichen Sozialisation verdeutlicht. Hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, erfolgreich sein zu müssen und gleichzeitig die perfekte Mutter zu sein. Was nicht zuletzt durch die Äußerungen von Carlotta verdeutlicht wird, welche sich verpflichtet fühlt, im Sinne der Emanzipation eine Karrierefrau zu sein und kein „Muttertier“.

Das dargestellte Verständnis von Emanzipation und Feminismus wirkt diskussionswürdig. Gerade Carlotta macht deutlich, sie wolle lieber nicht weiter in der Werbeagentur arbeiten und sich der Mutterschaft hingeben. Dabei würde ihr Ehemann Leo doch genauso gerne Rollen tauschen, immerhin entspreche die spaßige Darstellung seiner Elternzeit auf Facebook nicht der Wahrheit. Das Problem: Sie sprechen nicht darüber.

Die Rolle der Medienwirkung wird teilweise eher unterschwellig deutlich: Schönheitshandeln wie Waxing bei Männern und Brustoperationen bei Frauen sind am Rande Thema, lassen sich durchaus auf die mediale Darstellung von Schönheit zurückführen. Zentraler ist aber der Versuch der Aufrechterhaltung bestimmter Idealvorstellungen von Rollenverteilungen, Beziehungen und Karrieren, um so den „schönen Schein“ zu wahren. Hier lässt sich vermuten, dass Social Media, die Film- und Werbeindustrie ihren Beitrag dazu leisten.

Outing

Es findet gleichzeitig eine Vermittlung negativer Frauen- und Männerbilder statt, die nicht zuletzt im eher unfreiwilligen Outing der Figur Pepe deutlich wird. Denn Pepes geheimnisvolle Freundin Anna ist eigentlich Hannes. Die Reaktion der engen Freund:innen zum Thema Homosexualität ist überwiegend geprägt von verächtlichen Bezeichnungen und homophoben Äußerungen. Mit dem Eintreffen einer Nachricht wird deutlich, dass Pepe zudem Opfer von Cybermobbing ist. Er ist Lehrer und ein Vater seiner Schüler:innen schreibt ihm, dass er verschwinden solle, und unterstellt ihm, etwas mit seinen Kindern „vorzuhaben“. Pepe will deswegen die Schule wechseln. Außerdem sieht er sich nicht in der Lage, den Täter anzuzeigen, in der Angst, offene Anfeindungen zu erfahren.

Die letzten Szenen zeigen, wie seine Freunde nach dem Abend den Vater verprügeln, der dann scheinbar „handzahm“ mit blauem Auge beim Elternsprechtag erscheint. Damit scheint auch alles zwischen den Freunden wie vorher zu sein, und sie fahren gemeinsam campen. Ein letzter kleiner Plot-Twist rundet das Ende ab, das den gesamten Film leider stark bagatellisiert.

Welches Ausmaß Cybermobbing auf das Leben von Personen hat, wird hier sehr deutlich. Pepes Angst, sich vor seinen Freund:innen zu outen, scheint berechtigt zu sein, sie reagieren ja tatsächlich zunächst wenig unterstützend. Durch die Drohnachrichten entstehen bei ihm jedoch noch deutlich größere Ängste bezüglich seiner psychischen und körperlichen Unversehrtheit. Deutlich wird, dass die Akzeptanz für heterosexuelle Lebensentwürfe höher ist. Zudem rückt der Film Cybermobbing als reale, lebensweltliche Bedrohung ins Licht.

Zum Einsatz in der (außerschulischen) Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen 

„Das perfekte Geheimnis“ greift eine große Menge an Themen auf, zu denen Kinder kaum bis keinen und Jugendliche nur begrenzt Bezug finden. Da die Darstellung innerhalb des Films Lebensrealitäten von erwachsenen Personen darstellt und vieles unreflektiert bleibt, sollte der Film entsprechend pädagogisch begleitet werden. Neben Alkohol- und Drogenmissbrauch und instabilen Beziehungskonzepten sind Themen der Privatsphäre sowie auf das Smartphone bezogene Interaktionen diskussionswürdig.

Diese Themenvielfalt kann gemeinsam mit Jugendlichen erarbeitet werden. Denn sie kann verdeutlichen, in wie vielen Lebensbereichen das Smartphone eine Bedeutung besitzt. Gerade junge Menschen erleben immer wieder, dass die Kommunikation über Messengerdienste schnelllebig ist. Oft genug kommt es zu Missverständnissen, dennoch sind regelmäßige Snaps und Nachrichten wichtig für die Beziehungsgestaltung. Hier lohnt es sich gemeinsam zu besprechen, welchen Stellenwert diese in der Kommunikation mit und über andere Menschen einnehmen. Dabei können weitere Bereiche reflektiert werden, die Smartphones betreffen. Beispielswiese welche Bedeutung sie für ehrenamtliches Engagement oder gesundheitliche Aspekte einnehmen.

Mediennutzung, Familie und Privatsphäre

Lebensweltliche Anknüpfungspunkte für Jugendliche bietet die Beziehung zwischen der Therapeutin Eva und ihrem Ehemann, dem Schönheitschirurgen Rocco, sowie  ihrer gemeinsamen vierzehnjährigen Tochter Sophie. Hier wird ein Ablöseprozess von den Eltern deutlich. Sophies Beziehung zur Mutter ist sehr belastet, das Vertrauensverhältnis angespannt. Als Eva die Tasche ihrer Tochter durchsucht, findet sie Kondome und wirft der Tochter Unehrlichkeit vor, welche die Beziehung belaste. Demgegenüber wirkt das Verhältnis zwischen Vater und Tochter sehr vertraut. Im Verlauf des Films telefoniert dieser sehr einfühlsam mit seiner Tochter über das möglicherweise anstehende erste Mal, und es stellt sich heraus, dass er ihr die Kondome zugesteckt hat – was sie allerdings als peinlich empfunden hat.

Somit wird auch an dieser Stelle das Thema Grenzen und Privatsphäre deutlich, was sich auf die Nutzung digitaler Medien übertragen lässt. Sophie bietet hier Identifikationspotenzial. Sie zieht die telefonische Interaktion mit ihrer Freundin einem persönlichen Gespräch mit der Mutter vor und versucht sich ihr gegenüber zu emanzipieren, indem sie ihrer Mutter deutliche Grenzen aufzeigt. Gleichzeitig zeigt sie sich aber nahbar dem Vater gegenüber, der versucht, sie zu verstehen und auf sie einzugehen, ohne sie aggressiv zu kontrollieren wie die Mutter. So leiht sie ihm zu einem späteren Zeitpunkt für einen Scherzanruf auch ihr Handy. Regeln und Absprachen bezüglich ihres Medienhandelns kennen Jugendliche. Der Film bietet die Möglichkeit, eigene Ansprüche auf Privatsphäre in und mit Medien zu besprechen. Gleichzeitig bietet er aber auch Diskursmöglichkeiten an, inwieweit sich Medien als Kommunikationsweg auf Beziehungskonstellationen in Freundschafts-, Familien- und Beziehungskontexten auswirken.

Zum Einsatz in der Arbeit mit Erwachsenen, Senior:innen und Pädagog:innen

Der Film richtet sich explizit an Erwachsene und bietet viele Anknüpfungspunkte an das eigene Leben. Besonders interessant ist, dass unterschiedlich angesehene Beziehungs- und Lebenskonzepte vorkommen und ausdiskutiert werden. Dargestellt werden beispielsweise das Selbstverständnis und die Lebensrealitäten des Vaters in Elternzeit, der Therapeutin, die sich die Brüste vergrößern lassen möchte, und der arbeitenden Mutter, die gerne gleichzeitig emanzipiert und bei ihren Kindern sein möchte. Hinzu kommt der erst langsam deutlich werdende Lebensentwurf des homosexuellen Lehrers, der sich dafür ausspricht, auch ohne leibliche Kinder ein erfülltes Leben haben zu können.

Die unterschiedlichen Aspekte des Films lassen sich vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Dominanzkultur (weiß, heterosexuell, christlich geprägt) diskutieren und auch in Frage stellen. Spannend ist darauf zu achten, welche Rolle dabei die mediale Darstellung von Lebensentwürfen einnehmen und wie sie vorherrschende Strukturen festigen. So können Adressat:innen und Pädagog:innen die eigenen Werthaltungen, sowie Lebensentwürfe, gemeinsam reflektieren und erörtern, wie Film- und Fernsehen ihren Einfluss darauf nehmen.

 

Anknüpfungspunkte für aktive Medienarbeit

Cybermobbing als Straftat

Bullying und Mobbing sind längst nicht mehr nur in Schulen oder Büros anzutreffen. Im Rahmen von Cybermobbing gibt es wenig Möglichkeiten für Betroffene zu entfliehen, und der Prozess bleibt oft ungesehen. Die Thematik trifft sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene. Da jede und jeder zum Opfer dieser Art von Gewalt werden kann, ob aufgrund von sexueller Orientierung wie Pepe oder auch rassistisch motiviert etc., gilt es aufzuklären und im Fall der Fälle Handlungsfähigkeit zu erlangen. Im Rahmen (medien-)pädagogischer Angebote kann Cybermobbing als Straftatbestand auf juristischer Ebene auf Plakaten, Flyern oder im Unterrichtsgeschehen gemeinsam bearbeitet werden. Die möglichen Straftatbestände finden sich umfassend im Ratgeber Cyber-Mobbing (S. 12) . Mit Blick auf Prävention und Opferhilfe kommt Hate Aid ins Spiel: Die Beratungsstelle bei digitaler Gewalt ist Anlaufstelle und Unterstützung. Zudem kann Hate Aid mit ihren Angeboten, Ratgebern und dazugehöriger App kennengelernt und vorgestellt werden.

Collage oder Moodboard zur Privatsphäre

Mithilfe dieser Methode können Gedanken, Gefühle und auch Ideen zu zentralen Themen des Films gesammelt werden. Interessante Themen des Films sind beispielsweise „Privatsphäre“ und „Mediennutzung“, aber auch „Beziehung“, „Liebe“ und „Treue“. Die Teilnehmer:innen (medien-)pädagogischer Veranstaltungen können mit den kreativen Methoden ihre Gedanken visualisieren. Sie können Bilder aus Zeitungen ausschneiden, ausdrucken oder selbst malen. Oder sie entscheiden sich für eine digitale Variante und nutzen beispielsweise Canva, um ein Moodboard zu erstellen. Wichtig ist es, dabei lizenzfreie Bilder zu nutzen. Damit wird dann eine visuelle Übersicht erstellt, die entweder aufgehängt oder digital geteilt werden kann. Mit welcher der Methoden auch immer, werden Bilder und Schlagworte auf einem Hintergrund positioniert und es ist auch möglich Verbindungen zwischen Zeichen und Symbolen durch Pfeile o.Ä. herzustellen. Dadurch entsteht ein einzigartiges, kreatives Gesamtbild. Weitere Möglichkeiten zur digitalen Umsetzung finden sich in unserer MindMap mit Online-Tools.

Darstellung von Lebensentwürfen

In einer wertepluralistischen Gesellschaft sollte Platz sein für unterschiedlichste Lebens- und Selbstkonzepte. Dennoch scheinen einige Haltungen stärker vertreten zu sein. Mit dieser Übung sollen der eigene Blick geschärft und Medien bewusst wahrgenommen werden. Dazu werden werden die Zuschauer:innen während des Films selbst aktiv und skizzieren kurz die dargestellten Lebensentwürfe (klassisches Rollenmodell, Vater in Elternzeit, ohne Kinder usw.). Im Rahmen von Handyvideos und kleinen Rollenspielen können ähnliche Situationen in verschiedenen Rollenmodellen dargestellt werden. Diese werden im Anschluss besprochen, erweitert und dann diskutiert, welche Wertvorstellungen dahinterstehen könnten. Mit gezielten Fragen verorten sich die Teilnehmenden selbst und reflektieren gemeinsam in einem vertrauensvollen Austausch in Zweiergruppen, oder sogar mit der pädagogischen Fachkraft, wie groß die Bereitschaft ist, die Lebensentwürfe anderer Menschen zu akzeptieren. Hilfreiche Fragen können sein: Welche Werte wurden mir in der Kindheit vermittelt? Was ist mir wichtig? Wie merke ich, dass mir Werte wichtig sind? Wann merke ich, dass andere diese respektieren?

Was bedeutet mir Privatsphäre?

Jeder Mensch macht Verletzungserfahrungen der Privatsphäre, sei es in der  Sammelumkleide vor dem Sportunterricht oder durch die Anzeige der Onlinezeiten in Nachrichtendiensten. Es gilt, die eigenen und fremden Grenzen zu reflektieren und zu respektieren. Dazu kann eine Aufstellung erfolgen, bevor der Film geschaut wird. Es werden Statements wie „Mir ist Privatsphäre in Beziehungen wichtig.“ oder „Ich beschäftige mich mit Privatsphäreeinstellungen von Apps.“ vorgelesen und die Teilnehmer:innen ordnen sich auf einer Skala zu (1 trifft gar nicht zu 5 trifft voll zu). Danach wird der Film „Das perfekte Geheimnis“ geschaut. Es wird eine erneute Aufstellung gemacht bei der erfragt wird, welche:r der Protagonist:innen die Privatsphäre am ehesten respektiert bzw. ob das eine Person überhaupt tut.

Dann erfolgt ein Transfer auf allgemeine Medien. Das eigene Smartphone bietet hier eine erste Anlaufstelle. Es wird geschaut, welche (sozialen) Medien in der Gruppe genutzt werden, und gemeinsam betrachtet, wie diese die Privatsphäre ihrer Nutzer:innen schützen oder verletzen. Nach einer Diskussion über vorhandenes Wissen schauen sich die Teilnehmer:innen gemeinsam Arbeitsmaterialen zu „Dein Vertrag mit…“ an und sammeln neue Erkenntnisse. Dabei helfen Dein Vertrag mit Netflix, Dein Vertrag mit Tiktok, Dein Vertrag mit Snapchat, Dein Vertrag mit Spotify, Dein Vertrag mit Instagram, Dein Vertrag mit WhatsApp und AGB: Durchblicken bei Nutzungsbedingungen.

Passende Materialien zum Film

Weitere Materialien und Anregungen zu den filmischen Themen finden sich ebenfalls in unserer Materialdatenbank:

Interessante und geeignete ergänzende Artikel sind ebenfalls die bereits veröffentlichten Filmtipps

  • LOMO: Die Grenzen zwischen digitaler und Realer Welt verschwimmen. Überträgt doch die Hauptperson Karl alle Entscheidungen auf seine Followerschaft.
  • Big Data: Im Film wird die Privatsphäre zum Thema in der Gestalt der größten Datensammlungen aller Zeiten.
  • A Target: In diesem Film geht es um falsche Anschuldigungen und die Katalysatorwirkung von Social Media.
  • Nothing Happens: Warum es gruselig ist, wenn nichts passiert, zeigt dieser Film, mit dem sich Schaulust und Zivilcourage thematisieren lassen.
  • So wie du mich willst: Falsche Selbstinszenierung und Onlinedating werden hier intensiv dargestellt.

Für wen?

Lehrer:innen, Senior:innen, Eltern, Kinder und Jugendliche ab 14 Jahren

Bezugsmöglichkeiten

Ein Direktbezug der DVD ist unter kfw Lizenzshop – filmwerk möglich.

Fazit

Insgesamt bietet „Das perfekte Geheimnis“ die Möglichkeit zur Hinterfragung des „schönen Scheins“. Während der Mondfinsternis offenbart sich, wo die Protagonist:innen bisher nicht hingeschaut haben und das lässt uns auch uns selbst hinterfragen. Die versteckten, nach und nach aufgedeckten Interessen, Tätigkeiten und Affären der Personen erzeugen ein sehr negatives Bild. Dennoch bleiben viele Themen (Drogenkonsum, Gewalt, obszöne Sprache) unreflektiert und werden nur angerissen. Der (medien-)pädagogische Mehrwert ist vorhanden, aber der Fokus liegt spürbar auf der Unterhaltung. Es handelt sich also um einen eher kurzweilig wirkenden Film, der Tiefgang dahinter vermuten lässt.

Edit 08.07.2021: Kritiken des Films finden sich bei filmdienst.de und epd-film.de.

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