A Target

A Target

Worum geht’s?

Eckdaten des Films:

Ein Film von Antti Heikki Pesonen

Länge: 8 Minuten

Erscheinungsjahr, Produktionsland: 2018, Finnland

Produktion: Dansk Tegnefilm, Dänemark / Miyu Productions, Frankreich

empfohlen ab 12 Jahren, FSK 6

Schuljahre: Sekundarstufe I: ab Klasse 8 und Sek. II

Arto wartet im Auto auf seine Frau und sein Kind. Als sie aus dem Laden zurückkehren, behaupten sie, ein unbekannter Mann habe sie belästigt. Arto beschließt, gegen den Mann namens Stigu vorzugehen … Ein Film über eine Anschuldigung und die Rolle von Sozialen Medien. (kfw)

Welche medienpädagogischen Themen werden im Film angesprochen?

  • Soziale Medien
  • Internet
  • Videos / Kurzclips
  • Digitaler Pranger
  • Analoge Welt vs. digitale Welt
  • Gewaltdarstellungen in Medien
  • Sensationslust (sensation seeking)
  • (Cyber-)Mobbing
  • Bystander von Gewalt / Mitläufer / Unterlassung
  • Soziale Gemeinschaften (soziales Miteinander)
  • Gewaltdarstellungen in Medien
  • Thematisierung von Zivilcourage, Schuld und Gewissen

Wenn das Smartphone einen zur Zielscheibe macht

Der Titel des Films kann der erste Schritt für eine Annäherung sein ‒ und das ist durchaus sinnvoll, denn im vorliegenden Fall „A Target“ verrät der Titel bereits wichtige Informationen über die Intention des Kurzfilms. Target bedeutet übersetzt „Ziel“ oder „Zielscheibe“ und hat in erster Linie einen militärischen Bezug. Mit Target ist gemeint, dass jemand oder etwas Ziel einer Handlung ist bzw. „ins Visier“ gerät. Es handelt sich jedoch im Falle dieses Kurzfilms nicht um eine Markierung durch eine Schusswaffe. Vielmehr ist es ein Smartphone, welches ein Fadenkreuz abgibt und damit im übertragenen Sinne die Funktion eines Gewehrs übernimmt.

Diese Art der Fokussierung wird durch die Anschuldigungen gegenüber Stigu deutlich, welche letztlich zur Auseinandersetzung der beiden Männer mit unüberschaubaren Folgen führen. Die Beweggründe der beiden sind dabei unterschiedlich: Arto handelt zum vermeintlichen Schutz seiner Familie, Stigu zur Verteidigung seiner Person und vor allem seiner Unschuld.

Es geht aber auch darum aufzuzeigen, wie solche Handlungen auf Außenstehende in gewisser Weise belustigend oder gar lächerlich wirken können. Darin besteht vielleicht auch eine Ursache dafür, dass die außenstehenden Beobachter das Geschehen nur filmen und nicht zielgerichtet handeln. Der Versuch einer Frau einzugreifen, indem sie Stigu mit Limonade aus einer Flasche bespritzt, aber auch das „Smartphone Duell“, bei dem sich beide Protagonisten mit der Kamera gegenüberstehen, sind Beispiele dafür.

Zum Einsatz in der (außerschulischen) Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen

Die Motive, aus der beide Männer heraus handeln sowie die Folgen, welche sich daraus für die beteiligten Personen ergeben (können), sollten mit der Zielgruppe angesprochen werden. Der Film bietet neben der thematischen Anknüpfung an die Themen Vorurteile und falsche Beschuldigungen die Möglichkeit das Mediennutzungsverhalten der Zielgruppe anzusprechen und zu hinterfragen. Denn das sensationslüsterne Verhalten der Zuschauer, die wie Unbeteiligte das Geschehen filmen, anstatt zu handeln, bildet einen zentralen Aspekt von A Target. Auch wenn das Internet auf der einen Seite viele positive Möglichkeiten z.B. im Bereich der Beschaffung und schnellen Verbreitung von Informationen geschaffen hat, bestehen auf der anderen Seite auch schwerwiegende Nachteile. Mit Blick auf die im Film angesprochene Thematik sind dies insbesondere die geringe Kontrolle über hochgeladene Inhalte und die Gefahren von Manipulationen und der Verbreitung nicht überprüften Informationen.

Die schnelle Verbreitung von Kurzclips, Videos, Bildern, Links etc. ist in sozialen Netzwerken üblich und macht einen Teil ihrer Funktion aus: Informationen sind damit schneller verfügbar als in klassischen analogen Medien. Wichtig ist es dabei aber, sich nicht von Emotionen steuern zu lassen, sondern stets die Hintergründe und Kontexte, aus denen das Medien-Material heraus entstanden ist, miteinzubeziehen und zu berücksichtigen. Schließlich gibt es immer wieder Fälle, bei denen die Aufnahmen gar nichts mit dem Thema oder der Überschrift zu tun haben oder aus ganz anderen Gründen bzw. zu einer ganz anderen Zeit aufgenommen wurden.

Erfundene Geschichten – nicht nur in Social Media

Dieses Phänomen ist keine Erfindung der sozialen Medien, da auch klassische Boulevardmedien (sog. Regenbogenpresse bzw. Yellow Press u.a.) mit zum Teil erfundenen Geschichten über Prominente arbeiten. Die Reichweite und Verbreitungsgeschwindigkeit ist in sozialen Medien aber viel höher, zumal Fake News nachweislich häufiger geteilt werden als zuverlässige Quellen (vgl. Winner 2019). Dies kann auch zu der besonderen Situation führen, dass eine Situation, die analog bereits bereinigt ist, virtuell neu entzündet oder sogar missbraucht wird z. B: zur Meinungsmache.

Für den Einsatz des Films A Target und das Gespräch darüber mit den Jugendlichen ist es wichtig anzumerken, dass es oft keine eindeutigen Motivationen sind, die zu solchen Handlungen wie dem Verbreiten oder Kommentieren von Inhalten führen. Sie sind gefährliche Folgen eines Sich-mitreißen-Lassens von einer angeheizten oder gerade im Trend liegenden Stimmung. Denn Social Media funktioniert zu einem Großteil über die Erzeugung und Steuerung von Emotionen, z. B. durch Neugier weckende Überschriften oder entsprechende Teaser etc.

Daraus resultiert zum einen eine stärkere Identifikation der NutzerInnen mit der jeweiligen Plattform, zum anderen erreichen Beiträge eine höhere Reichweite und positive wie negative Dinge gehen viral. Dies kann aber auch ernstzunehmende Folgen für unsere Demokratie oder etwa unsere Diskurskultur haben. Dagegen stehen allerdings auch positive Funktionen wie Vernetzung, z.B. zur Organisation von (demokratischen) Protesten u.v.m. – Social Media ist ambivalent; es liegt an uns, diese Möglichkeiten sinn- und verantwortungsvoll zu nutzen!

Die Problematik von Bystandern

Wie bereits angesprochen liefert das Thema der Mitläuferrolle einen besonderen Anknüpfungspunkt für die Arbeit mit einer jüngeren Zielgruppe. Denn gerade unter Jugendlichen spielt das Thema (Cyber-)Mobbing sowohl im schulischen als auch im außerschulischen Kontext eine große Rolle. Nicht selten ist dabei zu beobachten, dass Außenstehende bei Auseinandersetzungen oder Handgreiflichkeiten auf dem Schulhof oder an der Bushaltestelle in erster Linie ihr Smartphone zücken, anstatt zu handeln.

Die Rollen der zuschauenden Personen im Film sollten unter diesem Gesichtspunkt besprochen und reflektiert werden. Der Blick sollte dabei vor allem auf die Dynamik des Gruppenzwangs und auf das Phänomen BystanderInnen von Gewalt gelenkt werden. Impulsfragen können hierbei sein, wie das Verhalten der Personen in Bezug auf die Auseinandersetzung der beiden Männer und die Anschuldigungen gegen Stigu zu werten ist. Spannend ist auch zu diskutieren, ob die außenstehenden Personen durch ihr Verhalten bzw. ihr Unterlassen als (Mit-)Täter gesehen werden können. A Target kann zur kritischen Auseinandersetzung, insbesondere mit Blick auf die eigenen ethischen und moralischen Werthaltungen anregen.

Zum Einsatz in der Arbeit mit Eltern oder mit LehrerInnen und PädagogInnen

Auch für eine erwachsene Zielgruppe sind die oben genannten Anknüpfungspunkte durchaus sinnvoll und können analog angewendet werden. Wenn es um das Thema (Cyber-)Mobbing geht, kommt gerade dem sozialen Umfeld von Kindern (Familie, Schule oder sonstige pädagogische Institutionen) eine zentrale, aber auch schwierige Aufgabe zu. Mobbingfälle rechtzeitig erkennen zu können, ist oft nur schwer möglich, da die Folgen und Hintergründe der Tat erst spät erkennbar werden. Betroffene Jugendliche ziehen sich in der Regel zurück und suchen nicht das Gespräch mit Bezugspersonen. Daher sollten Eltern, aber auch LehrerInnen und Verantwortliche in der Jugendarbeit sensibilisiert werden für Auffälligkeiten, die auf einen Fall von (psychischer) Gewalt hindeuten, um diese rechtzeitig erkennen und angemessen damit umgehen zu können. Ein intaktes Familienhaus bzw. PädagogInnen, welche die Entwicklungen der Jugendlichen im Blick haben, sind ein enormer Resilienzfaktor gegen Mobbingattacken bzw. gegen negative Einflüsse im Netz.

Wie bereits angesprochen, kommt es bei der Mediennutzung und vor allem beim Beurteilen, Kommentieren oder Verbreiten von Quellen sehr stark auf das Verantwortungsbewusstsein und die Motive der Nutzer an. Teilt jemand Inhalte mit einer Zielgruppe zu einem ganz bestimmten Zweck, bewusst und zielgerichtet, um etwas zu erreichen? Oder handelt er bzw. sie eher spontan und ohne Nachzudenken? Vielleicht hängt die Aktivität aber auch mit einer aktuellen, globalen Bewegung zusammen, die an einem entsprechenden Hashtag erkennbar ist wie beispielsweise #blacklivesmatter oder Initiativen wie #wirbleibenzuhause und #socialdistancing? Oder möchte jemand einfach ins Gespräch mit anderen kommen und sich völlig wertungsfrei unterhalten? Das alles sind unterschiedliche Beweggründe, welche hinter dem Teilen und Verbreiten von Informationen stehen können.

Gerade im Hinblick auf eine jüngere Zielgruppe sollten sich Erwachsene ihrer Vorbildfunktion bewusst werden. Kinder und Jugendliche gilt es dabei zu unterstützen wie man z.B. Informationen korrekt überprüft, Zusammenhänge hinterfragt und das eigene Mediennutzungsverhalten angemessen kritisch reflektiert.

Anknüpfungspunkte für aktive Medienarbeit:

Wie geht’s weiter?

Mit der Zielgruppe kann man über den Schluss des Films A Target sprechen: Der Mann mit der gelben Schutzweste, Zeuge und Filmer der Schlägerei, betrachtet sich die Szene, in der Stigu von Arto als Kinderschänder beschimpft wird, auf seinem Handy und drückt leicht grinsend auf den Upload-Button. Mit diesem Ende liegt ein einfacher Anknüpfungspunkt für die Behandlung der Themen vor. Wie oben beschrieben, sollte insbesondere die Rolle des Mannes ‒ wie auch die der anderen außenstehenden Personen, hinterfragt werden. Dabei können die genannten Impulsfragen Orientierung bieten.

Rechtliche Konsequenzen

Die Aufgabe besteht darin, sich in Gruppenarbeit über die (straf-)rechtliche Bedeutung und die Konsequenzen von (Cyber-)Mobbing, Verletzung von Persönlichkeitsrechten, Rufmord oder Verleumdung zu informieren. Die Ergebnisse können als Plakate gestaltet und anschließend der Gesamtgruppe vorgestellt werden.

Quellencheck

Internet-Quellencheck zu aktuellen Themen, beispielsweise über den SWR Fakefinder oder dem SWR Fakefinder for School.

Passende Materialien

In der Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen empfehlen sich außerdem die Materialien „Trau dich und greif ein! Zeig Zivilcourage!“, „Laut. Stark. Online. – Wie geht Counter-Speech?“ oder „Was tun bei (Cyber-)Mobbing?

Für wen?

LehrerInnen, Eltern, Jugendliche ab 12 Jahren

Bezugsmöglichkeiten:

Ein Direktbezug der DVD mit Vorführrecht ist unter filmwerk.de möglich. Hier sind ebenfalls einige unterstützende Arbeitshilfen zu finden.

Fazit:

Der sehr realistisch wirkende Kurzfilm A Target bietet in zahlreichen Kontexten Anknüpfungspunkte an eine spannende Thematik. Der Film erlaubt den ZuschauerInnen einen Perspektivwechsel und ermöglicht eine Diskussion über die Art des Umgangs mit digitalen Technologien. Vor allem problematisiert er das Verhalten in den und die Nutzung von sozialen Medien. Ein Ziel besteht darin, das Bewusstsein für Themen wie eigene Verantwortung in sozialen Netzwerken, Mediennutzung, Möglichkeiten der Gewaltprävention und die Bedeutung von Persönlichkeitsrechten zu schärfen.

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