JIM 2021: Mehr Desinformationen und Beleidigungen im Netz

JIM 2021 Titelbild (Ausschnitt)
Titelbild der JIM-Studie 2021 (Ausschnitt)

Alle Jahre wieder … ist es Ende November so weit. Die Studie Jugend, Information, Medien, kurz JIM-Studie oder JIM 2021, erscheint und gibt einen repräsentativen Einblick in Medienaneignung und Mediennutzung Jugendlicher zwischen 12 und 19 Jahren. Seit 1998 erstellt der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest diese Basisuntersuchung zum Medienumgang Jugendlicher, sodass durchaus interessante Vergleiche im Längsschnitt möglich sind. Da dies schon die zweite Ausgabe unter den Vorzeichen der Corona-Pandemie ist, sind ebenso interessante wie interpretationsbedürftige Ergebnisse zu erwarten. Denn zum Zeitpunkt der Befragung im Frühsommer 2021 waren die Rahmenbedingungen deutschlandweit sehr unterschiedlich. Infolgedessen waren auch die Lebensumstände mit Inzidenzwerten von unter 10 bis über 120 vor Ort sehr verschieden, was es bei der Beurteilung der Ergebnisse zu berücksichtigen gilt.

Neben umfangreichen Daten zur Medienausstattung Jugendlicher sowie der Haushalte, in denen Jugendliche leben, fragt JIM 2021 auch nach der Nutzung einzelner Mediengattungen. Dabei ist die Internetnutzung nach einem starken Anstieg im Jahr 2020 (+53 min) in diesem Jahr um 17 Minuten zurückgegangen. So liegt die durchschnittliche Zeit, die Jugendliche nach eigener Einschätzung täglich im Netz verbringen, nun bei 241 Minuten. Dennoch liegt dieser Wert mit vier Stunden weiterhin deutlich über dem Niveau der Zeit vor der Corona-Pandemie (2019: 205 Min., 2018: 214 Min.). Gefragt nach den wichtigsten Apps liegt weiterhin WhatsApp (78 %) mit deutlichem Abstand vor Instagram (37 %) und YouTube (27 %). Den größten Zuwachs hat der Viertplatzierte TikTok (22 %, +12 PP).

Leben und Lernen in Zeiten von Corona

Erstmalig wurden die Jugendlichen auch zum Themenfeld „Überdruss digitaler Kommunikation“ befragt. Dabei stimmten fast drei Viertel der Jugendlichen der Aussage zu, dass das Smartphone oftmals ungewollt Zeitfresser sei. Ebenso genießt es etwas mehr als die Hälfte, Zeit ohne Handy und Internet zu verbringen (53 %). Allerdings bestätigen 44 Prozent, bei ausgeschaltetem Handy Angst zu haben, etwas zu verpassen. Genauso hoch ist aber auch der Anteil derer, die angeben, von den vielen Nachrichten auf dem Handy genervt zu sein. Daher schaltet knapp ein Drittel der Jugendlichen auch regelmäßig bewusst das Handy aus, um Zeit für sich zu haben. Und gut jede/r Fünfte fühlt sich oft von den vielen Möglichkeiten von Social Media überfordert (22 %).

Aufgrund der Corona-Pandemie sind persönliche Treffen mit Freund:innen nicht immer möglich gewesen und mussten in den digitalen Raum verlagert werden. Vor diesem Hintergrund stimmt es nachdenklich, wenn 29 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen angeben, dass es für sie keinen Unterschied macht, mit Freund*innen digital oder persönlich zu kommunizieren. Gleichzeitig vermissen sie aber am Meisten auch Feste und Veranstaltungen (70 %) sowie Sport im Verein oder mit Anderen (64 %) – also genau die sozialen Aktivitäten, um anderen Menschen zu begegnen.

Digitaler Unterricht schlechter bewertet

Nun sind Medien ja nicht nur ein Freizeit-Thema; der massive Digitalisierungsschub betrifft ja auch den Bildungssektor. Die Schüler:innen unter den 12- bis 19-Jährigen sollten dazu Schulnoten für den (zurückliegenden) digitalen Unterricht vergeben. Dabei wird digitales Lernen im zweiten Lockdown insgesamt schlechter bewertet (2021: 3,1, 2020: 2,7). Zehn Prozent vergeben die Bestnote (2020: 13 %), ein Viertel die Note zwei – 2020 waren es noch ein Drittel. 27 Prozent der Schüler*innen geben die Note drei (2020: 30 %), nunmehr jeder Fünfte die Note vier (2020: 12 %) und 10 Prozent die Note fünf (2020: 4 %). Vier Prozent der Schüler*innen vergeben mit sechs die schlechteste Bewertung (2020: 2 %). Ein Prozent der Befragten hatten keinen Online-Unterricht.

JIM 2021 - Beurteilung Lernen online für die Schule
Beurteilung Lernen online für die Schule
Quelle: JIM 2021, Angaben in Prozent, Basis:; Schüler:innen, n=962

Obwohl viele Schulen im Jahr 2021 besser auf den Distanzunterricht vorbereitet waren, hat dies nicht automatisch zu einer besseren Beurteilung geführt. Offenbar spielen hier auch die Aspekte der generellen Bewertung der Corona-Situation mit hinein. Offensichtlich sind aber älter Schüler:innen sowie Gymnasiast:innen eher mit Distanzunterricht zufrieden als andere Teilgruppen.

Fake News und Hate Speech aus Sicht Jugendlicher

Dass JIM 2021 unmittelbare Konsequenzen für die Förderung von Medienkompetenz haben muss, zeigt die gesonderte Befragung nach der Konfrontation mit Hassrede und Desinformation sowie Extremismus. 58 Prozent der Jugendlichen gaben an, allein im Monat vor der Befragung Hassbotschaften im Internet konfrontiert worden zu sein, 56 Prozent mit extremen politischen Ansichten sowie etwa die Hälfte mit Verschwörungstheorien und beleidigenden Kommentaren. Fake News liegen bei 42 Prozent. Lediglich 23 Prozent der Jugendlichen konnten von sich sagen, im letzten Monat keinem dieser Phänomene begegnet zu sein.

Informationskompetenz versus Desinformation

Daher ist z.B. die Kompetenz Informationen einzuordnen und zu bewerten auch für Jugendliche von zentraler Bedeutung. Denn sie ist eine wichtige Voraussetzung für die eigene Meinungsbildung und damit  für eine funktionierende Demokratie. Befragt, was ihre drei wichtigsten Nachrichtenquellen seien, nennt knapp ein Drittel der Zwölf- bis 19-Jährigen das Fernsehen (32 %). Jede/r fünfte Jugendliche nutzt das Radio (22 %) oder das Internet (21 %) als wichtigste Informationsquelle. 16 Prozent nennen konkret die Tagesschau/Tagesthemen, gefolgt von Google News (14 %), Instagram (12 %) und YouTube (11 %). Jeweils sieben Prozent zählen Zeitungen und Nachrichten-Widgets auf ihrem Smartphone zu ihren wichtigsten Nachrichtenquellen. Sechs Prozent geben Gespräche mit Familie/Verwandten als wichtigste Nachrichtenquelle an, fünf Prozent Facebook. Die Themeninteressen der Jugendlichen sind dabei breit gestreut und variieren mit Alter, Geschlecht und Bildungshintergrund, wobei das Interesse durchweg mit dem Alter ansteigt. Einzig beim Thema Corona ist das Interesse unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildungshintergrund.

JIM 2021 - Themeninteressen
Interesse an aktuellen Themen 2021 (sehr interessiert / interessiert)
Quelle: JIM 2021, Angaben in Prozent, Basis: alle Befragten, n=1.200

Die JIM-Studie 2021 ist als PDF-Datei zum Download auf der Website des Medienpädagogischen Forschungsverbunds abrufbar. Wie in den letzten Jahren auch bietet der mpfs als Service für Vortragende neben der Studie auch die Grafiken als PDF-Datei bzw. als Powerpoint-Folien zum Download an.

Edit (1.12.2021): Felix Neumann, Redakteur bei katholisch.de, hat in seinem Blog Artikel 91 einen genaueren Blick auf das Datenschutzbedürfnis Jugendlicher geworfen und die von JIM 2021 erhobenen quantitativen Daten in diesem Punkt hinterfragt.

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