Nothing Happens

Nothing Happens
Bild: kfw

Worum geht’s?

Eckdaten des Films:

Ein Film von Michelle und Uri Kranot

Länge: 12 Minuten

Erscheinungsjahr, Produktionsland: 2017, Frankreich / Dänemark

Produktion: Dansk Tegnefilm, Dänemark / Miyu Productions, Frankreich

empfohlen ab 14 Jahren

Schuljahre: Sekundarstufe I: ab Klasse 8 und Sek. II

Nothing Happens? … Am Rande einer Stadt. Trotz klirrender Kälte kommen nach und nach Schaulustige zusammen. Es herrscht eine eigentümliche Ruhe. Schnee fällt leise, nur die Krähen sind zu hören. Was gibt es zu sehen? Was hat das mit mir zu tun? Moderne Variante von „Warten auf Godot“. (kfw)

Welche medienpädagogischen Themen werden im Film angesprochen?

  • Soziales Miteinander
  • Sensationslust (sensation seeking)
  • Bystander / Mitläufer / Unterlassung
  • Sozale Gemeinschaften (soziales Miteinander)
  • Gewaltdarstellungen in Medien
  • Thematisierung von Zivilcourage, Schuld und Gewissen
  • Gruppenzwang
  • Identifikation des Zuschauers

Nothing Happens – passiert denn wirklich nichts?

Eines scheint nach der Sichtung von Nothing Happens klar zu sein: der Film lebt von den Interpretationen der ZuschauerInnen. Denn was passiert denn schon groß? Menschen und Raben versammeln sich am Rande einer Stadt, wie eine Gruppe Schaulustiger. Erwartungsvoll blicken alle Richtung Stadt, bis plötzlich ein Schuss fällt. Durch den Knall scheinen einige sehr erschrocken. Die Krähen fliegen davon. Nach und nach löst sich auch die Gruppe der Menschen auf. Jeder geht seines Weges. Am Ende sind alle aus dem Bild – nur ein paar Raben kehren zurück. Fragen, die sich nach der Sichtung des Films direkt stellen, sind u. a. was geschieht, auf das alle so spannungsvoll warten. In welchem Verhältnis stehen die Personen zueinander?

Im Titel Nothing Happens steckt bereits die Behauptung, dass nichts geschehe. Tatsächlich ist es so, dass die ZuschauerInnen sich anhand der Informationen, welche Bild und Ton liefern, ihre eigenen Hypothesen über den Inhalt und Aussage des Films bilden müssen. Für gewöhnlich erzählen Filme ihre Geschichten mehr oder weniger offenkundig, linear oder mit Ebenen- und Zeitsprüngen. Im vorliegenden Fall spielen jedoch die Assoziationen und persönlichen Erfahrungen der ZuschauerInnen eine zentrale Rolle.

Die Bedeutung von Vorurteilen

Diese Tatsache kommt in etlichen Alltagssituationen ebenfalls zum Tragen, wenn Personen auf neue bzw. unbekannte Situationen treffen. Sie greifen dabei u. a. auf Muster, Erfahrungen, Intuitionen oder Vorurteile zurück, welche ihnen subjektive Handlungssicherheit verleihen. Ansonsten könnten wir viele Lebenssituationen, die für uns neu sind, nicht einordnen bzw. bewältigen, weil wir völlig überfordert und schlicht handlungsunfähig wären. Uns blieben nur affektive Handlungen. In der Tierwelt ist das vergleichbar mit dem Instinkthandeln.

Ziel der Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Film ist es zu Deutungsansätzen zu kommen. Eine mögliche Interpretation ist zum Beispiel, dass die Personengruppe sich versammelt um Zeuge einer Hinrichtung zu werden. Das würde die Kleidung (schwarz = Trauer), das Spielen der Musiker sowie das trauernde bzw. andächtige Verhalten einzelner Personen erklären, nachdem der Schuss fällt. Außerdem weckt das Auftreten der Raben den Eindruck von Gefahr und Unheil. Die Vögel spielen ebenfalls eine große Rolle im Volks- und Aberglauben.
Anknüpfungspunkte für die medienpädagogische Praxis werden zwar nicht explizit im Film genannt, dennoch lassen sich auf den zweiten Blick zahlreiche Bezüge herstellen.

Zum Einsatz in der (außerschulischen) Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen:

Zum einen ist die dargestellte Sensationslust ein thematischer Anknüpfungspunkt. Dies lässt sich in Verbindung setzen zum Phänomen „sensation seeking“ als Motiv der Mediennutzung. Dabei suchen Personen ständig nach Anregung bzw. aufregenden Reizen, um (permanente) Spannung zu erleben. Letztlich ist dies ein Mittel, sich selbst zu spüren und wahrzunehmen. Das kann allerdings dazu führen, dass sie durch ihre Passivität in der Rolle als Sensationslustige zu Mitläufern von zum Beispiel Gewalt oder rassistischer Hetze werden. Ganz ähnlich verhält es sich etwa bei einem medialen Hype. Hier könnte im Austausch mit den Jugendlichen die Frage spannend sein, warum sich „alle“ an einem bestimmten Ort, zum Beispiel in einem sozialen Netzwerk aufhalten, auch wenn es nichts bzw. nichts Relevantes zu sehen gibt. Die Thematik des Gruppenzwangs innerhalb der Peergroup (Gleichaltrigengruppe) bildet dabei eine Besonderheit für die Zielgruppe Jugendlicher, für deren individuelle Entwicklung ja gerade die Ablösung von Erziehungsberechtigten und die Hinwendung zur Peergroup kennzeichnend ist.

Im Social Web kommt es außerdem häufig zu Bystandern (Dabeistehende). Bystander bedeutet, dass Personen nachweislich weniger Hilfe leisten, wenn sie Zeuge eines Unfalls oder einer kriminellen Handlung werden, wenn andere Personen ebenfalls passiv bleiben und nicht eingreifen. Das Verhalten von Bystandern ist ebenfalls in Bezug auf die zentralen Herausforderungen im Umgang mit dem Internet und den neuen Medien äußerst problematisch und sollte mit der Zielgruppe näher erläutert werden. Schließlich stellt sich immer auch die Frage, wie wir durch unser Medienhandeln bzw. unsere –nutzung den öffentlichen Raum prägen.

Zum Einsatz in der Arbeit mit Eltern oder mit LehrerInnen und PädagogInnen:

Die Einsatzmöglichkeiten des Films beschränken sich keinesfalls auf eine jüngere Zielgruppe. Grundsätzlich ist eine Verwendung der o.g. Vorschläge gleichermaßen in der Arbeit mit Erwachsenen möglich. Gerade dem sozialen Umfeld wie der Familie oder dem pädagogischen Personal in Bildungseinrichtungen kommt bei den oben genannten Themen eine zentrale Rolle zu. Erwachsene agieren Heranwachsenden gegenüber als Vorbilder und sollten sich deshalb ihrer Funktion ausreichend bewusst werden. Es ist daher sinnvoll sie zu befähigen, Heranwachsende zu eigenständigem Denken zu motivieren und sie für die Gefahren im Internet zu sensibilisieren. Bevor dies gelingen kann, besteht jedoch die Notwendigkeit, dass auch Erwachsene sich mit den Themen und (moralischen) Implikationen des Films auseinandersetzen.

Zum einen könnten Eltern bei Elternabenden oder –Treffs für die genannten Themen (soziales Miteinander, (Cyber-)Mobbing, Mediennutzung, Zivilcourage etc.) sensibilisiert werden. In Diskussionsrunden oder Rollenspielen besteht die Möglichkeit, Erwachsene solche Situationen und „Fallbeispiele“ simulieren und kritisch reflektieren zu lassen. Dabei ist es wichtig, nicht nur die Rolle des/der Leidtragenden in den Blick zu nehmen, sondern sich ebenso die Perspektive des Beobachters/der Beobachterin anzuschauen.
Speziell die Thematik Bystander von Gewalt kann mit der Zielgruppe im Hinblick auf Strategien von Gegenrede erläutert werden. Schließlich ist es wichtig, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum wie dem Internet Stellung zu beziehen gegenüber Falschaussagen, diskriminierenden Äußerungen o. ä. Allerdings muss jede und jeder für sich dabei die richtige Balance zwischen notwendiger Einmischung und Engagement einerseits und nötigem Selbstschutz andererseits finden. Das betrifft sowohl Jugendliche als Erwachsene.

Anknüpfungspunkte für aktive Medienarbeit:

Ein schmaler Grat

Offensichtlich gibt es in Nothing Happens irgendetwas zu sehen, was viel Interesse auf sich zieht. Menschen versammeln sich – ob diese unbeteiligt sind oder nicht, sei einmal dahingestellt. Als die Situation vorüber zu sein scheint, verlassen die Akteure den Platz und gehen wieder ihren alltäglichen Dingen nach. Hier lässt sich eine Verbindung herstellen zur medialen Berichtserstattung. Schließlich stellt sich immer wieder die Frage, wie wir damit umgehen, dass “etwas in der Luft liegt”. Nachrichtenmedien leben davon, dass sie uns Neuigkeiten präsentieren. Wo ist die Grenze der seriösen Berichterstattung? Inwieweit lassen sich Parallelen herstellen zwischen der im Film gezeigten Sensationslust der Personen und dem Drang zu medialer Erzeugung von Aufmerksamkeit? Wo genau liegen diese Ähnlichkeiten? Wo stößt die Sensationsgier von JournalistInnen auf die Grenzen der Menschenwürde? Was sind Beispiele dafür? Das alles sind spannende Fragen, mit denen sich die Zielgruppe sowohl in Einzel-, Gruppenarbeit sowie im Gebräch in der Gesamtgruppe austauschen kann. Spannend dazu kann das auf Mekomat.de besprochene Material: „Nachrichtensendungen verstehen und selbst erstellen“ sein, mit dessen Hilfe Jugendliche ihre eigene Nachrichtensendung planen und erstellen können.

Perspektivenwechsel

Die Gruppe wird in zwei Hälften geteilt. Eine Gruppe bekommt zur Aufgabe, sich in eine im Film sichtbare Person hineinzuversetzen und das Beobachtete aus ihrer/seiner Sicht zu schildern.
– Was beobachtet die Person und warum kam sie zum Schauplatz? Wer ist sie und in welcher Beziehung steht sie zu den anderen Zuschauern?
Die zweite Gruppe versetzt sich nun in die Rolle der Personen, die im Film nicht sichtbar werden. Sie beschreiben die Geschehnisse aus der Sicht der Person, der das Ereignis widerfährt oder die an dem Ereignis beteiligt ist.
– Was war vorgefallen, damit es zur jetzigen Situation gekommen ist? Was denk sie über die ZuschauerInnen? In welchem Verhältnis stehen beide Seiten zueinander?
Im Anschluss an die Arbeitsphase schildern beide Gruppen ihre Ergebnisse und Geschichte aus ihrer jeweiligen Perspektive.

Passende Materialien

In der Arbeit mit Jugendlichen empfehlen sich außerdem die Materialien „Meinung im Netz gestalten“, „Hasskommentare im Netz“. Für den Einsatz mit Erwachsenen empfehlen wir u. a. die Publikation „Mobbing und Cybermobbing bei Erwachsenen – die allgegenwärtige Gefahr“ sowie die „Arbeitsmodule zur Prävention von Cybermobbing“.

Für wen?

LehrerInnen, Eltern, Jugendliche ab 14 Jahren

Bezugsmöglichkeiten:

Ein Direktbezug der DVD mit Vorführrecht ist unter filmwerk.de möglich. Hier sind ebenfalls einige unterstützende Arbeitshilfen zu finden.

Fazit:

Nothing Happens ist ein schlicht gehaltener, aber künstlerisch anspruchsvoller Film mit aktuellen Themen und spannenden Einsatzmöglichkeiten. Wenn ein Film wie hier behauptet, es gäbe nichts zu sehen, fordert das die Zuschauer automatisch auf, näher hinzusehen. Auch wenn einige Sinnzusammenhänge und Themen des Films nicht gleich ersichtlichen werden, so liefert Nothing Happens doch auf den zweiten Blick zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten für die medienpädagogische Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen.

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