Vorlesen

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Das Kind sitzt auf dem Schoß von Mutter oder Vater und hört gespannt zu, während ihm eine Geschichte vorgelesen wird. Zusammen betrachten sie die Bilder und genießen die gemeinsame Zeit. Das Bild ist allen vertraut – oder? Rund jedem dritten Kind in Deutschland ist diese Situation fremd oder es erfährt sie nur selten. Warum lesen einige Eltern und andere Familienmitglieder nicht vor? Weshalb wäre es aber wichtig, dass den Kindern vorgelesen wird? Und was können wir tun?

Die Bedeutung des Vorlesens

Lesen ist eine zentrale Kulturtechnik, es ist notwendig, um am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzunehmen. Denn über das Lesen erschließen wir uns einen großen Teil unserer Umwelt. Ideen, Informationen, kulturelle Inhalte und auch Wertvorstellungen werden in Schriftsprache vermittelt.  Lesekompetenz beginnt aber nicht erst mit dem systematischen Erlernen in der Schule. Der Wortschatz und die Fähigkeit, Strukturen der Sprache zu erkennen, sind wichtige Komponenten in der Lesesozialisation und entwickeln sich schon vor Schuleintritt. Dem Vorlesen und Erzählen von Geschichten kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu.

Die positiven Aspekte des Vorlesens oder gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern sind zahlreich. Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie zeigen, dass Vorlesen die Hörentwicklung, den Sprachschatz und die spätere eigene Lesefreude fördert.  Fantasie, Empathie (die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und Gefühle anderer nachzuvollziehen) und Kreativität  werden anregt. Auch in ihren schulischen Leistungen profitieren Kinder vom Vorlesen – das zeigt die Vorlesestudie der Stiftung Lesen, der Deutschen Bahn und der ZEIT aus dem Jahr 2011.

Vorlesen ist aber mehr als die bloße Wiedergabe von Texten und kann deswegen auch nicht einfach durch ein Hörbuch ersetzt werden. Denn nicht nur die Stimme, auch Mimik und Gestik transportieren die Spannung und die Gefühle. Kinder haben die Möglichkeit nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben und auf diese Fragen sollte auch eingegangen werden, anstatt stur weiter vorzulesen. Die Geschichte kann unterbrochen werden, ein Bild gemeinsam angeschaut und Parallelen zum eigenen Leben gezogen werden. So  können Kinder in das Vorlesen aktiv miteinbezogen werden. Und auch mit dem Schuleintritt hört das Vorlesealter noch nicht auf, denn Leseanfänger können sich zunächst nur einfache Geschichten selbst erschließen. Verstehen können sie jedoch weitaus mehr und deshalb haben sie den Wunsch, auch weiterhin Geschichten mit ausgearbeiteten Handlungssträngen und Figuren zu hören.

Die meisten Eltern sind auch der Meinung, dass das Anschauen und Vorlesen von Büchern für die kindliche Entwicklung gut ist. Als Motivationsgründe, warum sie vorlesen, geben Eltern in der Vorlesestudie aber andere Punkte an. Sie betonen vielmehr die Freude am Vorlesen und die gemeinsam verbrachte Zeit. Neben der gemeinsamen Zeit, die sie mit den Eltern verbringen, mögen Kinder am Vorlesen, dass sie sich dabei entspannen können.

Vorlesen fördern

Dennoch bekommen einige Kinder Zuhause gar nicht oder nur selten vor. Selten – das bedeutet weniger als einmal in der Woche. Dieser Befund stellt Erzieher, Pädagogen, Lehrer und Mitarbeiter in Bibliotheken vor Herausforderungen. Denn angesichts der positiven, nachhaltigen Effekte des Vorlesens, sollte es nicht dem Zufall überlassen bleiben, ob einem Kind vorgelesen wird oder nicht. Neben eigenen Vorleseangeboten, besteht eine weitere Aufgabe darin, Eltern für die Bedeutung des Vorlesens zu sensibilisieren und zu motivieren. Denn das Vorlesen in Einrichtungen wie Kitas oder öffentliche Büchereien kann noch so toll gestaltet sein – die Nähe und Vertrautheit, die zwischen Eltern und Kindern beim Vorlesen besteht, kann es nicht ersetzen. Leicht gesagt – doch wie können Eltern zum Vorlesen angeregt werden? Um zielgerichtet Elternarbeit leisten zu können, ist es erst einmal notwendig zu wissen, welche Eltern nur selten gemeinsam mit ihren Kindern zum Buch greifen und warum.

Ein einfaches Patentrezept, wie Eltern zum Vorlesen motiviert werden und Einrichtungen Benachteiligungen ausgleichen können gibt es natürlich nicht, aber einige Ansatzpunkte gehen aus den Vorlesestudien hervor: Entscheidende Einflussfaktoren auf das Vorleseverhalten in Familien sind der Bildungshintergrund, Migrationshintergrund und das Geschlecht der Eltern. Eltern mit einem formal niedrigen Bildungsniveau lesen viel seltener oder gar nicht vor, als Eltern mit einem formal hohen Bildungshintergrund. Möglicherweise ist ihnen, den Eltern, auch nicht vorgelesen worden. Dann sollten ihnen gegenüber vor allem die emotionalen und zwischenmenschlichen Aspekte betont werden, wie die Freude, gemeinsam Zeit zu verbringen. Fühlen sich die Eltern unsicher beim Lesen, da sie sich selbst nicht für einen guten Leser halten, geht es darum sie zu ermutigen und an das Vorlesen heranzuführen. Sie müssen nicht stundenlang vorlesen, lieber nur ein paar Minuten und dafür regelmäßig. Viele Kinderbücher haben wenig oder keinen Text. Es geht darum gemeinsam ein Bild im Buch anschauen und darüber zu sprechen, was zu sehen ist, die Geschichte zu unterbrechen und überlegen wie es weitergehen könnte.

Auch der Migrationshintergrund der Eltern beeinflusst unter Umständen das Vorleseverhalten in den Familien. Dabei ist aber zu beachten, dass in den Herkunftskulturen das Vorlesen und Geschichtenerzählen unterschiedliche Stellenwerte einnimmt. Deshalb wurde in mehreren Vorlesestudien das Vorleseverhalten von Eltern mit Migrationshintergrund unterschiedlicher Länder miteinander verglichen. Dabei wurde deutlich, dass Eltern mit einem türkischen Migrationshintergrund ihren Kindern am seltensten Geschichten vorlesen oder erzählen. Eltern, deren Wurzeln in Osteuropa oder im arabischen Raum liegen, hingegen lesen ihren Kindern deutlich häufiger vor. Ein Grund dafür sind kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung, wer maßgeblich für die Bildung der Kinder zuständig sei. Die Eltern sehen die Verantwortung in erster Linie bei Einrichtungen wie Kindergarten und Schule und nicht bei sich selbst.

Jungen zählen häufiger zu den schlechten Lesern als Mädchen und sagen seltener, Lesen mache ihnen Spaß. Kinder orientieren sich von klein auf aber an Vorbildern. Nimmt man die Lesevorbilder, die sie haben in den Blick, verwundert das Leseverhalten nicht. Denn fragt man Kinder, wer ihnen vorliest, antwortet ein Großteil, dass es hauptsächlich die Mutter ist, die ihnen vorliest. Nur wenige Väter lesen regelmäßig vor und sie greifen auch seltener zum Buch, um selbst zu lesen. Auch in Kindergarten und Grundschule treffen Jungen hauptsächlich auf Frauen, die ihnen vorlesen. Väter halten vorlesen nicht für unwichtig – im Gegenteil. Sie sind aber oft der Meinung, es genüge, wenn ein Elternteil vorliest und das mache schon die Mutter. Einmal eingespielt, bleibt es bei der Rollenverteilung.  Einige Väter geben auch an, vorlesen mache ihnen  nicht so sehr Spaß, sie verbringen die gemeinsame Zeit mit den Kindern lieber anders. Sie bevorzugen aktive Beschäftigungen wie z.B. draußen spielen, toben, Sport treiben und gemeinsame Ausflüge.

An einem Verständnis für die Wichtigkeit des Vorlesens mangelt es nicht, aber damit das Vorlesen den Vätern mehr Spaß bereitet, sollte es an das anknüpfen, was Väter gerne mit ihren Kindern machen. Gewählt werden können Geschichten die Themen ansprechen, die ihnen gefallen und was sie mit ihren Kindern verbindet. Freizeitunternehmungen können mit dem Vorlesen verbunden werden, indem z.B. eine Geschichte rum ums Fußballspielen ausgewählt. Während Frauen häufig lesen, um sich zu unterhalten, steht bei Männern oftmals die Informationsorientierung mehr im Vordergrund. Auch das kann aufgegriffen werden und Väter können dazu angeregt werden, altersgerechte Sachbücher gemeinsam mit den Kindern zu entdecken. Eine weitere Möglichkeit, die Motivation von Vätern zu erhöhen, stellen Kinderbuch-Apps dar. In fast allen Haushalten, in denen Kinder aufwachsen sind Smartphones verfügbar und auch der Anteil von Tablets nimmt zu. Und die Begeisterung für elektronische Medien ist bei Männern ungebrochen. Die mobilen Endgeräte ermöglichen es, schnell auf die Angebote zuzugreifen – auch unterwegs.

Damit wird deutlich, dass Einrichtungen, wie Kitas und Bibliotheken, nicht nur Vorleseangebote machen sollten, die sich an alle gleichermaßen richten, sondern gezielt Kinder in den Blick nehmen müssen, die beim Vorlesen benachteiligt sind. In Kitas finden Jungen oftmals keine geschlechterspezifischen Vorbilder. Zahlreiche Vorleseinitiativen engagieren sich vor Ort für das ehrenamtliche Vorlesen. So können auch männliche Leser miteinbezogen werden. Bibliotheken wollen, was verständlich ist, oftmals für alle da sein. Mit speziellen Angeboten, z.B. mehrsprachigen Vorleseangeboten oder Lesungen für Jungen könnten hier aber auch ganz gezielt Zielgruppen angesprochen werden, die im Vorlesen benachteiligt sind.

Weiterführende Informationen:

Seit 2007 veröffentlicht die Stiftung Lesen gemeinsam mit der Deutschen Bahn und der ZEIT einmal jährlich eine Studie zum Vorlesen und Erzählen in Familien mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Mit dem bundesweiten Vorlesetag macht die Stiftung auf die Bedeutung des Vorlesens aufmerksam und möchte so die Freude am Lesen fördern.

Literaturvorschläge und Tipps zum Betrachten und Lesen der Bücher mit Kindern bietet der Borromäusverein. Mit dem Projekt LeseHeld werden gezielt männliche (Vor-)Leser angesprochen.

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