Kirche im Web: Netz gestalten

Für viele Medienschaffende im kirchlichen Bereich ist es schon fast Tradition, sich Anfang des Jahres in Münster oder Stuttgart mit Gleichgesinnten zu treffen – im Rahmen der Tagung Kirche im Web (#kiw). Aufgrund der Corona-Pandemie fand auch diese Tagung dieses Mal nicht wie geplant vor Ort in Münster, sondern digital via Zoom statt. Und im Grunde passte das auch gut zum Thema. Denn die fortschreitende Digitalisierung der vergangenen Jahrzehnte hat das Konsum- und Kommunikationsverhalten gerade jüngerer Menschen grundlegend verändert; die Grenzen zwischen digital und analog sind längst aufgehoben. Dadurch steht die Kirche vor großen Herausforderungen. Will sie „das Netz gestalten“ oder reaktiv wirken? Wie kann sie ihre Aufgaben auch ohne Face-to-Face-Kontakte wahrnehmen? Wie lassen sich die Menschen erreichen? Ist unsere Gesellschaft zunehmend fragmentiert als Folge sozialer, wirtschaftlicher und konfessioneller Veränderungen?

Diese Fragen standen im Fokus der diesjährigen Ausgabe der Fachtagung „Kirche im Web“. Am Donnerstagvormittag, 11. März, ging es los: Nach einem ersten Technik-Check begrüßte der stellvertretende Direktor des Franz Hitze Hauses Dr. Martin Dabrowski die rund 100 Teilnehmenden. Wie auch in den Jahren zuvor konnte die Tagung nur durch die gute Zusammenarbeit verschiedener Institutionen realisiert werden: Neben dem Franz Hitze Haus und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist auch die Clearingstelle Medienkompetenz schon seit Jahren Kooperationspartner. Außerdem sind beteiligt: katholisch.de, evangelisch.de, die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen, die MDG Medien-Dienstleistung GmbH sowie die Kampanile Medienagentur.

Markus Beckedahl ruft Kirchen zur Gestaltung der Digitalisierung auf

Los ging es dann mit einem Warming-up. Christian Schnaubelt und Ariadne Klingbeil moderierten eine kurzweilige digitale Kennenlernrunde mit dem Tool Mentimeter und haben außerdem einen kleinen thematischen Einstieg. Dabei stellten sie auch bereits die Frage in die Runde, wie die Anwesenden die die Rolle von Kirche in der digitalen Gesellschaft bewerten. Hier wurde deutlich, dass Kirche hier eher weniger im Profi-, sondern mehr im Amateurbereich gesehen wird.

 

Warming-up per Mentimeter
Warming-up per Mentimeter

In seiner Keynote ging Markus Beckedahl, Chefredakteur der Plattform netzpolitik.org, der Frage nach der Rolle von Kirche in der digitalen Gesellschaft nach. Dabei sieht er viele Chancen in der bereits vorhandenen kirchlichen Infrastruktur und Marktmacht der Kirchen. Er empfiehlt, bei der Auswahl von Geräten und Software auf freie, also Open-Source-Lösungen zu setzen und nicht auf die vorgefertigten Angebote der großen Internetkonzerne zu setzen, da diese oft Datenschutzprobleme mit sich bringen. Auch wenn das bedeutet, Zeit und Geld in die Digitalisierung zu investieren, würde Kirche damit ein deutliches Zeichen setzen. Und da das Teilen eine Grundlage des Christentums sei, entspreche seine Forderung an die Kirche, freie digitale Infrastruktur zu fördern, der christlichen Botschaft, so Beckedahl weiter.

Gleichzeitig sieht er es nicht als möglich an, sich aus den großen Netzwerken rauszuhalten. Denn dort sind die Menschen, die Kirche erreichen will. Aber er plädiert dafür, zusätzlich andere, sicherere und dezentrale Kanäle zu bespielen – als Vorbildfunktion einerseits, aber andererseits auch, um gerüstet zu sein „für die Zeit danach“. Ein ausführlicher Bericht über den Vortrag findet sich auf katholisch.de; ein Mitschnitt des Vortrags ist über YouTube abrufbar. Übrigens: Zum Thema Content Moderation empfiehlt Markus Beckedahl den Film „The Cleaners“, unseren Filmtipp von März 2019.

Von Clubhouse bis Livestreaming

Am Nachmittag stand das KIWCamp auf dem Programm. 15 Sessions wurden von den Teilnehmenden geplant. Die Themen reichten von Clubhouse bis hin zu Online-Gottesdiensten und Livestreaming. Außerdem wurden konkrete Projekte vorgestellt, so zum Beispiel das Projekt HolyBlocks, das mit Mitteln aus dem Innovationsfonds der Deutschen Bischofskonferenz unterstützt wird und Firmvorbereitung mit Minecraft ermöglicht, und das evangelische Contentnetzwerk Yeet, das die christliche Botschaft jungen Menschen in einer passenden Sprache vermitteln will.

Der Leiter der Clearingstelle, Prof. Andreas Büsch, bot eine Session zum Thesenpapier „Digitalität und Künstliche Intelligenz“

Barcamp-Session bei „Kirche im Web“ zum Thema Digitalität und KI mit Prof. Andreas Büsch
Barcamp-Session bei „Kirche im Web“ zum Thema Digitalität und KI mit Prof. Andreas Büsch

Für das Abendgespräch hatte Moderatorin Ariadne Klingbeil, Geschäftsführerin der MDG, ein analoges „Lagerfeuer“ in Form einer Marien-Kerze mitgebracht. Ihr Gesprächspartner Ruprecht Polenz, ehemaliger Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages und von April bis November 2000 Generalsekretär der CDU, wurde im März 2020 mit dem Preis „Goldener Blogger“ als Newcomer des Jahres ausgezeichnet. Seit 2019 nutze er Twitter, so Polenz, da es ihm wichtiger sei, mit den Menschen zu diskutieren, als ihnen Vorträge zu halten. Über 60.000 Follower:innen lesen seine bisweilen geschliffen knappen Kommentare wie „Wer Spiegelei sagen kann, kann auch Lehrer:innen sagen.“ Der streitbare aktive Katholik vermisste die Stimme der Kirchen in der Corona-Krise – vor allem in den Social-Media-Kanälen. Dass er sich selbst noch stärker in die Vernetzung mit den Kirchen online einbringen könne, nahm er selbstkritisch aus dem Gespräch mit und bot im Gegenzug an, sich mit ihm zu vernetzen und so „Followerpower“ zu generieren.

Posterpräsentationen und Podiumsgespräch an Tag 2

Der zweite Tagungstag von „Kirche im Web“, 12. März, begann mit einem musikalisch-spirituellen Impuls von Anselm Thissen von der Kampanile Medienagentur. Anschließend fand in Breakoutrooms eine digitale Posterpräsentation statt. Fünf Best-Practice-Projekte wurden dabei vorgestellt: Christian Sterzik präsentierte das erfolgreiche Projekt Digitale Kirchtürme der EKD zur Auffindung kirchlicher Angebote in Suchmaschinen. #waehltMenschlichkeit – Der Schwarm der Guten und seine Grenzen war der Titel der Session mit Markus Lahrmann, Chefredakteur von Caritas NRW. Er erläuterte am Beispiel einer Caritas-Kampagne Bedingungen und Grenzen kirchlich-caritativer Kommunikation in sozialen Netzwerken. Das Projekt #anstanddigital: unter Federführung der Katholischen Akademie Berlin wurde von deren Direktor Joachim Hanke vorgestellt. Pia Dyckmans, Öffentlichkeitsreferentin der Jesuiten, erläuterte das spirituelle Angebot Ignatianische Nachbarschaftshilfe, das zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 startete. Mit dem Förderprogramm „Hybride Kirche“will die Medienstiftung der Diözese Rottenburg-Stuttgart innovative Projekte in drei Phasen unterstützen, erläuterte deren Geschäftsführerin Manuela Pfann.

Vor dem letzten Programmpunkt stand noch das obligatorische Gruppenfoto aller Teilnehmenden an. Wie in den Jahren zuvor hat Angelika Kamlage das aufgenommen – aber diesmal eben ganz anders:
Die Teilnehmenden von #kiw21 - Foto: Angelika Kamlage
Die Teilnehmenden von #kiw21 – Foto: Angelika Kamlage
Katholische Kirche hat bei Digitalisierung noch „Luft nach oben“
Den Abschluss der Tagung bildete ein Podiumsgespräch zwischen Matthias Kopp, dem Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, und Christian Sterzik, dem Leiter der Stabsstelle Digitalisierung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Von Sabine Winkler moderiert sprachen sie über Vor- und Nachteile der digitalen Kommunikation, über die Graswurzelarbeit, die in den Gemeinden und Verbänden läuft, und darüber, wie Kirche ihre Verantwortungsrolle im (netz)politischen Diskurs gestaltet. Auch Themen wie Open Source, Datenschutz und die Urheberrechtsreform wurden besprochen. Beide sind sich einig, dass die Corona-Pandemie zu einem Digitalisierungsschub geführt hat, hinter den wir nicht mehr zurückfallen werden. Dabei sieht Matthias Kopp bei der Katholischen Kirche noch „Luft nach oben“. Zugleich zollte er der EKD „Respekt“ für deren millionenschweren digitalen Innovationsfond. Christian Sterzik lud zu gemeinsamen Überlegungen und Projekten ein, für die es im Rahmen der Tagung auch schon erste Überlegungen gab. Einig waren sich beide auch darin, dass mit Blick auf persönliche Kommunikation Digitalität immer nur eine Ergänzung sein kann. Eine ausführliche Zusammenfassung findet sich bei katholisch.de; eine Aufzeichnung der Podiumsdiskussion ist bei YouTube abrufbar.
Podiumsdiskussion bei Kirche im Web: Christian Sterzik und Matthias Kopp, moderiert von Sabine Winkler
Podiumsdiskussion bei Kirche im Web: Christian Sterzik und Matthias Kopp, moderiert von Sabine Winkler

Und wie immer ging die Tagung nicht zu Ende, ohne direkt den nächsten Termin zu verkünden. So wird #kiw22 am 24./ 25. März 2022 stattfinden. Im nächsten Jahr wird traditionellerweise die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart nach Hohenheim einladen. Es besteht die Möglichkeit, bereits am Abend vorher anzureisen. Apropos große Plattformen: Bei Facebook ist die Veranstaltung schon angelegt. Dr. Heinz-Herrmann Peitz wies darauf hin, dass es bereits die 15. Tagung „Kirche im Web“ sein wird – und versprach eine kleine Überraschung.

Edit: 16.03.2021 – Ergänzung Videolinks

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