Digitale Medien – Eltern, Lehrer und Jugendliche

Bild: Markus Schuck, AKSB

Fachtagung im Bonifatiushaus in Fulda

Wer vermittelt die notwendigen Regeln für einen subjektiv sinnvollen und positiven, aber auch sozial verantwortlich abgestimmten Umgang mit Medien? Wer ist für die Vermittlung von Medienkompetenz an Kinder und Jugendlichen stärker in der Pflicht? Das Elternhaus oder die Schule? Diese Fragen zogen sich wie ein roter Faden durch die Fachtagung „Hilfe, wer erzieht unsere Kinder? Familie 2020: Medienbildung zwischen Elternhaus und Schule“ im Bonifatiushaus in Fulda. Veranstalter waren erneut die AKSB – Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland e.V., das Bonifatiushaus Fulda, die Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz, die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien und das Institut für Medienpädagogik und Kommunikation in Hessen. Vertreter aus Forschung, Wissenschaft und pädagogischer Praxis zeigten den rund 50 Teilnehmenden verschiedene Wege auf, wie eine Erziehungspartnerschaft von Elternhaus und Schule im Bereich der Medienkompetenz aussehen kann und wie sich Medienbildung in Familie und Unterricht im 21. Jahrhundert verändern muss.

Ein Grußwort zur Tagung in Form einer Videobotschaft sandte die Bundestagsabgeordnete Katja Dörner, stv. Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion. Aus ihrer Sicht müsse von einer Bildung für und in einer digital geprägten Welt gesprochen werden. Die Zeit, wo Lehrer „alles wußten“, sei vorbei. Lehrer und Eltern müssten in der digitalen Welt gemeinsam lernen, dass Schüler/-innen zunehmend zu Lehrenden werden. Medienbildung könne daher nur gelingen, „wenn sich Eltern, Lehrer und Jugendliche als lernende Einheit verstehen und an einem Strang ziehen“. Dabei müsse Medienbildung als Querschnittsthema in allen staatlichen Bildungsprogrammen auftauchen und die Medienpädagogik ins Studium einbezogen werden.

Ähnlich sieht es Dr. Petra Bauer vom Institut für Erziehungswissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In ihrer Betrachtung der Probleme und Herausforderungen für Kinder- und Jugendliche und deren Eltern in der Medienbildung kam sie zu dem Schluss, dass sich durch den Medieneinsatz ein Rollenwechsel ergeben habe: Lehrer, Erzieher würden zu Begleitern und Coachs, die Kompetenzen und Verhalten kritisch reflektieren, Hilfestellung geben und sich ebenfalls als Lernende verstehen. Kinder und Jugendlich müssten daher in die eigene Mediennutzung einbezogen werden. Sie versteht ebenfalls die Medienbildung als Querschnittsaufgabe und will sie daher nicht an einem bestimmten Bildungsort oder  einem Unterrichtsfach gebunden sehen.

Neurobiologische Grundlagen vermittelte Prof. Dr. Holger Schulze von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. In seinen Ausführungen wurde deutlich, dass Lernprozesse bis zur Pubertät nicht nur zur Abspeicherung von Informationen, sondern gleichzeitig zur Strukturierung des noch unfertigen Gehirns im Sinne von später ausbaubaren Fähigkeiten führen. Diese Strukturierung habe ihren Höhepunkt im Vorschul- und Grundschulbereich und hänge von der Entwicklung der Synapsen ab, die den Informationsfluss zwischen den Nervenzellen steuern. Grundsätzlich gelte dabei: Vertiefung von Information fördere die Verankerung, Reizüberflutung störe diese massiv. Bei Lernprozessen belohne sich das Gehirn, indem es den Botenstoff Dopamin ausschütte und damit auch den Wissensgewinn im Langzeitgedächtnis abspeichere. Bei einem Übermaß von Computerspielen könne das negative Auswirkungen habe. „Computerspiele ermöglichen irreale Erfolgserlebnisse mit zu häufigen Dopaminausschüttungen. Mögliche Folgen sind Suchtverhalten und Realitätsverlust“, erklärte Prof. Schulz. In solchen Fällen gelte es, das Interesse für andere Dinge zu wecken und Wissen in kleinen Portionen zu vermitteln.

Wie verändern Medien den Schulbetrieb? Spielen statt Lernen? Das waren die zentralen Fragestellungen, denen sich Dr. Ilas Körner-Wellershaus, Leiter des Ernst Klett Verlages, in seinem Vortrag widmen sollte. Für ihn steht jedoch eine andere Frage im Vordergrund: Was ist digitale Didaktik? Hierbei sei die Entwicklung einer Antwort noch im Anfangsstadium. Zurzeit werde der Versuch unternommen, Dinge aus der analogen Welt eins zu eins auf die digitale Welt zu übertragen. Der Nutzen für den Unterricht sei für ihn das vorrangige Ziel. Als Verlagsleiter müsse er im Sinne der Unternehmensstrategie abwägen, was technisch und finanziell möglich und absehbar realisierbar sei. Eins bleibe für ihn aber klar: „Schulbuch stirbt nicht, es wird sich nur verändern.“

Einen spannenden Einblick in den aktuellen Schulalltag gab Dr. Andreas Pallack, Schulleiter des Franz-Stock-Gymnasiums in Arnsberg. „Bereits heute müssen wir den jungen Schülerinnen und Schülern eine Medienkompetenz vermitteln, die sie fit macht für ein Arbeitsleben im Jahr 2025“, ist sich Dr. Pallack zu Beginn seines Vortrages sicher. Schwierig sei jedoch die Einschätzung, welche Medien in Zukunft angesagt sind. Angesichts der stagnierenden Verkaufszahlen auf dem Tablet-Markt und der kurzen Lebensdauer neuer digitaler Angebote bleibe eine realistische Zukunftsprognose fast unmöglich. In Unterricht sollten aber zukünftig nur Medien zum Einsatz kommen, zu denen Schüler/-innen und Lehrer/-innen bereits eine positive Einstellung hätten. Dies sei bei Tablets und iPhones der Fall. Das bedeute jedoch nicht, dass der Unterricht „verappt“ werde. Beim Einsatz der Geräte gehe es nicht um die Technik, sondern um die Funktionalität: vor jeder Anschaffung müsse ein überzeugendes didaktisches Konzept stehen. Die Lehrer/innen hätten dabei eine große Verantwortung, mit neuen digitalen Medien neue didaktische Konzepte zu entwickeln und im Unterricht zu erproben. Seine Erfahrungen würden zeigen, dass sich die Schüler/-innen durch den Einsatz von Handys im Unterricht positiv verändern und die eigene Leistung steigern.

Spannende Diskussion auf dem Podium

In der anschließenden Podiumsdiskussion, die Ralf Caspary vom SWR 2 Wissenschaftsmagazin Impuls leitete, spitzte Dr. Pallack seine Ansicht noch zu: Ein neue Ausstattung von Schulen seien keine Garantie dafür, dass neue Medien im Unterricht überhaupt genutzt und didaktisch sinnvoll eingesetzt würde: „Die Ausstattung ist nicht der wahre Grund dafür, warum an vielen Schulen nichts passiert. Lehrer/-innen und auch Professoren an Universitäten müssen wieder stärker erkennen, was ihre eigentliche Aufgabe ist: Wissen didaktisch optimal zu vermitteln.

Mit Linda Berghaeuser vom Bildungswerk für Schülervertretungen und Schülerbeteiligung e.V. ist er sich einig: In Zukunft werde sich an Schulen nur etwas verändern, wenn seitens der Politik mit den Schulen und damit den Jugendlichen, und nicht über Schulen gesprochen werde. Vor allen Dingen Berghaeuser forderte eine stärker Einbindung der Schülerschaft: „Es wird immer von der Verantwortung von Eltern und Lehrer/-innen gesprochen, doch auch die Schüler/-innen haben eine Verantwortung und Ideen für den Schullalltag der Zukunft.“

Jana Kausch von der Initiative D21 e.V. votierte ebenfalls für eine stärkere Einbindung des Schulen beim Prozess der digitalen Agenda auf Bundesebene. „Der nun anstehende Diskussionsprozess kann nur gelingen, wenn die Schulen hierbei eingebunden werden. Schulleiter benötigen ein Coaching, um langfristig den Unterricht mit digitalen Medien zu bereichern und zu verbessern. Es geht also um Schulentwicklung, die nicht durch einzelne engagierte Lehrer/-innen alleine vorangebracht werden kann.“ Hinsichtlich der technischen Ausstattung der Schulen forderte sie einen Standard, der zumindest eine Haltbarkeit von zehn Jahren habe.

Moderater gab sich Gerhard Seiler, Geschäftsführer der Stiftung digitale Chancen, bei seinem Diskussionsbeitrag im Rahmen der Podiumsdiskussion: Es gebe keine Lösungen, die allen Interessen gerecht werde. Schulen bräuchten gute Bedingungen für die Weiterentwicklung vor Ort. Mit Blick auf seine Erfahrungen mit „Schulen ans Netz“ bestehe jedoch ein großes Problem bei der Umsetzung im bestehenden Föderalismus, der die Kompetenz für Schulen den Ländern zuweise. Dies behindere bundesweite Standards und Lösungswege. Hier sollten die Erfahrungen aus dem Projekt „Schulen ans Netz“ für die weitere Diskussion um Zuständigkeiten berücksichtigt werden. Auch die außerschulische Bildung dürfe beim Diskussionsprozess auf Bundesebene nicht außen vor bleiben.

 

Am zweiten Tag konnten die Teilnehmenden ihre Erkenntnisse aus den Vorträgen und der Diskussionsrunde in Workshops vertiefen und praktisch umsetzen. Dabei präsentierte Tobias Hübner in seinem Workshop das Projekt Internetplattform Raspberry Pi und führte die Teilnehmenden in die praktische Anwendung ein. Dr. Olaf Selg stellte das Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung „Faszination Medien (FaMe) vor. Wie Politische Bildung mit Mediennutzung in der praktischen Bildungsarbeit umgesetzt werden kann, ließ Anselm Maria Sellen anhand von Beispielen aus dem Europahaus Marienberg lebendig werden. Jenny Radzimski-Coltzau gab zusammen mit zwei Schülerinnen einen direkten Einblick in den Umgang mit digitalen Medien im Schulalltag des Franz-Stock-Gymnasiums. Ein neues Verständnis von Medien und Menschen forderte Peter Holnick in seinem Workshop zur Digtalen Bildung.

Resümee: Wir haben Verantwortung

Zum Abschluss der Tagung zogen die Veranstalter ein positives Resümee. Für Gunter Geiger habe die Tagung deutlich gemacht, dass Medienbildung als Querschnittsthema in alle Bildungsbereich eingebunden werden sollt. Zudem habe sich gezeigt, dass digitale Medien sinnvoll  im Lehralltag und im gesellschaftlichen Miteinander von Schule und Familie eingesetzt werden könne.

Winfried Engel, Vorsitzender der Versammlung der LPR Hessen, hatte bereits zu Beginn der Fachtagung die Bedeutung von Medienbildung hervorgehoben. Medienkompetenz ist aus seiner Sicht lebensnotwendig, denn Medien bestimmten den Alltag im gesellschaftlichen Leben. Sein Fazit zum Ende der Tagung: Alle Beteiligten sind für die Vermittlung von Medienkompetenz verantwortlich, Eltern wie Lehrer/-innen. Daher brauche die Gesellschaft besonders qualifizierte Eltern und Lehrer/-innen. In diesem Sinne werde die erfolgreiche Kooperation der Veranstalter auch in den kommenden Jahren eine Fortsetzung finden.

Lothar Harles (AKSB) und Prof. Andreas Büsch, Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz, waren sich in ihrem Resümee einig: Die Chancen standen bei der Fachtagung eindeutig im Vordergrund. Medien bieten Chancen zur Partizipation und zur Inklusion. Zudem sei eine Erziehungspartnerschaft von Eltern und Schule notwendig. Und beide Seiten bedürften der Unterstützung und Qualifikation. „Wir alle müssen uns weiterentwickeln im Bereich der Medienkompetenz: Eltern, Lehrer/-innen, Schüler/-innen und auch außerschulischer Bildner/-innen. Wir werden das Thema weiterverfolgen und auch den Diskurs auf politischer Ebene gestaltend begleiten.“

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