Medienerziehung heißt Wahrnehmungserziehung

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Kinder zu erziehen heißt für viele Eltern, ihren Kindern Grenzen zu setzen, sie im „vernünftigen“ Umgang mit ihrer Umwelt zu schulen und dafür zu sorgen, dass z.B. die Hausaufgaben täglich gemacht werden. Dabei geht es den Eltern nicht darum, die großen Kleinen in ein Korsett von Maßregeln und Umgangsformen zu stecken, sondern sie so gut wie möglich auf das Leben vorzubereiten.. Und da unser Leben von vielfältigen Konventionen und gesellschaftlich normierten Regeln bestimmt ist, gilt es in vielerlei Hinsicht „Regeln“ zu lernen. Letztlich helfen Eltern ihren Kindern dadurch, sich zu verantwortungsbewussten und selbstständigen Mitgliedern unserer Gesellschaft zu entwickeln.

Was hat aber die Förderung der kindlichen Wahrnehmung mit einer gelingenden Sozialisation zu tun? Die Wahrnehmung der eigenen Umwelt verläuft über unsere fünf Sinne. Wir nehmen tagtäglich, in jedem Moment alles was uns umgibt in unserem Alltag mit Hilfe unserer Sinne wahr. Wenn wir in der Welt der Erwachsenen einer Besprechung beiwohnen, geschieht dies mit Hilfe unserer fünf Sinne: Ohne sie wäre es nicht möglich, Inhalte auditiv, also über unsere Ohren aufzunehmen, uns mit Hilfe unseres Gleichgewichtssinnes auf dem Stuhl zu halten, Gestik und Mimik des Chefs oder der Kolleginnen und Kollegen zu beobachten und zu verstehe oder bei einer hitzigen Debatte mittels unseres Geruchsorgans zu bemerken, dass der Besprechungsraum dringend einer Lüftung bedarf.

Unter dem Begriff Wahrnehmung versteht man laut der Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer (1995) den „Prozess der Informationsaufnahme aus Umwelt- und Körperreizen (äußere und innere Wahrnehmung) und der Weiterleitung, Koordination und Verarbeitung dieser Reize im Gehirn“.

Bezogen auf eine gelingende Begleitung und Unterstützung unserer Kinder auf dem Weg in „ihre“ große weite Welt bedeutet das, dass wir ihnen eben nicht „nur“ beibringen, Regeln zu befolgen oder sich Wissen anzueignen oder dass wir mit ihnen den x-ten Frühförderkurs absolvieren. Es geht um etwas viel Trivialeres und doch für jeden Menschen ganz Existenzielles: das neugierige Entdecken ihrer und unserer Lebenswelt mit Hilfe ihrer fünf Sinne!

Dabei steht das alltägliche Üben – explizit das alltägliche Üben aller fünf Sinne im Vordergrund. Denn unsere Wahrnehmungsorgane sind zwar von Geburt an vorhanden und im Regelfall auch allesamt funktionsfähig, doch dass die Sinnesorgane funktional zusammenarbeiten, ist keine Selbstverständlichkeit. Eine bewusste und differenziert ausgebildete Wahrnehmung hängt in erster Linie von den Möglichkeiten des alltäglichen Gebrauchens und Trainierens der Sinnesorgane ab. Laut Zimmer führt in diesem Sinne jede Handlung eines Kindes „zu Erfahrungen, die die Differenziertheit seiner Wahrnehmungsfähigkeit verbessert“.

Im alltäglichen Umgang mit unseren Kindern heißt das also für Eltern wie Großeltern:

  • dass wir Kindern eine Umwelt bieten, die ihnen den Einsatz all ihrer Sinne ermöglicht und unterstützt,
  • sie dabei ermutigen, neugierig und in direktem Kontakt zur Außenwelt mit allen Sinnen die eigene Umwelt zu befühlen, zu begreifen, anzuschauen und ihr zu lauschen,
  • und ihnen die Chance geben, mit Hilfe ihrer Sinnesorgane auf ihre Umwelt bewusst Einfluss zu nehmen und sich in Achtsamkeit auf sich selbst in dieser Welt zu orientieren.

Buchtipp:
Renate Zimmer (1995): Handbuch der Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung, Freiburg: Herder-Verlag

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