Filmwahrnehmung von Vorschulkindern

vier Kinder auf dem Sofa
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Fernsehen schon für Wickelkinder?

Um die Aktivitäten der Kinder beim Fernsehen richtig zu deuten, ihre nachträglichen Fragen zu verstehen und ihre Kommentare einordnen zu können, müssen wir bedenken, dass Vorschulkinder die Welt und auch Fernsehsendungen ganz anders erleben als Erwachsene. So müssen Vorschulkinder erst einen Film ‚lesen lernen’. So haben sie zum Beispiel noch Schwierigkeiten mit Raum- und Zeitsprüngen im Film. Sie müssen also eine „Filmlesefähigkeit“ erwerben, das heißt sie lernen, Filmsprache zu verstehen oder ein filmisches Format anhand bestimmter Kriterien zu erkennen.

Vorschulkinder empfinden Sendungen als Reihe von einzelnen Episoden, die voneinander unabhängig sind. Sie nehmen Details wahr, die für sie Bedeutung haben. Das müssen aber nicht unbedingt die Dinge sein, die für die gesamte filmische Handlung wichtig sind. Diese an Einzelheiten orientierte Wahrnehmung der Kinder wird auch als „Und-Summen-Auffassung“ bezeichnet. Der Name kommt von der Wortwahl der Kinder, wenn sie von Filmen erzählen. Sie reihen eine Einzelheit an die andere, ohne dass sie unbedingt in der richtigen Reihenfolge stehen („und dann…und dann…“). Es fehlt also häufig eine innere Verknüpfung der Szenen.

Vorschulkinder brauchen viel Zeit, um das Gesehene zu verstehen und zu verarbeiten. Oft geht es für sie zu schnell. Sie müssen gleichzeitig sehen, hören und verarbeiten, da der Film während des Verarbeitens weitergeht. Oft sind die Kinder mit der Dramaturgie eines Films überfordert. Aber nur, weil sie manches (noch) nicht so verstehen wie Erwachsene heißt das nicht, dass fernsehen ihnen keinen Spaß macht.

Viele Kinder sehen gerne fern, weil es mit viel Bewegungen, Musik und Spannung zu tun hat. Sie gehen innerlich mit der Spannung mit und brauchen während des Fernsehens und auch hinterher die Möglichkeit, sich körperlich zu bewegen, zu reden, zu lachen oder zu fragen. Vorschulkinder erleben einen Film viel mehr, als dass sie ihn verstehen. Deshalb sollten Erwachsene das Reden oder Zappeln während und nach dem Fernsehen nicht unterbinden, da es den Kindern bei der aktiven Verarbeitung ihrer Fernseherlebnisse hilft.

Die entwicklungsbedingten Wahrnehmungsbesonderheiten lassen sich wie folgt charakterisieren:

  1. Die Kinder verstehen nicht den eigentlichen Handlungsverlauf, sondern picken sich Einzelheiten heraus.
  2. Bei der Deutung von Filmen ist der eigene Erfahrungshorizont sehr bedeutsam, daher beziehen Kinder das Gesehene sehr stark auf ihre eigene Lebenswelt.
  3. Kinder sind emotional besonders in das Filmgeschehen einbezogen, ihnen fehlt oft die kognitive Distanz
  4. Zum Fernsehen gehört für Vorschulkinder auch die gleichzeitige oder nachträgliche Verarbeitung.
  5. Vorschulkinder müssen eine Filmlesefähigkeit erwerben, ihre Eltern können (und dürfen) sie dabei unterstützen.

Es kommt auf die Haltung der Eltern an:

„Manche Eltern und Erzieher sind empört, dass man nun schon Babys vor den Bildschirm bannen will.“

Über den pädagogischen Wert von modernen Kinderseriensendungen, wie z.B.den Teletubbies, gibt es viele Meinungen. Manche Eltern und Erzieher sind empört, dass man nun schon Babys vor den Bildschirm bannen will, andere sind erleichtert, weil sie ihren Kleinkindern etwas zeigen können, was garantiert keine Gewalt und keine unverständlichen Szenen enthält. Beide Positionen sind verständlich und begründbar und es wäre auch vermessen an dieser Stelle, einseitige und eindeutige „Ratschläge“ zu geben.

Vielmehr kommt es darauf an, welche Haltung die Eltern selbst zum Fernsehen haben. Eltern, die davon überzeugt sind, dass ihr Umgang mit den Dingen der Welt entscheidend bei der Erziehung ist, werden sicher weniger Schwierigkeiten haben, sich auf die Teletubbies einzulassen. Ihnen gelingt es leichter mal einen Tubbie-Toast zu servieren oder das abendliche Zu-Bett-Geh-Knuddeln als Tubbie-Schmusen zu akzeptieren. Eltern hingegen, die den Dingen der Welt allein schon einen bedeutenden Einfluss beimessen, kommen schneller in die Situation, für das Kind entscheiden zu wollen, ob es nun diesen oder jenen Einfluss ausgesetzt werden soll.

Buchhinweis: Neuß, Norbert/Koch, Claus: Teletubbies & Co. Schadet Fernsehen unseren Kindern? Weinheim 2000.

Dr. Norbert Neuss

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