Perspektivwechsel im Jugendmedienschutz

Auf dem Bild sind mehrere Jugendliche zu sehen, darunter der Titel: "Medienkompetenz und Jugendschutz IV"
Bild: © www.medienkompetenz-jugendschutz.de

Vierte Untersuchung zu „Medienkompetenz und Jugendschutz“ vorgestellt.

Wie wirken Spielfilme auf Kinder und Jugendliche? Wie verarbeiten junge Menschen die Eindrücke und Inhalte? Und für welche Altersfreigabe würden Jugendliche sich entscheiden, wenn sie als einer der über 250 ehrenamtlichen Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) aktiv wären?

Diesen Fragen gingen in den letzten zehn Jahren bereits drei Untersuchungen zum Schnittfeld „Medienkompetenz und Jugendschutz“ nach. Gestern wurden in Wiesbaden die Ergebnisse der vierten Untersuchung vorgestellt, die sich mit der Frage beschäftigte, welche Rolle Filme für die Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen spielen. Der thematische Fokus der Studie lag dabei auf „Körper, Geschlecht, soziale Identität“.

„Filme haben eine herausragend identitätsstiftende Funktion für 12- bis 15-Jährige und leisten einen wertvollen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung. Sie können helfen, Aggressionen und Ängste zu überwinden, Verständnis zu vermitteln und Kompromisse zu finden. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass Jugendliche lernen, sich vor Inhalten zu schützen, die ihnen schaden könnten“, erklärte Irene Alt, Kinder- und Jugendministerin des Landes Rheinland-Pfalz.

„Über ihre Hauptaufgabe hinaus – der gesetzlichen Alterskennzeichnung von Filmen – beschäftigt sich die FSK intensiv mit der Wirkung von Filmen auf Kinder und Jugendliche. Die seit 2003 laufende Studienreihe, an der inzwischen 1.700 Mädchen und Jungen aller Schularten und unterschiedlichen Alters teilgenommen haben, begleitet die tägliche Prüfarbeit in den FSK-Ausschüssen. Denn nicht nur die filmischen Inhalte ändern sich, sondern auch die Kompetenzen von Heranwachsenden“, so Birgit Goehlnich, eine von drei Ständigen Vertretern der Obersten Landesjugendbehörden bei der FSK und Initiatorin des Projekts. Die drei ständigen Vertreter sind formal Angestellte des Landes Rheinland-Pfalz und sichern durch ihr Mitwirken an den Film-Prüfungen ab, dass die Alterskennzeichnungen gemäß Jugendschutzgesetz anschließend Rechtskraft haben. Die mit 517 beteiligten Schülerinnen und Schülern bis dato umfangreichste Untersuchung zur Wirkung von Kinofilmen wurde von der FSK in Kooperation mit dem Jugendministerium Rheinland-Pfalz durchgeführt. Dieses ist beim gesetzlichen Jugendschutz im Bereich Film federführend für alle Bundesländer.

Das Besondere der nun vorgestellten Studie ist zum einen die Beschäftigung mit Langfilmen, die sonst eher selten Gegenstand der Medienwirkungsforschung sind. Zum anderen ist es der Perspektivwechsel der Fragestellung, denn üblicherweise sucht der Jugendmedienschutz nach möglichen Beeinträchtigungen für Kinder und Jugendliche durch die Rezeption eines Filmes. Die einschlägigen Begriffe lauten denn auch Desorientierung, Verrohung, Verängstigung, Desensibilisierung usw.

Der Ausgangspunkt von „Medienkompetenz und Jugendschutz IV“ war ein völlig anderer, erläutert Prof. Dr. Jürgen Grimm, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Wien, der die Studie wissenschaftlich geleitet hat: „Wir fragen danach: Inwieweit helfen Kinofilme Jugendlichen bei der Bewältigung von Alltagsproblemen und der Lösung von Identitätskonflikten?“ Seiner Ansicht nach könne man die Filme auch wie ein Medikament betrachten, das neben erwünschten Effekten als Ausgangspunkt eben auch unerwünschte Nebenwirkungen haben könne.

Untersucht wurde die Wirkung von vier Kinofilmen mit einer FSK-Freigabe ab 12 Jahren: der Science-Fiction-Blockbuster DIE TRIBUTE VON PANEM – THE HUNGER GAMES, das Neonazi-Drama KRIEGERIN, die Tragikomödie DIRTY GIRL und der Superheldenfilm CHRONICLE – WOZU BIST DU FÄHIG? Die beteiligten Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Schulformen und Bundesländern erhielten zu Projektbeginn einen anonymisierten (Prä-)Frage­bogen zu soziographischen Daten sowie relevanten Einstellungen und Befindlichkeiten. Unmittelbar nach der jeweiligen Filmsichtung im Kino in Wiesbaden füllten die Schülerinnen und Schüler einen weiteren (Post-)Fragebogen aus, der neben offenen Fragen zum Film auch acht Fragen zu Einstellungen und Werthaltungen aus dem Prä-Fragebogen aufgriff. Dieser quantitative Teil der Studie wurde durch Filmgespräche im Anschluss an die Rezeption ergänzt, die der realen Rezeptionssituation im Kino und danach nahe kommen. Außerdem wurden in geschlechtshomogenen Kleingruppen sowie mit ausgewählten Einzelpersonen Interviews geführt, mit denen Einblicke in die Gefühlswelt der Mädchen und Jungen gewonnen werden konnten.

Die Ergebnisse zeigen überraschend signifikante Effekte in den Untersuchungsdimensionen „psychosoziale Disposition (Angst und Aggression)“, „Abbau von Vorurteilen“, „Differenziertes Geschlechtsrollenverständnis“, „Soziale Gruppenbindung“ und „Kosmopolitische Weitung“. So konnte nach dem Betrachten von Filmen auch mit problematischen Inhalten wie KRIEGERIN bei den Schülerinnen und Schülern ein Abbau aggressiver und eine Zunahme prosozialer Einstellungen sowie eine Ausweitung von Rollenflexibilität festgestellt werden. Auch DIRTY GIRL liefert Anhaltspunkte für ein differenzierteres Rollenverständnis und einen Abbau von Vorurteilen. Die KRIEGERIN hingegen begünstigt eine kosmopolitische Einstellung bei – aufgrund der Neonazi-Problematik – zugleich sinkender Identifikation mit Deutschland.
Allerdings gibt es auch eine Reihe widersprüchlicher Effekte, wie den gleichzeitigen Auf- und Abbau von Vorurteilen bei DIRTY GIRL oder die Zunahme der sozialen Gruppenidentität nach Anschauen der KRIEGERIN. Mögliche Erklärungen dafür sind nach Ansicht der Autoren der Studie Überforderungsreaktionen oder auch eine mehr oder minder bewusste Ablehnung zu deutlich empfundener pädagogischer Gehalte im Film.

In der Summe überwiegen aber die prosozialen Effekte wie der Abbau von Vorurteilen und die Flexibilisierung der Geschlechtsrollen-Interpretation. Auch wenn die kurzfristigen Effekte, die eine Prä-Post-Studie feststellen kann, nicht mit langfristigen Wirkungen verwechselt werden dürfen, sind dies doch deutliche Indikatoren für einen positiven Einfluss von Langfilmen auf die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen.

So dienen die Ergebnisse der Untersuchungen nicht nur dem Abgleich, wie sich die (fiktiven) Altersentscheide der Jugendlichen zu denen der ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfer verhalten. Darüber hinaus zeigen sie auch auf, inwiefern die Diskussionen über die Bewertungsgründe aus Sicht des Jugendschutzes zur Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen passen. Schließlich zeigt die Studie auf, wie wichtig die Förderung von Medienkompetenz und hier insbesondere die Anschlusskommunikation über Medien ist, um eine identitätsförderliche Verarbeitung der rezipierten Medien zu ermöglichen. Denn es darf unterstellt werden, dass das Bewusstsein an einer derartige Studie teilzunehmen durchaus die Reflexivität von Kindern und Jugendlichen beeinflusst, auch wenn die beteiligten Schülerinnen und Schüler das Kinoerlebnis im Rahmen der Untersuchung „ganz normal“ fanden.

Zur Untersuchungsreihe wurde eine Website eingerichtet (http://www.medienkompetenz-jugendschutz.de), auf der die aktuelle Untersuchung unter http://www.medienkompetenz-jugendschutz.de/pdf/MuJ4_Broschuere.pdf abgerufen werden kann. Die Inhalte der DVD, die der gedruckten Version beiliegt, sind unter http://www.medienkompetenz-jugendschutz.de/dokumentation.html ebenfalls online verfügbar.

 

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