E-Books in der Büchereiarbeit

Mann liest ein E-Book und eine Frau liest ein Buch (Symbolild für E-Books in der Büchereiarbeit)
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Längst kein seltenes Phänomen mehr: Immer mehr Leserinnen und Leser „sliden“ Seite um Seite der Online-Zeitung beim Frühstück oder eines E-Books auf einem mobilen Endgerät. 2012 trugen E-Books 10% (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels) zum Umsatz der Verlagsbranche bei und mehr als jede zweite Neuerscheinung auf dem Buchmarkt ist rabattiert auch als E-Book erhältlich.

Als Alleinstellungsmerkmale von E-Books fallen vor allem ihre schnelle Verfügbarkeit, Umweltfreundlichkeit, Platzersparnis und Mobilität ins Auge. Die benötigten Endgeräte für digitale Bücher sind E-Reader, Smartphones und Tablets. Der Vorteil von E-Readern liegt im niedrigen Stromverbrauch, der guten Lesbarkeit auch bei direktem Sonnenlichteinfall und dem geringen Gewicht. Da E-Reader speziell für das Lesen von E-Books hergestellte Endgeräte sind, ist ihre Nutzung hierauf beschränkt und sie werden daher primär von Viellesern verwendet. Tablets hingegen können vielseitiger eingesetzt werden und ermöglichen z.B. die Verknüpfung von E-Books mit Audio- und Videodateien. Smartphones bieten spezielle Programme (Apps) zum Lesen des E-Book-Formates, sind klein und in den Haushalten am weitesten verbreitet. Das gewünschte Ausmaß an Multifunktionalität wirkt sich entscheidend auf den Preis aus: Der günstigste E-Reader ist schon für unter 50 € erhältlich, ein Tablet kostet selten unter 100 €; edlere Geräte der Marktführer kosten bis zu 900 EUR. Smartphones liegen derzeit je nach Ausstattung zwischen 100 und 700 EUR.

Unabhängig vom Endgerät können deren Besitzer online, sowie im Buchhandel E-Books per Download käuflich erwerben oder sich die gewünschten Titel online ausleihen.

Welche Konsequenzen hat die steigende Nachfrage nach E-Books für Büchereien?

Verwaisen durch die digitale Ausleihe zukünftig die Büchereien und Bibliotheken? Wird es diese in ihrer jetzigen Form so bald nicht mehr geben? Werden die 35.000 (ehrenamtlichen) MitarbeiterInnen der ca. 4.000 Katholischen öffentlichen Büchereien in Deutschland (vgl. DBK 2013) bald nur noch Online-Kataloge für die Entleihe von E-Books betreuen? Wird sich der Beratungskontakt zu den Leserinnen und Lesern auf die Problembehebung technischer Schwierigkeiten in Internetforen beschränken? Wird die Vielfalt an Schulungen, sowie Fort- und Weiterbildungen für NutzerInnen und MitarbeiterInnen der zwei großen überdiözesanen Verbände, des Borromäusvereins und des St. Michaelsbundes, hierdurch deutlich reduziert?

Um erste Antworten geben zu können, sollen im Folgenden das System „Onleihe“ des Deutschen Bibliotheksverabandes, das katholische Pendant „Bibload“ des Bistums Münster sowie die Chancen der Förderung von Medienkompetenz durch den Einsatz von E-Books näher betrachtet werden

„Onleihe“ – seit 2007 Vorreiter im E-Book-Verleih

Mithilfe des Systems „Onleihe“ des Deutschen Bibliotheksverbandes können derzeit die NutzerInnen von rund 600 Stadtbibliotheken deutschlandweit orts- und zeitunabhängig digitale Bücher ausleihen. Das von der Firma DIVIBIB GmbH angebotene System kümmert sich um Hosting, Ausleihsystem und Medienbeschaffung. Vor allem für die Zielgruppe der Berufstätigen ist die von den Öffnungszeiten der Büchereien entkoppelte Nutzung von großem Vorteil. Neben dem entsprechenden Endgerät wird ein Internetzugang benötigt. Außer den Beiträgen für die örtliche Bibliothek fallen für die Nutzung dieses Angebotes keine weiteren Kosten an. Wie bei der Ausleihe herkömmlicher Bücher auch, gibt es hier eine Ausleihfrist, nach Ablauf dieser steht das E-Book dann nicht mehr zur Verfügung. Durch die Automatisierung der Rückgabe ist ein Überschreiten der Ausleihfrist nicht möglich, somit fallen keine weiteren Kosten, z.B. durch Mahngebühren, an.

Katholische Büchereien? Bibload des Bistums Münster ist beispielhaft

Neun katholische und fünf staatliche Büchereien bieten im regionalen Zusammenschluss unter dem Portal Bibload seit November 2011 E-Books, -Papers, -Videos und Audios an. NutzerInnen können aus den rund 10.000 verfügbaren Medien fünfzehn Titel gleichzeitig ausleihen. Die Ausleihfristen variieren je nach Medium: E-Books und E-Audios können bis zu vierzehn, E-Videos bis zu sieben Tagen und E-Papers bis zu einer Stunde ausgeliehen werden. Ähnlich der Onleihe ist auch hier außer einem gültigen Nutzerausweis keine weitere Zugangsberechtigung erforderlich. Ein schöner Fingerzeig in Richtung Endnutzerfreundlichkeit: Neue Nutzerinnen und Nutzer erhalten über das Angebot eines virtuellen Rundgangs einen fundierten ersten Einblick in die Funktionsweise von Bibload und finden auf der Frontpage Hyperlinks zum Download der benötigten Software zur Nutzung der bereitgestellten Medien.

Regionale Projekte, ähnlich wie Bibload, scheinen im Kommen zu sein; von Ausnahmen wie dem Projekt LEO – Lesen Online des St. Michaelsbundes mit den Südbayrischen Diözesen abgesehen, fehlt bislang aber noch ein breit aufgestelltes Angebot der KÖBen. Könnten nicht die katholischen Büchereien durch die gleichzeitige Bereitstellung von E-Books und Endgeräten, zur Ausleihe oder zur Vorortnutzung, ein Alleinstellungsmerkmal schaffen? Eine deutliche Positionierung und eine Erweiterung des Angebotes digitaler Medien würde auch zukünftig die Anschlussfähigkeit der KÖBs an die staatlichen Büchereien gewährleisten.

Für die effiziente Umsetzung eines breit aufgestellten Angebotes ist ein vielfältiges (zusätzliches) Schulungs- und Fortbildungsangebot der MitarbeiterInnen unumgänglich. Dies geschieht bereits vielerorts; ein Beispiel hierfür ist der Regionaltag „Die anderen sind online – wo sind wir?“ der Fachstelle für katholische Büchereiarbeit des Bistums Mainz. Dabei werden die Vor- und Nachteile des Einsatzes von E-Books in KÖBs geklärt und die MitarbeiterInnen lernen, den Kunden ganz praktisch bei der Entscheidungsfindung behilflich zu sein (vgl. Fachstelle für katholische Büchereiarbeit Mainz 2013.

Förderung von Medienkompetenz durch den Einsatz von E-Books in Büchereien

Die Bereitstellung von E-Books und E-Book-Readern zum Verleih oder zur Benutzung vor Ort, ist eine mögliche Reaktion katholischer Büchereien auf die Marktentwicklung. Wer jedoch hinter dieser notwendige Umstellung und Erweiterung des Angebotes rein strategisches Kalkül vermutet, greift zu kurz: Es gehört zum (christlichen) Dienst am Menschen, jedem Gesellschaftsmitglied eine befriedigende Teilhabe in allen relevanten Lebensbereichen zu ermöglichen. Hierzu zählt im Kommunikationszeitalter a priori die Förderung von Medienkompetenz.

Die Pastoralinstruktion Communio et progressio besticht dazu mit wegweisender Aktualität: „Es darf […] nichts unversucht gelassen werden, die Rezipienten (Leser, Hörer und Zuschauer) so anzuleiten, dass sie alles, was ihnen durch die Medien geboten wird, richtig deuten, daraus möglichst großen Gewinn ziehen und so schließlich an ihrem Platz das Leben der Gesellschaft aktiv mitgestalten. Nur dann entfalten die Kommunikationsmittel ihre volle Wirksamkeit.“ (Communio et progressio 1971)

Doch wie genau kann durch die Bereitstellung von E-Books eine Förderung der Medienkompetenz erreicht werden? Dazu ein – vielleicht gar nicht so fiktives – Beispiel:

Als Frau Sander ihren neuen E- Reader endlich von der aufwendigen Verpackung befreit hat, wandelt sich ihre aufgeregte Gespanntheit sichtbar in Gereiztheit: „Aber Schatz, was soll ich denn damit, ich lese doch viel lieber richtige Bücher. Von dem Geld hättest Du lieber den Kindern das ein oder andere schöne Buch unter den Weihnachtsbaum legen können. Daraus hättest Du ihnen dann auch einmal vorlesen können.“ Auf Herrn Sanders Gesicht lässt sich Ratlosigkeit ablesen. Eigentlich wollte er doch seine viellesende Frau mit der technischen Neuerung beeindrucken. Frau Sander zeigt jedoch auch in der Zeit nach Weihnachten wenig Interesse am E-Reader. Aus diesem Grunde greift Herr Sander vermehrt selbst zu seinem Geschenk, obwohl er eigentlich das Fernsehen dem Lesen vorzieht. Beim Stöbern im Online-Katalog der Bücherei stößt er auf die Empfehlung eines Kinderbuches und einen Reiseführer für das nächste Urlaubsziel. Als er seinen Kindern Paul und Hannah das erste Mal aus dem Kinderbuch vorliest, die Begeisterung seiner beiden Kinder deutlich spürbar. Durch das Beobachten dieser Szene bekommt Frau Sander selbst Lust den E-Reader einmal auszuprobieren.

Wie durch das Szenario aufgezeigt, profitieren nicht nur VielleserInnen von E-Books. In vielen Familien ist das Lesen oder das Vorlesen fest als gemeinsame Freizeitbeschäftigung in den Familienalltag integriert. Laut der FIM-Studie (2011, 65) ist das die vierthäufigste gemeinsame Medienaktivität in Familien. Deutliche Unterschiede gibt es jedoch hinsichtlich des Bildungshintergrundes der Eltern und der Geschlechterperspektive: wenn die Eltern einen mittlerem oder hohen Bildungsabschluss haben, wird mehr und häufiger (vor-)gelesen. Und es sind vor allem die Mütter, die ihren Kindern vorlesen.

Diesen Tatsachen könnte der Einsatz von E-Books entgegenwirken: vor allem Jungen und Männer werden durch den Einsatz von E-Readern und Tablets zum Lesen angeregt. Die Stiftung Lesen fand in einer Vorlese-Studie (2012, 26) heraus, dass jeder fünfte Vater, der selten oder nie seinen Kindern aus Büchern vorliest, am Vorlesen mit Apps Interesse zeigt. In der lebenslangen Entwicklung von Lesekompetenz wäre dies eine deutliche Verstärkung für diejenigen, die sonst weniger (vor-)lesen .

Aber welchen Reiz hat die Möglichkeit der E-Book-Ausleihe für Familien, die ohnehin schon zu den Viellesenden zählen? Welche weiteren Auswirkungen hat der Einsatz von E-Books auf die Medienkompetenz der NutzerInnen?

Derzeit nehmen Eltern relativ wenig an den digitalen Medien-Aktivitäten ihrer Kinder teil (Vgl. mpfs 2011). Vermutlich kann die interaktive Nutzung von E-Books, E-Audios und E-Videos, die Brücke zwischen dem gemeinsamen Lesen und Vorlesen und der Anwendung digitaler Medien bauen. Eine erhöhte Partizipation der Eltern in diesen Bereichen wäre ein wichtiger Baustein für eine praktisch gelebte Medienerziehung.

Durch die interaktive Nutzung von E-Books versprechen sich Eltern darüber hinaus einen Zuwachs der Lesemotivation und eine für ihre Kinder und sich selbst spannende Erweiterung zum Buch (vgl. Stiftung Lesen 2012, 21). Der gezielte Einsatz von interaktiven Elementen kann das Verständnis inhaltlicher Zusammenhänge fördern und das Verstehen einzelner Sequenzen überprüfbar machen. Frau Carleton-Gertsch, Fachfrau für digitale Angebote für Kinder, bringt es im Zeit-Interview auf den Punkt: „Man bringt Kindern bei, dass sich etwas tut, wenn sie tippen oder wischen. Wichtig ist aber, dass das, was sich dann tut, auch für die Geschichte Sinn hat. Alles andere ist nur Spielerei.“ (2013,1)

Eine Hürde liegt möglicherweise in der Anschaffung eines Tablets, dessen Besitz die notwendige Voraussetzung für die interaktive Nutzung von E-Books ist. Problematisch könnte sich in diesem Sinne das Phänomen der digitalen Spaltung auswirken. Die Vorlese-Studie der Stiftung Lesen (2012, 13) fand jedoch heraus, dass der Bildungsfaktor keine entscheidende Größe für die Ausstattung mit Tablets im Familienhaushalt darstellt. Dadurch könnten auch Familien mit formal niedriger Bildung mit den neuen Vorleseangeboten erreicht werden.

Durch den Einsatz von E-Books wird selbstverständlich die Lesekompetenz als Teilbereich der Medienkompetenz ausgebaut. Und ebenso selbstverständlich wird das technische Know How erweitert. Darüber hinaus lernen Nutzer aber auch die Möglichkeiten interaktiver und cross-medialer Mediennutzung kennen, z.B. durch die Möglichkeiten individueller Markierungen und des Teilens von Inhalten, wodurch ich mich mit anderen über die Inhalte austauschen kann. Und schließlich beeinflusst dies sicherlich auch das Medialitätsbewusstsein – Medien sind immer auch Produkte unserer Kreativität.

Fazit: Friedliche Koexistenz der digitalen und non-digitalen Ausleihe

Ein kulturpessimistisches Szenario in dem die BüchereimitarbeiterInnen nur noch Online-Kataloge und Foren verwalten und betreuen, ist nicht zu erwarten. Vielmehr wird sich eine Koexistenz der digitalen und non-digitalen Ausleihe durchsetzen. Neben der persönlichen Vorliebe für Haptik spielt die Verwendung des Buches dafür eine Rolle: Vor allem Fach- und Sachbücher werden aufgrund der Bearbeitungsmöglichkeiten als E-Books rezipiert, Belletristik erfreut sich weiterhin in Papierform großer Beliebtheit.

Für die (katholische) Büchereiarbeit liegt die Chance im Einsatz von E-Books darin, dass auch Zielgruppen erreicht werden können, die mit herkömmlichen Büchern schwer bis nicht anzusprechen sind. Darüber hinaus ist das Potenzial hoch, das Vorlesen noch selbstverständlicher und vielfältiger in den Alltag integrieren zu können – auch in Situationen, in denen bisher aus einem Buch nicht vorgelesen wurde.

Eine zentrale Voraussetzung dafür ist die Schulung der MitarbeiterInnen, um die Nutzer im Umgang mit E-Readern angemessen beraten und unterstützen zu können. Wenn dies entsprechend greift, könnte auch die gemeinsame Nutzung digitaler Medien in Familien gestärkt werden.

Vor allem im Bereich der katholischen Büchereien besteht jedoch noch Nachholbedarf im Verleih von digitalen Büchern, um den Anschluss nicht zu verpassen. Denn eines ist sicher: Lesen ist und bleibt eine beliebte Freizeitbeschäftigung – und ein zentraler Baustein von Medienkompetenz! Und die gilt es auch mit neuen Mitteln zu fördern und auszubauen.

Weiterführende Literatur:

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