Auf dem Hochseil und nahezu schwindelfrei

Die gleichzeitige Vermittlung von wissenschaftlich-theoretischen Grundlagen und praktischem Handlungswissen ist ein Drahtseilakt, der sich als roter Faden durch das Katholische Medienhandbuch zieht. Großer Bonuspunkt: Das Medienhandbuch gibt’s auch als Open Source, sodass tatsächlich viele Menschen erreicht werden.

Gebhard Fürst (Hg.), David Hober, Jürgen Holtkamp: Katholisches Medienhandbuch. Fakten – Praxis – Perspektiven, Butzon & Bercker (Kevelaer)  2013, 336 Seiten. ISBN 978-3-7666-1671-5, E-BOOK ISBN 978-3-7666-4208-0, EPUB ISBN 978-3-7666-4209-7, D: 29,95€, A: 30,80€,  online verfügbar unter: http://www.mdg-online.de/medienhandbuch

Ganz schön hoch gespannt: Ein Medienhandbuch für alle

Die von Gebhard Fürst im Vorwort des Katholischen Medienhandbuches geäußerte Absicht der umfassenden Darstellung des aktuellen Status Quo kirchlicher Medienarbeit (S.11), ist sehr ehrgeizig. Mit der Bereitstellung von theoretischem Wissen (z.B. über das Verhältnis von Öffentlichkeit zu Kirche) und einer Fülle von Praxisbeispielen (wie z.B. Projekterfahrungen aus dem innovativen Geocaching-Angebot pfarr:rad) werden zwei Stoßrichtungen erkennbar. Zum einen findet so, v.a. durch Kapitel eins und drei, eine multiperspektive und nicht abschließende Diskussion der Vereinbarkeit zwischen kirchlichem Auftrag und seiner Kommunikation in und mit neuen Medien statt. Zum anderen bieten Kapitel zwei und vier Einblicke in die erfreulich breite Aufstellung des „Medienplayers“ katholische Kirche.

Keine Angst vor dem Fall: Vierzig Medienschaffende wagen sich auf das Seil

Die unterschiedlichen professionellen und disziplinären Hintergründe und Perspektiven der AutorInnen sind ein klares Statement dafür, dass Kirche den vielzähligen Herausforderungen des erforderlichen Paradigmenwechsels gut gerüstet entgegentritt. Das Inhaltsverzeichnis und seine Abarbeitung durch die jeweiligen Themenstellungen der Einzelaufsätze, ist Zeugnis der einvernehmlichen Verpflichtung zu größtmöglicher Aktualität und Positionierung. Einziges Manko: Die vierzig „Modern Performer“ aus der katholischen Medienszene stehen fast durchgängig unkommentiert nebeneinander. Hierdurch werden mögliche Synergieeffekte verschenkt.

Die äußere Beschaffenheit: Layout & Lesefreundlichkeit

Die thematische Vierteilung des Kompendiums, wird durch farbliche Akzentuierung visuell unterstützt. Hierdurch kann der Leser jeden Aufsatz sofort dem zugehörigen Überthema zuordnen. Passenderweise lässt sich das Katholische Medienhandbuch nicht nur als Soft-Cover-Version in den Händen halten, sondern auch komplett online abrufen.

Zu tadeln sind hingegen die folgenden gestalterische Mängel: Die Content-Clouds im Vorder- und Rückeinband wirken leider weniger inhaltsverstärkend, denn künstlich und deplatziert. Warum die Herausgeber die mannigfaltigen Chancen der Visualisierung fast vollständig unbeachtet lassen, bleibt offen. Leider fehlt darüber hinaus ein Gesamtliteratur- und Sachverzeichnis.

Ziemlich Wackelig: Fehlende Zielgruppenfestlegung stellt hohe Ansprüche an die Balancefähigkeit der Leser

Für wen das katholische Medienhandbuch zu einem geschätzten Nachschlagewerk avancieren soll, bleibt unklar. Wer jedoch ein Medienhandbuch für „alle“ schafft, sollte eine zielgruppen- und milieusensible inhaltliche Führung im Buch anbieten. Vorstellbar wäre z.B. ein, dem Inhaltsverzeichnis vorgelagertes, Tableau, das mit verschiedenen Farben arbeitet und so die verschiedenen Zielgruppen auf für sie besonders interessante Artikel hinweist. Während die besprochene Verwendung einer Stundengebets-App (S. 118f.) beim Endnutzer mit schlichten PC-Grundkenntnissen noch Erstaunen und Spannung hervorruft, lädt manch Medienschaffender längst das erste Update der App auf sein Smartphone und hat schon fünf Online-Gottesdienste in der „Funcity-Kirche“ St. Bonifatius (S. 109) besucht.

Das Auffangnetz: Fundiertes Grundlagenwissen wirkt auch bei einer heterogenen Zielgruppe

Während an einer klaren Zielgruppendifferenzierung gespart wurde, kann an drei ausgewählten Beispielen erlebt werden, dass von den Angehörigen der katholischen Medienszene gegenwärtig und zukünftig einiges innovatives Potential zu erwarten ist.

Alexander Filipović fordert in seinem Beitrag zur „Internetethik“ in aller Deutlichkeit, das Internet als realen Bestandteil unseres Lebensraumes, anzuerkennen (S. 237). Der Schlüssel für eine tatsächliche Partizipation der Kirchen im Web 2.0 sei in der gemeinschaftlichen, interaktiven Nutzung der Kommunikationskanäle zu finden: „Es kann keine bloße Strategie sein, sich als Kirche in den neuen Angeboten und Möglichkeiten des Internets, […] zu engagieren und präsent zu sein. Es ist eine Notwendigkeit, die aus der christlichen Zeitgenossenschaft folgt, weil das Internet, wie beschrieben, zu dem Ort wird, an dem sich menschliches Leben in immer größerem Umfang abspielt.“ (S.242f.)

Andreas Büsch liefert in „Kommunikation im 21. Jahrhundert“ dazu ein kommunikationswissenschaftliches Grundgerüst, das auf der Sozialgeschichte der Medien fußt. Im 21. Jahrhundert bliebe nur kommunikationsfähig und damit auch gesellschaftlich inkludiert, wer auf eine umfassende Ausstattung mit Medienkompetenz zurückgreifen kann (S. 25). Das gelte sowohl für den kirchlichen Multiplikator als auch für den Endnutzer. Die Erhöhung der Teilhabechancen durch ein breitgefächertes medienpädagogisches Angebot sei sodann immanente Aufgabe einer menschendienlichen Kirche. Nur so können Kirche und ihrer Angehörigen tatsächlich von der dialogischen Struktur des Web 2.0 profitieren, „hinsichtlich ihres kommunikativen Vollzugs wirklich zu sich […] kommen und einen herrschaftsfreien Dialog […] führen.“ (S. 26).

Den „entscheidende(n) strategische(n) Dreh“ (S.231f.) kristallisiert schließlich Jürgen Pelzer in seinem Beitrag Neue Medien und Soziale Netzwerke  heraus und vertritt damit trendbewusst das Paradigma der Beteiligung: Nur wenn Kirche ihre Nutzer von vorneherein dialogisch an der Ausgestaltung des medialen Angebotes beteiligt, bleibt sie zukunftssicher (S.231 f.).

Fazit

Mit kleinen Abstrichen, kann das katholische Medienhandbuch als ein mutiger Schritt in die Richtung eines Paradigmenwechsels innerhalb katholischer Medienarbeit gesehen werden. In wieweit sich jedoch tatsächlich  MultiplikatorInnen-Effekte erzielen lassen und ob ein generelles positiveres Verhältnis kirchlicher AkteurInnen zum Medieneinsatz erreicht werden kann, bleibt  gespannt abzuwarten.


Christina Enders

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