Von der Couch aus Gottesdienste live mitgestalten

Pfarrer hält Tablet in seinen Händen. (Gottesdienste auch online)
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Jugendpastoral im Zeitalter des Social Web: Mehrere (Internet-) Kirchen nehmen diese Herausforderung schon seit einiger Zeit an

Schauen wir in den meisten Kirchen im sonntäglichen Gottesdienst nach links und rechts, stellen wir fest, dass die Zielgruppe der Jugendlichen nur relativ dünn vertreten ist.  Ausweislich verschiedener Studien sind Jugendliche und junge Erwachsene aber zu 100% „online“.  Ferner findet medienpädagogische wie pastorale Arbeit der Kirchen gegenwärtig bereits verstärkt im Netz statt. „Online-Seelsorge“ oder „Internet-Gottesdienste“ sind keine Seltenheit mehr und werden von Jugendlichen mit wachsendem Interesse nachgefragt.
Geht es bei der Ergänzung durch den digitalen Kanal um eine Konkurrenzveranstaltung oder nimmt kirchliche Jugendpastoral hier ganz selbstbewusst einen noch ausbaubaren Raum ein?

Nehmen wir uns zunächst einen Moment Zeit, die Feier eines Präsenzgottesdienstes, als den Raum in dem die Gemeinde regelmäßig zusammenkommt, aus der Perspektive eines Jugendlichen zu betrachten:

  1. Zuerst einmal würde sich dieser höchstwahrscheinlich über den morgendlichen Zeitpunkt am Wochenende beschweren. Somit ist die Uhrzeit ein nicht zu unterschätzender Faktor für die Entscheidung „Gottesdienstbesuch Ja/Nein“.
  2. Ebenso könnte die Ortsgebundenheit an die Kirche den Gottesdienstbesuch für jugendliche Gemeindemitglieder weniger attraktiv machen. An einem Ort, der bewusst Unterbrechung des Alltags ermöglichen will, damit aber auch wenige bis keine jugendkulturellen Anknüpfungspunkte bietet,  eine Stunde lang konzentriert zuzuhören –  ist das für Jugendliche möglicherweise „too much“?
  3. Und: sind für diese  Zielgruppe Präsenzgottesdienste zu sehr „individualistisch“? Fehlen Ihnen einfach mehr Möglichkeiten zur Interaktion & Kommunikation während der Feier des Gottesdienstes? Können Jugendliche Präsenzgottesdienste eventuell weniger als Gemeinschaftserlebnisse erfahren, in deren Rahmen sie mit anderen Jugendlichen Kontakte knüpfen und pflegen können, als dies Liturgiker sehen mögen?

Betrachtet man diese drei Punkte und Alltagserfahrungen wird unmittelbar deutlich, dass besondere Bemühungen unternommen werden müssen um die jugendliche Zielgruppe zu erreichen. Denn von der Mitwirkung Jugendlicher in der Gemeinde können alle nur profitieren: Es ist gerade das Spezifikum des Jugendalters, Routinen und Alltagswissen in Frage zu stellen (vgl.  Böhnisch 2008, 4). Außerhalb des Gottesdienstes kann sich die kritische Herangehensweise Jugendlicher  sehr belebend auswirken und darüber hinaus Nährboden für intergenerativen Austausch bieten. Und für den liturgischen Bereich haben neben den Jugendgottesdiensten in Pfarrgemeinden vor allem die in einigen Städten mittlerweile etablierten „Jugendkirchen“ längst speziell auf jugendliche Teilnehmer abgestimmte Gottesdienste oder ähnliche Veranstaltungen, die orts- und zeitflexibler sind und auf Partizipation als wichtigstes Moment setzen, in ihr Veranstaltungsprogramm integriert. Dennoch bedarf es möglicherweise eines verfügbaren Raumes, der noch niedrigschwelliger ist und auch Jugendliche anspricht, die vielleicht nur „mal eben vorbeischauen wollen“.

Es müsste sich bei diesem Raum um einen Ort handeln, den die Mehrheit der Jugendlichen längst für sich vereinnahmt hat. Was läge näher, als an dieser Stelle auf das Internet zurückzugreifen? Denn das Web ist erstens ein Ort, an dem Jugendliche sich alltäglich bewegen. Zweitens sind die Zugangsbarrieren auf soziökonomischer Seite vergleichsweise gering: Fast alle Haushalte in Deutschland (zu 98%) sind mit Internetzugang ausgestattet (vgl. MPFS 2012) und der Anteil an Besitzern von internetfähigen Handys (ca. 83%), und damit die Möglichkeit  mobiler Internetnutzung, sind im letzten Jahr merklich anstiegen (vgl. MPFS 2012).  Hierdurch wird das Web für viele Jugendliche zum Medium Nummer eins. Drittens begründet sich die Niedrigschwelligkeit des Internets außerdem in der gegebenen Anonymität. Jugendliche können hier, anders als beim Besuch einer Veranstaltung vor Ort, selbst entscheiden, ob und in wie weit sie etwas von ihrer Person zu erkennen geben.

Dass kirchliche Jugendmedienarbeit – ebenso wie Jugendliche es machen – den digitalen Raum einnimmt, ist folglich trendbewusst. Einige Gemeinden tummeln sich, ebenso wie Jugendliche selbst, in Social Networks, um hier in direkte Interaktion mit den Adressaten zu treten. Zusätzlich gehen nicht wenige pastorale Mitarbeiter noch einen Schritt weiter und schaffen Plattformen, auf denen Jugendliche Nutzer sich zum gegenseitigen Austausch und gemeinsamen, interaktiven Gottesdienstfeiern aufhalten können.

Zeit einmal genauer nachzufragen: Wie funktionieren Internet-Gottesdienste? Wie werden Jugendliche auf das Angebot aufmerksam? Wen erreichen sie?  Welche Herausforderungen bringen sie für die Akteure mit sich? Welchen Nutzen haben die jugendlichen User? Was können Online-Gottesdienste nicht? Und zum Schluss: Was kann gegenseitig gelernt werden?

Wie funktionieren Internet-Gottesdienste?

Je nach Anbieter kann ein Internet-Gottesdienst vor allem austauschbezogen stattfinden, z.B. in Form eines Gruppenchats. Denkbar ist jedoch auch ein deutlich höherer Anteil an Inszenierung durch das Kirchenteam: Der Einsatz einer Band, die Live-Schaltung zu einem spannenden Referenten oder eine textunterlegte Diashow erweitern die Möglichkeit des Austauschs. Interaktive Elemente können z.B. wie folgt realisiert werden: Durch die Verknüpfung eines Live-Streams mit der Möglichkeit zur Eingabe von Wortmeldungen, die direkt auf den Tablet-Computer des Seelsorgers übertragen werden,  wird eine aktive Teilnahme und Gestaltung möglich.

Eine Anmeldung zur Teilnahme an Internetgottesdiensten ist zumeist nicht notwendig, es reicht eine funktionierende Internetverbindung. Oftmals kann zudem zwecks Austausch mit einem Team aus (ehrenamtlichen)Seelsorgern Kontakt aufgenommen werden.

Wie werden Jugendliche auf das Angebot aufmerksam?

Ein großer Vorteil von Internetgottesdiensten besteht darin, dass jugendliche Nutzer ganz ungezwungen einfach einmal vorbeischauen können. Diese äußerliche Niedrigschwelligkeit soll durch die folgende Szene veranschaulicht werden:

Sonntag, 14 Uhr, die 17-Jährige Johanna hat sich gerade mit ihrem Smartphone neben ihren Bruder Ben, der mit der Spielkonsole spielt, auf die Couch gesetzt, als eine Freundin twittert: „Wir sind jetzt on: Online-Gottesdienst in St. Peter. Teilt uns eure Fragen zum Thema Kontakte & Freundschaften mit.“ Neugierig geworden öffnet Johanna den Live-Stream und kann direkt in das Herzstück von St. Peter blicken. Ca. 30 AkteurInnen sind hier an mehreren Schauplätzen aktiv. In einer Ecke zündet gerade ein Schüler Fürbitt-Kerzen nach Online-Aufforderung durch die Gottesdienst-Teilnehmer an. Was für eine gute Idee, findet Johanna, die sonst eher nicht in eine Kirche geht. So richtig glaubt sie aber doch nicht so daran, dass ihrer eingegebenen Bitte nachgegangen wird. Vor allem drückt Ben  ihr den Controller in die Hand und damit gewinnt erst einmal das Autorennen ihre volle Aufmerksamkeit. Zwanzig Minuten später scrollt Johanna den Chat an die Stelle ihrer Eingabe zurück und tatsächlich: da brennt nun eine weitere Kerze in St. Peter! Ein Like auf der Facebook-Fanpage der Gottesdienst-Veranstalter hat das alle Male verdient. Zudem möchte sie nun auch mehr über das Thema des Gottesdienstes erfahren und schaut sich die verpasste interaktive Predigt bei Youtube an. Für Johanna wäre die Hemmschwelle das Haus zu verlassen und eine Kirche aufzusuchen höchstwahrscheinlich um einiges höher gewesen. Das Durchklicken durch den von der Freundin empfohlenen Veranstaltungstipp funktionierte vorerst als Begleitaktivität. Aus dem eher beiläufigen Austesten wurde so nebenbei ein stichhaltigeres Interesse.

Gute Erreichbarkeit über Social Media

Es scheint so, dass jugendliche User auf jugendpastorale Internetangebote vor allem durch Empfehlungen von Freunden, die mit ihrem Bekannten- und Freundeskreis „Links teilen“, Veranstaltungen „liken“ oder eigene Ideen oder Gedanken zu diesen „posten“, aufmerksam werden. Zudem machen kirchliche Akteure über Websites und Fanpages auf zukünftige Veranstaltungen aufmerksam oder stellen, wie im Beispiel mit Johanna, Videomaterial der bereits stattgefundenen Events online.

Ein möglicher Kritikpunkt an Online-Gottesdiensten könnte in der vermeintlichen Degradierung eines Gottesdienstes zum Begleitmedium liegen, das von den Usern weder ein hohes Maß an Aufmerksamkeit noch Fokussierung abverlangt. Rasmus Bertram, Jugendpfarrer aus der Jugendkirche St. Peter Frankfurt, sagt im Telefoninterview, dass das jedoch nicht unbedingt zum Nachteil eines Online-Angebotes gereichen muss: „Ist ja ihre Sache, ob Sie sagen, ich schaue nur mal nebenbei rein. Kann ja jeder selbst entscheiden, ob er sich ganz andächtig hinsetzt oder nebenbei irgendetwas anderes macht.“

Wen erreichen Online-Gottesdienste?

Grundsätzlich sind Internetgottesdienste für alle Menschen, die über eine Internetverbindung verfügen, zugänglich. Sie stehen ferner allen Konfessionen offen. Viele Angebote richten sich ausdrücklich an jugendliche User; dies ist schon an Themenauswahl und Design erkennbar oder es wird explizit entsprechend angekündigt.,

Die nun seit 15 Jahren bestehende Internetkirche St. Bonifatius, in der rund 30 Seelsorgerinnen und Seelsorger aus drei Diözesen und verschiedenen Ordensgemeinschaften aktiv sind, hat es sich zur Aufgabe gemacht, für Menschen da zu sein, die Fragen haben. Hierbei geht es nach dem Internet-Seelsorger Rainer Gelhot vor allem um diejenigen, „die bei anderen Angeboten der Kirchen meist nicht zur Sprache kommen.“

Einen etwas anders gelagerten Fokus verfolgt die Jugendkirche St. Peter in Frankfurt wo, nicht nur Glaubensthemen im Vordergrund stehen, sondern alles was Jugendliche interessiert, so Jugendpfarrer Bertram. Das spiegelt auch der festgelegte Adressatenkreis wider: „Wir konzentrieren uns auf die, die eigentlich gar keinen Gottesdienst besuchen.“

Welche Herausforderungen für die Akteure gibt es?

Anders als der konventionellen Liturgie in der Kirche, bei der die „tätige Teilnahme der Gläubigen“ (participatio actuosa) nur sehr begrenzt ist, sind Internetgottesdienste sehr viel stärker auf Interaktion ausgerichtet. Häufig ist nur das Motto des Gottesdienstes, sowie einige Gebete, die Lesung oder Fürbitten, bereits vorab festgelegt – alles andere und so auch die Predigt wird mit den Teilnehmern gemeinsam erst während des Gottesdienstes generiert. Hierin liegt ein großer Reiz, doch fordert dies auch ein hohes Vermögen an Spontanität, Kreativität und Sensibilität von allen Beteiligten.
Der ausdrückliche Anspruch an Interaktivität erlaubt es aber auch dem Jugendpfarrer oder anderen Mitarbeitern in der  Jugendpastoral eine Teilverantwortung in der Gestaltung des Angebotes an die Jugendlichen abzugeben. Das zeugt von einem selbstständigen und wertschätzenden Bild vom jungen Menschen und bleibt (hoffentlich) nicht ohne Folgen: Jugendliche lernen hierdurch im Idealfall, sich für ihre Themen einzusetzen.

Jugendpfarrer Bertram bejaht lachend, dass er vor einem Internetgottesdienst immer sehr aufgeregt sei. Doch das sei auszuhalten:  „Das Ausmaß am Interaktion, das ich online hinbekomme, das schaffe ich so (in Präsenzgottesdiensten,  Anmerkung des Redaktionsteams) nicht. Das schafft eine ganz neue Gottesdienstkultur.“ (Telefoninterview mit Rasmus Betram 2013)

Wer Jugendliche dazu animiert, eigene Themen aufzuwerfen und sich intensiv mit diesen auseinanderzusetzen, sollte dann aber auch eine professionelle Antwort auf vorhandene Probleme und Konflikte nicht schuldig bleiben. Denn wer sich zum Ziel nimmt, Jugendliche (als mündige Christen) ernst zu nehmen, tut gut daran die Lebenswirklichkeit dieser Zielgruppe zu beachten, die durch einen enormen Anspruch an Selbstständigkeit und expansive Möglichkeiten gekennzeichnet ist (vgl. Böhnisch 2008, 4). Der Einsatz von Internet-Seelsorgern ist eine Antwort in diese Richtung, da  diese über den Gottesdienst hinaus noch sehr viel individueller auf die Zielgruppenangehörigen eingehen und sie über einen längeren Zeitraum begleiten können.

Welchen Nutzen haben jugendliche User?

Könnten es vielleicht gerade Internetgottesdienste sein, die einen erweiterten Rahmen für den Glaubensaustausch unter Gleichaltrigen bieten, den Aufbau sozialer Netzwerke und somit Jugendlichen eine (zusätzliche) Gemeinschaftserfahrung ermöglichen? Diese Annahme bestätigt Rainer Gelhot, Internetseelsorger in St. Bonifatius, im Interview mit der Osnabrücker Zeitung: „Die hier geknüpften Kontakte sind oft der Anfang längerer Mail-Kontakte.“

Durch die gegebene Anonymität könnten Jugendliche Themen zur Sprache bringen, die sie sonst lieber nicht ansprechen. Das ist bei Glaubensinhalten nicht selten der Fall. Möglicherweise vernetzen sich auf diese Weise Jugendliche miteinander, die sich bei Präsenzveranstaltungen nie begegnen würden. Der schriftbasierte Weg bietet zudem auch eher introvertierten Jugendlichen die Chance sich aktiv mit ihren Wünschen und Erwartungen einzubringen.

Da Interaktion und damit Austausch und Partizipation das Hauptanliegen von Internetgottesdiensten und konfessionellen Chats sind, finden sich Jugendliche sehr schnell in der Rolle der „Produser“ wieder. Das heißt nicht weniger und nicht mehr, als dass sie das Angebot bzw. den Raum in dem dieses stattfindet selbst aktiv mitgestalten. Hierdurch erleben sie eine hohe Selbstwirksamkeit. Außerdem fühlen sie sich durch die kirchlichen Akteure ernst- und als Gesprächspartner auf Augenhöhe wahrgenommen. Das Angebot der Internetseelsorge kann darüber hinaus als ein kluger Schritt in Richtung niedrigschwelliger primärer und sekundärer Prävention bewertet werden.

Was können Online-Gottesdienste nicht?

Die Akteuere scheinen sich einig: Rasmus Bertram und auch Rainer Gelhot konstatieren ohne Zweifel, dass Gottesdienste sich nicht 1:1 ins Internet „verlegen“ lassen. Hierdurch würde auch das erklärte Ziel verfehlt, Jugendlichen eine zusätzliche Kommunikationsplattform zu eröffnen, auf der sich Zielgruppenangehörige neben anderen Themen auch über Glaubensthemen austauschen und bei Bedarf Seelsorge in Anspruch nehmen können. Trotzdem muss die Nichtübertragbarkeit kein Nachteil sein: Weder ginge es in Internetgottesdiensten darum Sakramente auszuteilen, so Rainer Gelhot, noch könne z.B. ein digitaler Friedhof zur Verfügung gestellt werden.

Ebenso sei eine höhere Rückkopplung der User an die Gemeinde vor Ort nicht unbedingt realisierbar. Eine weiträumigere Vernetzung mit der Gemeinde und weiteren Hilfsdiensten wäre aber, so Rasmus Bertram von St. Peter Frankfurt, in jedem Falle sinnvoll. Hierdurch würde sichergestellt, dass die Jugendlichen, die an die Internetseelsorge andocken und über die Begleitung hinaus Hilfe bedürfen, diese auch erhalten würden.

Was kann voneinander gelernt werden?

Bei so klar definierten Grenzen scheinen sich die Anbieter von Internetgottesdiensten nicht in Konkurrenz gegenüber den Präsenzveranstaltungen zu sehen. Nichtsdestotrotz ist es ein anspruchsvolles Ziel, welches die Seelsorger auf diesem Wege selbstbewusst für die Zielgruppe formulieren und bereits leisten. Sollten demnach in Zukunft nicht eher Fragen in den Fokus gerückt werden, die sich mit der Verbindung von digitalen und Präsenzangeboten beschäftigen, als nach einer Dominanz des einen über das andere Angebot zu fragen?

„Könnten Jugendliche nicht im Präsenzgottesdienst den anderen Gemeindemitgliedern von ihren Erfahrungen in Internetgottesdiensten erzählen und für diese werben?“ wäre dann nur eine dieser  möglichen (Zukunfts-)Fragen.

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