Süchtig? Die Dosis macht das Gift!

Mensch mit aufgerissenen Augen vor leuchtendem Bildschirm (Symbolbild: Süchtig? Die Dosis macht das Gift)
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Über den richtigen Umgang mit den digitalen Medien

Medien, besonders audio-visuelle, haben schon immer eine Faszination auf Kinder und Jugendliche ausgeübt: vor 40 Jahren war es der Fernseher, der die Augen viereckig werden ließ, in den 1980er und 90er Jahren boomten die ersten Computer und Spielkonsolen wie der C64 und Super Nintendo und es wurde gezockt bis die Daumen schmerzten.

Heute sind es Smartphone, die Spielkonsole, Tablet und das Internet, die faszinieren und oftmals zum „Zeitfresser“ werden. Doch warum fesseln uns digitale Medien derart, dass wir nicht mehr auf sie verzichten möchten (und können)? Online-Games, Video-Channels, Messenger, Nachrichten-Portale und soziale Netzwerke – sie alle bieten Unterhaltung, Information und Entspannung, hier können wir uns austauschen und – ganz besonders – ablenken lassen. Damit gehen interaktive Welten auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen ein.

Aus diesem Grund bieten vor allem Computerspiele, ob online oder auf der Konsole, Suchtpotenzial. Bei erfolgreichem Spiel wird der Gamer belohnt und erhält Anerkennung, die interaktive Steuerung des Spielprotagonisten verleiht Macht und Kontrolle. Zudem wird durch den Team-Speak, also die Möglichkeit parallel zum Spiel mit anderen Spielern zu kommunizieren, und das damit verbundene gemeinsame Bewältigen von Herausforderungen, ein Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenerhalt erlebt. Doch auch Messenger wie WhatsApp und soziale Netzwerke verleiten dazu, sie öfter als gewünscht zu nutzen, denn sie bieten Kindern und Jugendlichen Raum, Kontakte zu pflegen und sich untereinander auszutauschen – sie sind eine unverzichtbare Schnittstelle zu den digitalen Freundinnen und Freunden.

Ab wann sprechen wir von „exzessiver Mediennutzung“?

Sich von den Eltern und deren Ansichten abzugrenzen ist für Heranwachsende ein ganz normales Bedürfnis und ein erwartbares Verhalten. So werden Regeln und Beschränkungen von Eltern umgangen – dies gilt auch für den Umgang mit digitalen Medien, da gerade diese verlockende Angebote für alle Altersgruppen bieten, um sich und verschiedene Rollen auszuprobieren und Bestätigung zu erhalten. Entsprechende Kompetenz im Umgang mit Medien kann so zur Selbstfindung und Eigenständigkeit der Kinder und Jugendlichen beitragen. Ist diese Medienkompetenz nicht vorhanden und die Mediennutzung gerät außer Kontrolle, stehen besonders Eltern oftmals vor den Fragen, wie viel und welche Mediennutzung noch im Rahmen ist? Und ab wann sprechen wir von „exzessiver Mediennutzung“ und wann beginnt süchtige Mediennutzung?

3-10% aller Gamer weisen problematisches Spielverhalten auf. Gehört mein Kind dazu? Wie erkenne ich, ob es süchtig ist? Wo Freude am Computerspielen aufhört und Sucht anfängt, erklärt Professor Andreas Büsch.

Eine einheitliche Begriffsbestimmung von süchtiger Mediennutzung ist nicht so einfach wie gedacht, denn Internet-, Handy- und Computerspielabhängigkeit hat viele Gesichter und Namen: Es wird von Sucht, von Abhängigkeit, von pathologischer oder exzessiver Mediennutzung gesprochen. Und auch bezüglich der Merkmale einer Abhängigkeit ist man sich nicht einig: je nachdem, welche Kriterien angelegt werden, weichen die Zahlen, wie viele Menschen betroffen sind, deutlich voneinander ab. Ab wann ist eine Person abhängig? Und sind die Störungen eher Ausdruck bzw. Symptome verborgener persönlicher Probleme?

Aus diesem Grund kann nicht pauschal beantwortet werden, ab wann es sich bei einer Mediennutzung von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen um eine „süchtige“ Mediennutzung handelt. In jedem Fall ist die rein zeitliche Mediennutzung kein eindeutiges Kriterium. Daher muss einzeln untersucht werden, warum, wann, wie oft und wie lange jemand spielt, surft oder ähnlichen Medienbeschäftigungen nachgeht. Nur so kann festgestellt werden, ob die Mediennutzung des Betroffenen noch funktional, also in einem normalen bzw. subjektiv sinnvollen Rahmen ist.

Noch nicht als psychische Erkrankung anerkannt

Als eine psychische Erkrankung sind Internet-, Handy- oder Computerspielabhängigkeit allerdings bisher noch nicht offiziell anerkannt, sodass auch eine entsprechende Therapie nicht von den Krankenkassen übernommen wird. Die süchtige Mediennutzung lässt sich jedoch zumindest zu einem kleinen Teil, bezogen auf die genutzten Anwendungen, differenzieren: Bei der Computerspielabhängigkeit stehen oft Onlinerollenspiele im Vordergrund, die Internet- und Handyabhängigkeit bezieht sich meistens auf die exzessive Nutzung von Chats, Messengern und sozialen Netzwerken. Auch der exzessive Konsum pornografischer Inhalte kann als pathologisch gesehen werden.

Warum jemand abhängig wird, ist schwer zu begründen, denn dazu spielen mehrere Faktoren ineinander. Die Ursache in den Medien alleine, also bspw. im Spiel oder dem sozialen Netzwerk, zu suchen wäre zu einfach, denn die Nutzung geht zumeist mit Umständen einher, die eine Abhängigkeit begünstigen. So spielen zum Beispiel kritische Lebensereignisse, eine geringe Verhaltenskontrolle, (Versagens-)Ängste und das soziale Umfeld eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung einer Abhängigkeit. Medien stellen dann meistens eine Möglichkeit dar, vor den tatsächlichen Problemen in eine digitale Welt zu entfliehen, um sie dort zu vergessen.

Nicht nur warum, auch ab wann jemand abhängig ist, ist bei der Mediennutzung nicht leicht zu beantworten. Nicht jeder, der lange vor dem Bildschirm sitzt und spielt, ist abhängig. Außerdem kann eine exzessive Nutzung von Smartphone oder Computer auch nur eine vorübergehende Phase sein. Dies gilt besonders für Kinder und Jugendliche, die oftmals besonders von neuen Angeboten fasziniert sind und diese intensiv nutzen. Wenn der Reiz, bspw. am neuen Computerspiel, nachlässt, werden auch andere Interessen wieder wahrgenommen. Zudem ist bei der Definition von süchtiger Mediennutzung zu beachten, dass Abhängigkeit stets ein Prozess ist – der Übergang von einer exzessiv-funktionalen zu einer pathologischen Mediennutzung ist fließend und lässt sich nicht an einem bestimmten Punkt festmachen. Deswegen muss immer die Gesamtsituation und die hinter der Nutzung stehende Motivation betrachtet werden.

Sozialer Druck bei Nutzung von Messengern

Allerdings tragen Medien tatsächlich auch ihren Teil dazu bei, eine Abhängigkeit zu begünstigen. So haben viele Onlinespiele kein definiertes Ende und können fortlaufend gespielt werden. Da sich viele Jugendliche zum Spielen in Clans zusammentun, herrscht auch ein gewisser sozialer Druck, Leistungen im Spiel zu erbringen und voran zu kommen. Von einem sozialen Druck kann man auch bei der exzessiven Nutzung von Messengern und sozialen Netzwerken reden, denn bei Usern besteht oftmals die Sorge, die neuesten Nachrichten zu verpassen. Aus diesem Grund haben viele das Gefühl, neue Nachrichten immer direkt lesen und beantworten zu müssen.

Um einer Mediensucht vorzubeugen bedarf es primärer Prävention – allerdings ist diese nicht gerade einfach, da Medien in unserem Alltag überall gegenwärtig sind. Ganz entscheidend ist die Vorbildfunktion von Erziehungsberechtigten bei der (Medien-)erziehung von Kindern und Jugendlichen: der richtig gelebte Umgang mit Medien kann der Gefahr einer Abhängigkeit vorbeugen und die Kinder dennoch medienkompetent machen. So ist es wichtig, dass sich Eltern für die digitale Welt ihrer Kinder interessieren, gemeinsam mit ihnen surfen oder spielen, und die gemeinsame Nutzung auch zusammen mit den Kindern hinterfragen. Das Gespräch über mediale Erlebnisse hilft sinnvolle Grenzen im Umgang mit Medien zu setzen. Auch sollten gemeinsam Regeln bezüglich einer Medienzeit festgelegt werden. Totale Verbote sind selten sinnvoll und verleiten die Kinder eher dazu, bei Freunden das verbotene Spiel oder die Website auszuprobieren. Zur Vorbildfunktion gehört selbstverständlich auch, dass Eltern ihren eigenen Medienumgang reflektieren und den – bestenfalls gemeinsam festgelegten – Regeln anpassen sollten. Und Alternativen zum Computerspielen, Surfen, etc., z.B. in Form von gemeinsamen Freizeitaktivitäten im Freien sind eine hervorragende Idee.

Ist die Mediennutzung von einem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenem –  denn es lässt sich festhalten, dass das Problem Mediensucht nicht nur für Jugendliche existiert – pathologisch, gibt es verschiedene Ansätze. Manchmal kann die Stärkung personaler Kompetenzen wie Selbstvertrauen und Problemlösekompetenzen sowie die Stärkung der sozialen Einbindung helfen. Denn das Internet, das Computerspiel etc. ist nie alleine die Ursache der Störungen, sondern begünstigt diese nur. Wichtig ist auch Bezugspersonen wie Eltern und Peers in die Arbeit am Problem mit einzubinden. Gemeinsam können dann alternative Verhaltenskonzepte, Handlungs- und Freizeitalternativen aufgebaut werden.

Außerdem ist es ratsam sich bei professionellen Anlaufstellen Hilfe zu suchen, von denen es mittlerweile in Deutschland einige gibt. Online sind viele Internetforen zu finden, in denen von Familien und Betroffenen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, Berichte gelesen werden können. Um den Medienumgang von Kindern und Jugendlichen besser einschätzen zu können, hält das Internet einige Tests und Fragebögen bereit. Alle Anlaufstellen zum Thema „süchtige Mediennutzung“ helfen beim Verstehen des Problems und zeigen auf, dass man mit der problematischen Situation nicht allein ist und es bei süchtiger Mediennutzung einen Ausweg gibt.

Zum Video „Mediensucht“ aus der Serie „…und es hat Klick gemacht“

Autorin: Elisabeth Müller, Mitarbeiterin der Clearingstelle Medienkompetenz

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