Rabiat! – Hass ist ihr Hobby

Coverbild mit der Inschrift: Rabiat! – Hass ist ihr Hobby. Dahinter ist ein Mann mit längeren Haaren zu sehen.
Das Erste

Worum geht’s?

Eckdaten des Films: 

Dokumentation von Dennis Leiffels

Länge: 45 Minuten

Erscheinungsjahr, Produktionsland: 2018, Deutschland

Bonusmaterial: Weiterführende Links und Hilfsangebote in der Videobeschreibung

Produktion: Y-Kollektiv, Funk, WDR

empfohlen ab 14 Jahren

Schuljahre: Sekundarstufe I: ab Klasse 9, Sekundarstufe II

„Bist du überhaupt ein Mensch, falls ja, bitte nicht fortpflanzen.“ Tausende Kommentare dieser Art liest Rainer Winkler, alias Drachenlord, jeden Tag. Im Internet wird der junge Mann aus Altschauerberg gehasst. Seit fünf Jahren geht das so und daraus ist eine Art Spiel geworden – das Drachengame. Die sogenannten Hater lassen sich immer neue Tabubrüche einfallen, um den Youtuber fertig zu machen. […] Dennis Leiffels dringt tief ein in die bizarre Welt des Cybermobbing: Er spricht mit Tätern und Opfern, macht sich selbst zur Zielscheibe des Hasses. (funk)

Welche medienpädagogischen Themen werden im Film angesprochen?

  • Social Media
  • Hate Speech („Hassrede“)
  • Counter Speech („Gegenrede“)
  • Leaking (Veröffentlichung privater Daten fremder Personen im Netz)
  • Swatting (Vortäuschen eines Notfalls, um in der Öffentlichkeit stehenden Personen durch einen Rettungseinsatz zu schaden)
  • Straftaten in Social Media
  • Trolle im Netz
  • Anonymität im Netz

Zum Einsatz in der (außerschulischen) Medienarbeit mit Jugendlichen:

Soziale Netzwerke, wie beispielsweise Facebook, Twitter, Instagram oder im erweiterten Sinne auch YouTube, gehören zu den von Jugendlichen meistgenutzten Onlineangeboten. Der Reiz solcher Plattformen besteht darin, mit anderen Menschen, teils aus dem näheren Umfeld, teils vollkommen Fremden, in Kontakt zu treten und sie über Posts, geteilte Bilder und Videos oder Links am eigenen Leben und der eigenen Meinung teilhaben zu lassen. Daraufhin haben die AdressatInnen ebenfalls die Möglichkeit, über Likes bzw. Dislikes, Retweets oder Kommentare auf die veröffentlichten Inhalte einzugehen und somit direkte Rückmeldung zu senden. Die öffentliche Zurschaustellung des eigenen Lebens hat jedoch nicht immer nur positive Rückmeldungen zur Folge.

Nicht selten geraten Jugendliche in Sozialen Netzwerken auch an Menschen, die Gefallen daran finden, aus der Anonymität heraus andere niederzumachen – sei es aufgrund von bestimmten Meinungen und Kommentaren, aufgrund ihres Aussehens oder gar vollkommen grundlos und nur zum Zwecke der Provokation und der eigenen Belustigung. Teilweise sind diese „HaterInnen“ im jeweiligen sozialen Netzwerk gut organisiert, sodass ganze Kommentarwellen auf die Opfer zukommen.

Dieser Seite des Netzes widmet sich die Dokumentation Hass ist ihr Hobby und führt gleich zu Beginn zwei prominente Fallbeispiele an (00:00–12:37 und 12:37–16:44). Hierbei wird gezeigt, wie schnell man in eine Hassspirale geraten und welches Ausmaß das Cybermobbing annehmen kann. Über das dokumentierte Selbstexperiment (unter anderem 29:25–30:21 und 34:41–35:00) kann zudem der Prozess von einem einzelnen Post bis hin zur Veröffentlichung privater Daten und der Kontaktierung des Arbeitgebers oder der Arbeitgeberin durch Unbekannte nachvollzogen werden. Solche Beispiele können als Einstieg gewählt werden, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Vielleicht kennen sie eine der gezeigten Personen oder haben eigene Erfahrungen mit dem Thema Cybermobbing gemacht? Mögliche Einleitungsfragen könnten sein: Was ist für sie/euch Mobbing/Cybermobbing? Wo sind die Grenzen zwischen einem Scherz und einer verletzenden Aussage? Oder: Wie stehen sie/steht ihr zu dem Auftreten der Hater und ihrer Opfer im Netz?

Zusammenfassend betrachtet, stehen alle im Film gezeigten Personen der Masse an beleidigenden Kommentaren recht hilflos gegenüber. Dies bietet Raum für ein Brainstorming unter den Jugendlichen. Es kann besprochen werden, was die Jugendlichen den Betroffenen raten würden oder welche Strategien sie zum Umgang mit unliebsamen Kommentaren kennen. Aus den Ideen kann dann eine Vereinbarung über die Kommunikation innerhalb der Klasse oder eine Leitlinie für den Umgang mit Hasskommentaren und für Counterspeech entwickelt werden. Zudem besteht ebenfalls die Möglichkeit, auf die Privatsphäreeinstellungen von Social-Media-Plattformen einzugehen.

Des Weiteren wird gezeigt, dass Hass und Nachstellungen sich nicht ausschließlich auf das Internet beschränken, sondern schnell auch in den Alltag überschwappen können. Nach einer Veröffentlichung privater Daten ist es nur ein kleiner Schritt bis zu tatsächlichen Besuchen, der Kontaktierung des Arbeitgebers oder der Arbeitgeberin, der Verbreitung von Gerüchten und Falschmeldungen über die betroffene Person oder letztlich auch der Einbeziehung des näheren Umfeldes (26:06–29:25). Hierbei stellt sich ebenfalls die Frage, wie mit solchen Situationen umzugehen ist, aber auch, wie das eigene Umfeld geschützt werden kann.

Eine Lösung für die Problematik wird in der Dokumentation an mehreren Stellen, unter anderem beim Bündnis gegen Cybermobbing e.V. (40:50–42:11) und bei der Staatsanwaltschaft (30:21–34:41), gesucht. Beide verweisen zum einen auf die Möglichkeit, entsprechende Inhalte von den Plattformbetreibern sperren zu lassen. Dies ist jedoch ein teils aufwendiger und langwieriger Prozess, dessen Erfolg nur schwer einzuschätzen ist. Häufig wurden bereits mehrere Ableger der Posts in den verschiedenen Netzwerken unter den HaterInnen verbreitet. Zum anderen besteht in besonders ausufernden Fällen die Möglichkeit, bei der Polizei Strafanzeige zu erstatten. In der Dokumentation werden hier als Beispiele das Swatting und der Identitätsdiebstahl in Zusammenhang mit Betrug genannt. Grundsätzlich können jedoch auch „kleinere“ Tatbestände, wie Beleidigung oder Nachstellung, zur Anzeige gebracht werden. Jedoch besteht auch hier durch die Anonymität im Netz nur eine geringe Aussicht auf Erfolg. Im Fazit der Dokumentation wird diese Anonymität in Frage gestellt und eine Art Identifizierung über den Personalausweis zur Nutzung der Netzinhalte gefordert.

Die verschiedenen Umgangsformen bieten hier ebenfalls ein hohes Diskussionspotential. Als Einstieg kann erfragt werden, ob die Jugendlichen bereits Erfahrungen mit den Melde- und Löschfunktionen der Plattformen gemacht haben. Was wurde, nach ihrer Erfahrung, gelöscht? Wie effizient arbeiten die Systeme? In diesem Zusammenhang kann die Gruppe auch auf das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) zu sprechen kommen, welches die Betreiber der Social-Media-Plattformen in der Verantwortung sieht, beleidigende und hetzende Kommentare zu löschen. Wie effizient sind solche Systeme? Bieten sie ausschließlich Vorteile? Letztlich kann auch die Forderung nach einer Identitätsoffenlegung aller NutzerInnen diskutiert werden. Hätte diese Auswirkungen auf das Posten von Hatespeech? Welche Nachteile oder Gefahren bestehen bei entsprechender Regelung?

Die Dokumentation beleuchtet ebenfalls die Seite der TäterInnen. So wird der Kontakt zu HaterInnen gesucht, um sie über ihre Motivation und Anreize sowie ihre moralischen Richtlinien zu befragen (unter anderem 21:13–26:06 und 35:00–37:03). Hier zeigt sich, dass sich die Masse an HaterInnen aus mehreren Untergruppen zusammensetzt, die auch mit unterschiedlichen Intentionen agieren. Einige sehen sich als „Kritiker“, die sich über Aussagen der betroffenen Person ärgern und diese richtigstellen wollen. Über ihre Attacken wollen sie ein Umdenken der betroffenen Person bewirken. Andere empfinden ihre Aktionen als eine Art „Spiel“, dessen Ziel es ist, das Gegenüber zu provozieren und es unter Druck zu setzen. Das Ganze wird dann mit einem speziellen Humor und der Aufwertung der eigenen Person gerechtfertigt.

Mit den Jugendlichen sind in diesem Zusammenhang mehrere Aspekte zu klären. Zum einen sollte darüber gesprochen werden, wie Kritik und eigene Meinungen an eine Person heranzutragen sind. Gemeinsam kann dabei über die eigenen Werte in der Kommunikation gesprochen werden. Worin besteht dabei der Unterschied zu den HaterInnen? Was machen diese falsch? Ein weiterer Ansatzpunkt für einen Austausch wäre die Aussage des Haters über seinen Selbstwert. Er empfindet eine „innere Befriedigung“, wenn er sich über andere lustig machen und sie beleidigen kann. Wie empfinden die Jugendlichen eine solche Haltung?

Darauf aufbauend kann der Begriff Selbstwert im Allgemeinen thematisiert werden. Was gefällt den Jugendlichen an sich selbst, was nicht? Woraus ziehen sie ihren Selbstwert? Gibt es Möglichkeiten, den Selbstwert zu steigern, ohne Kosten bei anderen Menschen zu verursachen? Ein dritter Ansatzpunkt für eine Diskussion bestünde in den beispielhaft aufgezeigten Kommentaren der HaterInnen („Völkermord ist eine tolle Sache“, „Geh ins Gas“). Vor allem unter Jugendlichen werden solche Aussagen häufig als Spaß oder als scherzhafte Betitelung („Spasti“, „Nigger“) wahrgenommen und schleichen sich damit auch in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Solche verachtenden Aussagen sollten generell kritisiert werden. Gegebenenfalls ist mit den Jugendlichen eine Klärung des geschichtlichen Kontextes angebracht.

Zum Einsatz in der Arbeit mit Eltern oder in der Arbeit mit LehrerInnen und PädagogInnen:

Wie die Dokumentation „Rabiat“ zeigt, leiden nicht nur Kinder und Jugendliche unter Cybermobbing und dessen Folgen. Auch Erwachsene können Opfer dieser praktizierten Netzkultur werden. Alle angesprochenen Einsatzmöglichkeiten können somit auch in der Arbeit mit Eltern, LehrerInnen und PädagogInnen Anwendung finden.

Zusätzlich sollten sich Eltern und Lehrkräfte für einem Austausch mit den Jugendlichen über ihre Präsenz im Internet ermutigen. Hierbei kann zuerst eine „Bestandsaufnahme“ vorgenommen werden. Wissen Eltern/LehrerInnen, welche Medien ihre Kinder/SchülerInnen nutzen? Auf welchen Plattformen sind sie angemeldet und mit welchen Leuten treten sie dabei in Kontakt? Ebenfalls kann man in Erfahrung bringen, ob das Thema Cybermobbing in der Familie oder im Klassenzimmer bereits zur Sprache kam. Wie wurde mit betroffenen Kindern oder Jugendlichen umgegangen?

In der Dokumentation wird auch der ethische Aspekt im Umgang mit Menschen auf Social Media thematisiert. Wie stehen die Erwachsenen dieser Debatte gegenüber? Welche Werte und Moralvorstellungen vertreten sie und wie vermitteln sie diese an (ihre) Kinder? Entsprechende Positionen können dann unter Lehrenden und Elternteilen ausgetauscht und gefestigt werden.

Anknüpfungspunkte für aktive Medienarbeit:

  • Aufstellen von Verhaltensregeln für eine faire Kommunikation im Netz sowie für Counter Speech (Vorlage)
  • Einübung von Counter Speech im Klassenverband
  • Filmprojekt: Betrachtung des Videos der Nicht-Egal-Kampagne oder des Videos „Wir sind keine Hurensöhne! – Kommentarkultur im Netz“ als Input, Erstellen eigener Clips zum Thema Hate Speech/Counter Speech
  • Erstellen von Memes zu Counter Speech (Vorlagen)
  • Profilcheck: Welche Daten sind im Netz von mir öffentlich einsehbar? Bearbeitung der Privatsphäreeinstellungen in Social Media

Für wen?

LehrerInnen, MedienpädagogInnen, Eltern und Jugendliche ab 14 Jahren

Bezugsmöglichkeiten:

Die Dokumentation steht auf dem Youtube-Kanal Y-Kollektiv online zur Verfügung und kann dort kostenlos abgerufen werden. Der Bezug auf einem Datenträger ist aufgrund des ausschließlichen Onlineangebotes von Funk nicht möglich.

Fazit:

Die Dokumentation „Rabiat – Hass ist ihr Hobby“ gibt einen ausführlichen Blick auf das Thema Cybermobbing und lässt dabei Betroffene, ihr Umfeld und die TäterInnen zu Wort kommen. Teils ergeben sich dabei erschütternde Einblicke, die die ZuschauerInnen die eigene Präsenz im Internet überdenken lassen. Automatisch kommt die Frage auf, wie man sich selbst und andere schützen kann. Eine abschließende Antwort hierauf kann auch die Dokumentation nicht liefern, da bisherige Ansätze nur geringen Erfolg versprechen. Umso wichtiger ist eine ausführliche, öffentliche Diskussion über unsere Werte im digitalen Zeitalter und wie wir diese an andere Menschen im Netz herantragen können.

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