Lernen aus dem Lockwdown

Kreidetafel Back to school - Zurück zur Schule
Foto: Deleece Cook – unsplash.com

Die Krise als Chance

Die Initiative Keine Bildung ohne Medien hat heute ein Positionspapier veröffentlicht. Wir dokumentieren den Text im Wortlaut.

Gelingende Bildungsprozesse mit digitalen Medien setzen die Förderung von Medienkompetenz und medienpädagogischer Kompetenz sowie die Verfügbarkeit entsprechender Infrastruktur voraus – dies wurde während der Pandemie-bedingten Kontaktbeschränkungen nochmals deutlich. Das deutsche Bildungssystem war auf die weiträumige Umstellung von Präsenz- auf (Notfall-)Fernunterricht in allen drei Bereichen kaum vorbereitet. So fehlten technische Ausstattung ebenso wie didaktische Konzepte für den Online-Unterricht oder hybride Lernformen. Nicht zuletzt mangelte es an klaren, die Arbeit ermöglichende Regelungen zum Urheberrecht und Datenschutz. Es zeigten sich daher erwartungsgemäß große Schwierigkeiten, der Situation angemessene Bildungsangebote zu gestalten und bereitzustellen. In der Konsequenz konnten sozial schlechter gestellte Kinder und Jugendliche schwer oder gar nicht von Schule und Jugendhilfe erreicht werden.

Viele Akteur*innen des Betreuungs- und Bildungssektors – von der frühkindlichen Bildung über die verschiedenen Schulen bis zur außerschulischen und Hochschulbildung – haben sich im Frühjahr/Sommer 2020 trotzdem mit großem Engagement den Herausforderungen gestellt: sie haben hilfreiche und nutzbare Tools gesucht (und teils auch gefunden), Neues ausprobiert, auch Fehler gemacht und doch vielfach das Beste aus der herausfordernden Situation gemacht. Vor dem Hintergrund äußerst divergenter Voraussetzungen gestalteten sich die Herausforderungen für Institutionen und Individuen sehr unterschiedlich. Neben der technischen Infrastruktur und den rechtlichen und organisationalen Rahmenbedingungen spielten hier insbesondere die nicht immer ausreichenden medienpädagogischen, -didaktischen und -technischen Kompetenzen aller Beteiligten eine große Rolle. Dennoch hat die Corona-Pandemie einen Schub bei der Entwicklung und Erprobung neuer Konzepte für den Einsatz digitaler Medien in vielen Betreuungs- und Bildungseinrichtungen gebracht. Damit konnten vielfältige Erfahrungen gesammelt werden. Viele Akteur*innen konnten unter Praxisbedingungen erproben, was gut und was weniger gut funktionierte.
Nach den Sommerferien dominierte ein „Zurück zur Regelbetreuung“ und die Hoffnung auf Präsenzlernen ohne Unterbrechung. Unabhängig davon, ob sich diese Hoffnung erfüllt stellen sich jetzt Fragen zur weiteren Entwicklung: Was nehmen die Einrichtungen aus den veränderten Lern- und Betreuungsszenarien der letzten Monate für die Zukunft mit, was muss muss auf den Prüfstand  gestellt werden und was muss weiterentwickelt werden?

Denn eines ist unübersehbar: Die Veränderung der medialen Grundlagen von Bildung (digital Whiteboard statt Kreidetafel und Videokonferenz statt Klassenzimmer etc.) sind weitreichender als es auf den ersten Blick erscheint. So etablieren sich neue Alltagspraktiken (Videotutorial statt Lehrer*innenvortrag, selbstorganisierte außerschulische Gruppenarbeit via Gamingplattform etc.), die bisherige Selbstverständnisse (und Machtverhältnisse) im Bildungssystem in Frage stellen. Bildungstheoretisch gesprochen: Selbst- und Weltverhältnisse der Lehrenden und Lernenden verändern sich grundlegend. Nur wenn es gelingt, die Wechselwirkungen zwischen Medientechnologien, kulturellen Praktiken, Wissensproduktion und Selbstverständnissen zu reflektieren, kann es zu einem produktiven und nachhaltigen Wandel im Bildungssystem kommen.

Wenn auch der Stellenwert von digitalen Medien für Bildungsprozesse während der physischen Kontaktbeschränkungen in besonderem Maße offenkundig wurde, ist der Verweis auf die Relevanz der damit verbundenen Fragen keinesfalls neu. Das KMK-Papier „Medienbildung in der Schule“ machte bereits 2012 deutlich, welch enorme Relevanz Medienbildung für die Unterstützung und Gestaltung innovativer und nachhaltiger Lehr- und Lernprozesse hat. Mit dem medienpädagogischen Manifest in der 2019 aktualisierten Fassung hat die Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“ Hinweise und Forderungen formuliert, deren Umsetzung gute Voraussetzungen für das Ausschöpfen von Potentialen wie auch für das Meistern von Herausforderungen der Bildung mit und über digitale Medien (vgl. Frankfurt Dreieck 2019) schaffen würden.

Zentrale Aspekte für die weitere Entwicklung

Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen, geprägt auf der einen Seite von Unsicherheit über die Stabilität der Situation (wie viel Präsenz ist möglich), und auf der anderen von zum Teil weitreichenden Ausstattungsinitiativen der Länder sieht die Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“ fünf Aspekte als zentral für die weitere Entwicklung an:

  • Keine Rückkehr zu Normal – Erfahrungen nutzen und weiterentwickeln: Das Aussetzen bzw. die Einschränkung aller Präsenzangebote und -veranstaltungen hat das Bildungssystem schlagartig in ein Experimentierfeld verwandelt. Was über lange Jahre kaum denkbar war, wurde auf einmal möglich: Lernen auf Distanz, Videokonferenzen und digitale Lernräume etc. als neuer Alltag haben nicht nur neue didaktische Szenarien hervorgebracht, sondern auch Möglichkeiten (und Grenzen) der digitalen Medien im pädagogischen Feld aufgezeigt. Nicht zuletzt wurde dabei sichtbar, dass sich jenseits des formalen Bildungssystems längst eine eigene Lern- Medien- und Kommunikationskultur (z. B. Videotutorials, Chats) entwickelt hat – die aber nicht für alle gleichermaßen zugänglich ist. Politik, Praxis und Wissenschaft müssen die Impulse und Erfahrungen, die auch unabhängig von den letzten Monaten gemacht wurden, kontinuierlich evaluieren, analysieren und nutzen, um zeitgemäße Antworten auf die existenziellen Fragen des Bildungssystems (was ist Bildung, was soll gelernt werden, wie soll gelernt werden) zu finden und zu erproben.
  • Ausgrenzung verhindern – Beteiligung und Teilhabechancen mit Medien stärken und Räume dafür schaffen: Medien sind Räume für kulturelle und politische Teilhabe, deren Bedeutung angesichts der Kontaktbeschränkungen besonders sichtbar wurde. Allerdings wurde ebenso deutlich, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen über die Ressourcen und Kompetenzen verfügen, sich diese Potentiale eigenständig zu erschließen und zu nutzen. Zukünftig ist nochmals verstärkt darauf zu achten, Angebote gerade für diese Personengruppen auszubauen und nachhaltig zu verankern, um ihnen soziale Ungleichheiten nicht noch zu verstärken. Außerschulische Bildungseinrichtungen (von Jugendzentren bis zu Bibliotheken) sind durch ihre lebensweltorientierten Ansätze dafür besonders prädestiniert und sollten in die Lage versetzt werden, entsprechende Räume bereitzustellen und zu betreuen. Bereits bestehende Strukturen mit entsprechender  Profession und Erfahrung müssen gestärkt und langfristig abgesichert werden.
  • Keine digitalen Wüsten in der Bildungslandschaft – Unterstützungsstrukturen etablieren und ausbauen: Neben der Verankerung in Aus- und Weiterbildung muss eine Stärkung von kommunalen Strukturen (z. B. Medienzentren) und freien Trägern (z. B. medienpädagogische Verbände und Vereine, aktive Jugendzentren etc.) erfolgen. Hier gilt es, die bereits vielfach vorhandenen Expertisen und Ressourcen (z. B. methodisch-didaktischen, technisch-organisatorischen und rechtlichen Support) fokussiert zu stärken und eine vernetzte Struktur zu schaffen, die ein Bindeglied zwischen Ausbildung und Praxis bildet, um den lokalen / kommunalen Anforderungen gerecht zu werden.
  • Digitale Neuausrichtung der Aus- und Weiterbildung von Lehrenden und pädagogischen Fachkräften: Ausstattungsinitiativen wie aktuell in einigen Bundesländern sind richtig und notwendig, damit eine technische Basis für alle hergestellt ist. Um allerdings den Anforderungen von Lehr- und Lernprozessen (wie auch Freizeitangeboten) mit digitalen Medien gerecht zu werden, bedarf es auf Seiten der Lehrenden und pädagogischen Fachkräfte umfänglicher medienpädagogischer und mediendidaktischer Kompetenzen. Ebenso notwendig ist eine systematische Unterstützung der Pädago*innen bei der Reflexion der medialen Bedingungen der von ihnen gestalteten Bildungsangebote. Dies erfordert eine systematische Verankerung von Theorien der Medienbildung wie auch die Förderung von medienpädagogischen sowie mediendidaktischen (Handlungs)Kompetenzen in jedweder Aus- und Weiterbildung von Lehrenden und pädagogischen Fachkräften (weiterführend: Papier Grundbildung Medien).
  • Verantwortungsübernahme auf allen Ebenen einfordern und stärken: Um die gegenwärtigen wie auch zukünftige Herausforderungen von Bildung, Betreuung und Lernen in einer durch digitale Medien geprägten Gesellschaft meistern zu können, müssen alle gesellschaftlichen Akteure in die Verantwortung genommen werden. Jede*r einzelne – Kinder und Lernende, Eltern und Großeltern, Pädagog*innen, Bildungsadministration und Politiker*innen – kann in seinem/ihrem Entscheidungs- und Wirkungsbereich einen Beitrag leisten. Diese Beiträge sollten eingefordert und deren Umsetzung durch konsequente finanzielle Unterstützung (bspw. zur technischen Ausstattung), die nachhaltige Förderung von Kooperationen sowie die systematische Festigung von Austausch- und Vernetzungsmöglichkeiten institutionell und zivilgesellschaftlich gestärkt werden.

„Die Bildungsinstitutionen müssen daher schnellstmöglich wieder anschlussfähig für die gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden. Zentrale Aufgabe des Bildungssystems mit all seinen pädagogischen, sozialen und kulturellen Handlungsfeldern ist es, alle Altersgruppen zu befähigen, an einer immer schon von Medien durchdrungenen Welt adäquat teilzuhaben.“ (Aus dem Addendum 2019 zum medienpädagogischen Manifest)

Die Initiative „Keine Bildung ohne Medien“

Die Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“ geht auf das Medienpädagogische Manifest zurück, das 2009 von zentralen medienpädagogischen Einrichtungen in Deutschland veröffentlicht und von über 1.300 Personen und Organisationen unterzeichnet wurde. Im März 2011 trafen sich in Berlin über 400 Fachleute aus Bildung und Wissenschaft zum bundesweiten Kongress „Keine Bildung ohne Medien!“, um die Forderungen des Manifests zu konkretisieren.
Wir streben eine breitenwirksame, systematische und nachhaltige Verankerung von Medienpädagogik
in allen Bildungsbereichen der Gesellschaft an:

  • Medienbildung in frühkindlicher Bildung und Schule, in außerschulischen Bildungsangeboten und bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen
  • Medienpädagogische Elternarbeit besonders in bildungsbenachteiligten Milieus
  • Regelfinanzierung medienpädagogischer Angebote
  • Ausbau und Förderung medienpädagogischer Netzwerke
  • Verpflichtende Grundbildung Medien in allen pädagogischen Studiengängen und feste Verankerung der Medienbildung in der Fort- und Weiterbildung
  • Ausbau der medienpädagogischen Forschung.

Im Dialog mit der Fachöffentlichkeit und der Politik treten wir für die Umsetzung unserer Vorschläge und Forderungen ein. Neben einer kontinuierlichen Öffentlichkeitsarbeit, der Beteiligung an Fachkommissionen und runden Tischen zur Medienbildung in den Bundesländern sind vor allem Kampagnen zu spezifischen Handlungsfeldern geplant.
Die Clearingstelle Medienkompetenz ist seit 2013 Mitträger der Initiative Keine Bildung ohne Medien.

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