Digitale Mündigkeit für eine starke Demokratie

Gruppe von Menschen
Bild: AKSB

Dialog von Wissenschaft, Politik und politischer Bildung mit Expert*innen zum gesellschaftlichen Spannungsfeld von Künstlicher Intelligenz und Ethik im Bonifatiushaus Fulda

Der digitale Wandel wirft zentrale Fragen nach Manipulation oder Verantwortung, Datenschutz und Selbststimmung auf. Diesem Thema widmete sich die Fachtagung „Digital 2020: Wer hat uns im Griff? Freiheit und Selbstbestimmung vs. Algorithmen und Künstliche Intelligenz“ vom 23. bis 24.05.2018 im Bonifatiushaus Fulda. Aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen und fachlichen Kontexten diskutierten Expert*innen, wie die gesellschaftliche Gestaltung der Digitalisierung bestmöglich gelingen kann.

Joachim Becker, Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen), formulierte zum Auftakt hierzu Forderungen der Landesmedienanstalten: Mehr Transparenz, keine Diskriminierung, eine gesetzliche Berichtspflicht und die Erreichbarkeit globaler Konzerne im Inland. Ebenso unterstrich Becker: „Medienkompetenz ist eine zentrale Schlüsselkompetenz.“ Gunter Geiger, Direktor des Bonifatiushauses und Vorstandsvorsitzender der AKSB, unterstützte Beckers Positionen und stellte die gesellschaftliche Relevanz der fachlichen Verzahnung von Medienbildung und politischer Bildung zur Gestaltung einer demokratischen und menschlichen Gesellschaft heraus.

Prof. Dr. Katharina Zweig (TU Kaiserslautern), eine als „Digitaler Kopf Deutschlands“ ausgezeichnete Wissenschaftlerin, fragte nach dem Menschenbild, das sich hinter Algorithmen verberge. Da Menschen irrational und vorurteilsbeladen seien, ermöglichen Algorithmen objektivere Entscheidungen. Gleichzeitig betonte Prof. Zweig, dass menschliches Verhalten letztlich nur durch Menschen am besten beurteilt werden könne. Als Vertreterin der Politik analysierte MdB Saskia Esken (SPD), u. a. Mitglied des Ausschusses Digitale Agenda, in ihrem Vortrag die Genese der bisherigen politischen Prozesse zur Digitalisierung. Esken kritisierte, dass eine ganze Fülle sehr guter Konzepte zur Gestaltung der Digitalisierung zwar vorlägen, die Umsetzung jedoch oftmals noch fehle.

Vortragende Frau
Prof. Dr. Katharina Zweig (Bild: AKSB)

Ein besonderes Highlight bildete der Akademieabend der Fachtagung. Unter dem Titel „Maschine denkt. Maschine lenkt. Wo bleibt der Mensch?“ fand eine interdisziplinäre Podiumsdiskussion mit herausragenden Expert*innen der Künstlichen Intelligenz und Ethik statt. KI-Experte Dr. Damian Borth, Direktor des Kompetenzzentrums „Deep Learning“ des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), schlug vor, besser von maschineller statt von künstlicher Intelligenz zu sprechen. Der Moraltheologe Professor Dr. Franz-Josef Bormann (Universität Tübingen), Mitglied des Deutschen Ethikrates, wies darauf hin, dass sich in den digitalen Technologien das Selbstbild des modernen Menschen und seine Erwartungen an Machbarkeit und Begrenzungen widerspiegle. Die damit verbundenen Entfremdungsängste thematisierte auch die Medienethikerin Dr. Nina Köberer. Sie plädierte dafür, dass vielmehr der alltägliche Umgang mit Daten und die Schulung des Verantwortungsbewusstseins im Mittelpunkt des Bildungsprozesses stehen sollten.

Am zweiten Tagungstag wurde der interdisziplinäre Austausch fortgesetzt. Dr. Daniel Jacob (Stiftung Wissenschaft und Politik) forderte, dass die Selektionskriterien der Algorithmen, auch global agierender Großkonzerne, transparent gemacht werden müssten. „Menschenrechte müssen uneingeschränkt geschützt bleiben“, erklärte Dr. Jakob weiter.

Prof. Dr. Stefan Iske (Universität Magdeburg) präzisierte die Thematik der Algorithmen anhand von Online-Werbung und veranschaulichte die Haltung von Jugendlichen gegenüber der Thematik BIG DATA: „Jugendliche verstehen das Ansehen von Online-Werbung und ein damit verbundenes „Zahlen mit eigenen Daten“ als natürliches Geschäftsmodell. Oft ist den Jugendlichen allerdings nicht bewusst, welche Daten abgefragt und wie diese verarbeitet werden. Daher müssen Themen wie Algorithmen und KI für Kinder und Jugendliche in der Medienbildung konkret veranschaulicht werden, um so die Reflektion der eigenen Mediennutzung anzustoßen.“

Daniel Seitz, Geschäftsführer von mediale pfade.org, unterstützte diese Positionen der Wissenschaft und sprach sich ferner für eine stärkere Förderung des kreativen Umgangs von Jugendlichen mit digitalen Technologien aus. In der Diskussion mit Prof. Iske und Seitz betonte Prof. Andreas Büsch, Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz: „Medien sind immer in einem gesellschaftlichen und rechtlichen Kontext eingebunden. Daher ist es von zentraler Bedeutung, dass die Medienbildung die Chancen der politischen Bildung nutzt – wie auch umgekehrt“. Wie dies in der Praxis mit Jugendlichen gelingen kann, präsentierten Veronika Schniederalbers, LWH Lingen und Thorsten Gonska von der Akademie Klausenhof, Hamminkeln.

Zum Abschluss der Tagung forderte Winfried Engel, Vorsitzender der Versammlung der LPR Hessen: „Die Medienbildung muss als Querschnittsaufgabe stärker in die Curricula der Lehrerausbildung integriert werden.“ Dr. Karl Weber, Geschäftsführer der AKSB, erklärte, dass die Digitalisierung gegenwärtig Entfremdungsängste erzeuge, was die aktuelle neue Dynamik des Heimat-Begriffes verdeutliche. „Gleichzeitig ist die digitale Welt ein Ort der Identitätsstiftung und -findung, besonders für Kinder und Jugendliche“, erklärte Dr. Weber. Gerade hier sei insbesondere die politische Jugendbildung und ihre Rolle zur Vermittlung medialer Kompetenz und Bildung gesellschaftlich und politisch besonders gefragt. Das bekräftigte auch Gunter Geiger, Vorsitzender der AKSB und Akademiedirektor, und dankte allen Beteiligten für diesen gelungenen Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und politischer Bildungspraxis: „Diese Tagung hat wieder gezeigt, wie wichtig der Austausch unterschiedlicher Perspektiven für die Gestaltung einer menschlichen Gesellschaft und starken Demokratie ist. Das bestärkt uns politische Bildner*innen unsere Aufgaben auch zukünftig differenziert und engagiert weiterzuverfolgen.“
Diese Fachtagung wurde veranstaltet von der AKSB – Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland e.V., der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz, der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien – LPR Hessen und dem Bonifatiushaus, Haus der Weiterbildung der Diözese Fulda.

Nachtrag 04.06.2018

Ausgewählte Vorträge der Fachtagung Digital 2020 sind auch in diesem Jahr wieder online abrufbar unter www.mediathek-hessen.de – Danke an den OK Fulda für die Aufzeichnungen an den beiden Tagen!
Die Links im Einzelnen:

Vortrag von Prof. Dr. Katharina Zweig
Vortrag von Dr. Daniel Jakob
Vortrag von Prof. Dr. Stefan Iske
Vortrag von Daniel Seitz

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