Another Day Of Life

Riccardo mit Schreibmaschine
Bild: Screenshot

Worum geht’s?

Eckdaten des Films:

Ein Film von Raúl de la Fuente und Damian Nenow

Länge: 82 Minuten

Erscheinungsjahr, Produktionsland: 2017, Co-Produktion Polen, Spanien, Belgien, Deutschland, Ungarn

Produktion: Platige Films & Kanaki Films

empfohlen ab 12 Jahren (FSK) unsere Empfehlung ab 14 Jahren

Schuljahre: Sekundarstufe I ab Klassenstufe 8 sowie Sek. II

Kurz nach dem Vietnamkrieg hat der Kalte Krieg die Welt in seinem festen Griff. Im afrikanischen Land Angola kämpfen verschiedene Fraktionen dafür, die Vormachtstellung nach der lang ersehnten Unabhängigkeit von den Kolonialmächten zu erhalten. Die (bald) ehemalige portugiesische Kolonie soll am 11. November 1975 ihre Unabhängigkeit erlangen. Doch dies verläuft nicht ohne die Einmischung anderer Großmächte, die verschiedenste Fraktionen unterstützen. In diesem Chaos folgt der polnische Journalist „Riccardo“ Kapuściński diesem Bürger- und Stellvertreterkrieg an die südlichste Front Angolas. Dabei steht im Mittelpunkt dieser wahren Geschichte von „Another day of life“ nicht nur die möglichst aktuelle Berichterstattung des Protagonisten, sondern auch seine journalistische Integrität. Welchen Einfluss nimmt seine Anwesenheit auf den Verlauf des bis 2002 andauernden Krieges?

Welche medienpädagogischen Themen werden in „Another day of life“ angesprochen?

  • Berichterstattung
  • Journalismus
  • Medien als Zeitzeuge
  • Pressefreiheit
  • Kriegsberichtserstattung
  • Recherchekompetenz
  • Medienwirkung
  • Kritische Medienarbeit

Die Wirkung von Bildern in der Berichterstattung

Basierend auf dem gleichnamigen und autobiografischen Buch von Ryszard „Riccardo“ Kapuściński, begleitet der Film nicht nur das Kriegsgeschehen rund um die Freiheit des Landes Angola, er betrachtet auch die Wirkung von Bildern. Einige Szenen des Films sind teilweise animiert und wirken phasenweise surreal. Andere Sequenzen sind Interviewsituationen mit den lebenden historischen Personen, Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg in Angola. Erweitert werden diese durch Fotos bereits verstorbener Personen und Filmaufnahmen, die heutige Einheimische zeigen. Dadurch wirkt der Film besonders facettenreich.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das Sprichwort versinnbildlicht eine unverkennbare Aussage des Films: Bilder machen wichtige Momente und Zusammenhänge greifbar. Gepaart mit der Thematisierung der Bedeutung von journalistischer Berichterstattung, untermauert diese Aussage gerade den Wert der Reise für den Journalismus. Die Berichterstattung von Kriegen zeigt der Welt nicht nur aktuelles Geschehen, sondern berührt sie auf eine bestimmte Weise. Sie birgt die Möglichkeit, weitere Menschen zu mobilisieren oder sie abzuschrecken. Sei es hinsichtlich von Spenden, um Opfer zu unterstützen, oder auch auf politischer Ebene mit humanitärer oder militärischer Unterstützung. Das Hauptaugenmerk des Films „Another Day of Life“ liegt nicht nur auf den Schrecken eines Krieges, sondern auch darauf, wie Bilder dafür sorgen, dass Menschen Spuren hinterlassen und nicht vergessen werden.

Soldat mit Zeigefinger
Bild: Screenshot

Der Krieg um die Gedanken

Der Protagonist Riccardo Kapuściński sieht sich in der Verpflichtung, als Journalist akkurat über die Geschehnisse des Krieges zu berichten und trotz aller Warnungen fährt er an die vorderste Front, um dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Dabei begegnen ihm verschiedenste Dilemmata: Wie steht es um die Unversehrtheit des eigenen Lebens? Wie umgehen mit der direkten Konfrontation mit den Schrecken eines Krieges? Wohin mit persönlicher Sympathie? Und ganz wichtig dabei die Frage: Wie viel Einfluss nimmt die Anwesenheit von Journalist:innen auf den Verlauf eines Krieges? Wie sehr prägt die Berichterstattung die Einschätzung eines Krieges, also dessen Plausibilisierung oder Kritik, und dessen Verlauf? Und welche Funktion hat die Beteiligung von Journalist:innen an militärischen Aktionen, der sogenannte embedded journalism?

Innerhalb des Films wird schnell deutlich, dass es sich bei den verschiedenen Fraktionen um Gegenspieler:innen handelt, die um eine Vormachtstellung kämpfen. Sympathien werden der Movimento Popular de Libertação de Angola (MPLA) zugeschrieben, die als marxistische Bewegung gegründet wurde und bis heute die herrschende Partei in Angola ist. Dabei scheint dieses Land ein Schachbrett anderer Großmächte (Kuba, Sowjetunion und Südafrika) zu sein, die in diesem Befreiungskrieg mit anknüpfendem Bürgerkrieg eigene Interessen verfolgen.

Zum Einsatz in der (außerschulischen) Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen: 

Auch wenn es sich um eine „weit entfernte“ (zeitlich und geografisch gesehen) Geschichte handelt, treffen verschiedene Themen des Films die Lebensrealität von Jugendlichen. Die Aktualität von Krieg und Terror werden durch den Konflikt innerhalb von Afghanistan (August/September 2021) erneut deutlich. Denn auch hier stellen sowohl die Einmischung als auch der Rückzug der amerikanischen und europäischen Soldat:innen die Weltpolitik vor Herausforderungen, die aus unterschiedlichen Perspektiven journalistisch beleuchtet werden sollten. Auch hier haben Großmächte eigene Interessen und Wertvorstellungen eingebracht, und es kam zur Machtübernahme durch die Taliban (tagesschau.de). Ob es sich um den angolanischen Kampf um die eigene Unabhängigkeit oder die gewaltvoll erlangte Vorherrschaft in Afghanistan handelt, Hintergrundinteressen gibt es immer.

Dem Film gelingt es, neben der Wichtigkeit umfassender Beleuchtung von Krisensituationen auch die Relevanz von qualitativem Journalismus zu betonen. Hinsichtlich der Fülle an Desinformation und „alternativen Fakten“, die uns im Internet begegnen, braucht es für einen medienkompetenten Umgang damit Recherche- und Quellenkompetenz. Anknüpfend an den Film bietet sich eine Betrachtung der heutigen Berichterstattungsweise (z. B. Printmedien im Vergleich zu Rundfunk und digitalen Medien) sowie die Sammlung vertrauenswürdiger Quellen (öffentlich-rechtliche Nachrichten, Qualitätspresse etc.) an. Gemeinsam lassen sich Rückschlüsse auf die Bedeutung der Pressefreiheit gerade in totalitären Regimen schließen.

Social Media und Meinungsbildung

Häufiger taucht im Film der Wunsch der Menschen auf, fotografiert zu werden. In der visuell ausgerichteten Nutzung von Social Media wie Instagram und Tik Tok lassen sich ähnliche Bestrebungen nach Bedeutung und Reichweite erkennen. Hier können Jugendliche auf besondere Art einen Zugang zu einem zunächst weit weg erscheinenden Thema finden. Was junge Menschen nutzen, um das perfekte Selfie auf Social Media hochzuladen, setzen Firmen, Nationen und Parteien ein, um bestimmte Reaktionen zu erzielen. Denn die Wahrnehmung von (vermeintlicher) Berichterstattung wirkt sich unmittelbar auf die Meinungsbildung der weltweiten Bevölkerung aus. Um die Tragweite dieser Zusammenhänge zu begreifen, bietet sich die Schärfung des Blickes zukünftiger Generationen unmittelbar an.

Zum Einsatz in der Arbeit mit Erwachsenen und Multiplikator:innen

Bei „Another day of life“ handelt es sich um einen Film, dem durch seine aufklärende Komponente eine besondere Tragweite zukommt. Gerade für Erwachsene sind einige Themen wahrscheinlich greifbarer als für Jugendliche, denn mit dem Blick über mehrere Jahrzehnte lässt sich der Schrecken und die Nähe eines so realen Stellvertreterkrieges besser begreifen. Mit einigen Recherchen im Internet lässt sich schnell ein Überblick schaffen, der es ermöglicht, die damalige und heutige Berichterstattung miteinander zu vergleichen. Denkbar ist, dass einige Teilnehmer:innen nach älterer und andere nach jüngerer Berichterstattung über Angola suchen. Nur wenige haben den Verlauf dieses Jahrzehnte andauernden Krieges aktiv verfolgt, während Afghanistan aktuell die ganze Welt in Atem hält. Woran könnte das liegen? Ergänzend zu Recherchen bezüglich der dahingehenden Berichterstattung, z.B. in Archiven, Mediatheken oder Medienstellen, kann die eigene Wahrnehmung dieser Darstellungsweisen eingebracht werden. Vergleichend dazu können heutige Berichte über die Flüchtlingskrise oder die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan betrachtet werden.

Außerdem kann mit dieser Perspektive die Wichtigkeit der Pressefreiheit und des investigativen Journalismus betrachtet werden. Diskussionswürdige Einschränkungen dieser gab und gibt es neben dem filmischen Beispiel auch in der DDR, im nationalsozialistischen Deutschland oder auch generell in totalitären Staaten wie aktuell in Russland, China oder der Türkei. Hier lassen sich Reflexionsfähigkeit und ein Verständnis für die Veränderung der Berichterstattung verbessern. Auch Fachkräfte der (medien-)pädagogischen Arbeit erhalten so vielleicht eine neue Perspektive für die medienkritische Arbeit mit dem aktuellen Zeitgeschehen.

Arturo und Riccardo
Bild: Screenshot

Anknüpfungspunkte für aktive Medienarbeit: 

Auf der Suche nach Menschen, die was zu sagen haben.

Riccardo trifft auf seinem Weg an die südliche Front von Angola auf einen filmenden Mann namens Luis Alberto. Anschließend wird ein Interview mit diesem gezeigt, in dem er über den polnischen Journalisten sagt, dass dieser keine Freund:innen, sondern Menschen suche, die etwas zu sagen hätten.

Genau diese Befragung von Zeitzeug:innen kann innerhalb eines kleinen Projektes selbst ausprobiert werden. Dabei versetzen sich die Teilnehmer:innen in die Rolle von Journalist:innen und interviewen andere Personen. In Kleingruppen überlegen sie sich ein aktuelles Zeitgeschehen, welches sie interessiert (z.B. in der Lokalpolitik der Bau eines neuen Gebäudes in ihrer Stadt oder die Eröffnung des örtlichen Spielplatzes; geopolitische Fragen wie die Flüchtlingskrise, die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan oder die COVID-19-Pandemie) und passende Interviewfragen. Diese Fragen sollen darauf abzielen, die Wahrnehmung der dazugehörigen Berichterstattung zu erörtern. Dabei empfiehlt es sich, offene Fragen zu stellen.

Beispielfragen sind: Was wissen Sie über das Geschehen? Welche Quellen nutzen Sie? Was ist Ihre erste Assoziation mit der Thematik? Wie, denken Sie, geht es damit weiter? Als Interviewpartner:innen eignen sich Personen aus dem eigenen Bekanntenkreis. Wenn diese zustimmen, können die Interviews mit dem Smartphone auf Video oder akustisch aufgezeichnet und anschließend im Plenum vorgestellt werden. Anschließend empfiehlt sich eine Diskussion, in der die Wichtigkeit von verschiedenen Perspektiven und deren Dokumentation erörtert wird. Diese Methode soll aufzeigen, dass Zeitzeug:innen auf individuelle Art authentisch Zusammenhänge herstellen können, die neue Blickwinkel ermöglichen.

Big Picture – Wirkung von Bildern

Im Verlauf des Films sind einige Reporter:innen zu sehen, die versuchen, die aktuellen Entwicklungen oder auch Momente einzufangen und für die Ewigkeit festzuhalten. Dies tun sie einerseits, indem sie wie Riccardo Texte schreiben, andererseits durch Fotos und Videoaufnahmen. In einer Szene (00:25:31–00:26:4) liegt ein Mensch auf der Ladefläche eines Trucks im Sterben und will dringend fotografiert werden, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Im Plenum kann diese Szene erneut geschaut werden und anschließend die Bedeutung und Wirkung von Bildern diskutiert werden. Anschließend werden im Rahmen einer Partnerarbeit bedeutungsvolle oder ikonographische Bilder der Geschichte oder Gegenwart herausgesucht und die dazugehörige Geschichte recherchiert. Im nächsten Schritt stellen sich die Teilnehmer:innen die Bilder mit dazugehörigem Kontext vor. Dabei trainieren die Teilnehmer:innen nicht nur die Recherchekompetenz, sondern üben auch valide Quellen zu erkennen und in Kontext zu setzen.

Beispiele medienwirksamer Bilder (Vorsicht! Inhalt sind dabei teilweise Tod und Terror):

Presseschau – eine Ausstellung

Der Film zeigt Momentaufnahmen aus einem Krieg, der Jahrzehnte andauerte. Dabei bleiben der weitere Verlauf und die aktuelle Situation in Angola wenig abgebildet. Wie sieht diese aus? Welche Fronten gab es in diesem Krieg und wie haben diese sich verändert?

Die MPLA ist nun die machthabende Partei. Doch geschah dazwischen noch einiges mehr. Die Teilnehmer:innen recherchieren in Einzel- oder Gruppenarbeit mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten bei möglichst unterschiedlichen Quellen weitere Informationen über den Verlauf des Bürgerkrieges, die einzelnen Fraktionen oder die aktuelle Berichterstattung. Nach dem Vorbild des Deutschlandfunks erstellen sie eine Presseschau, die sie auf Plakaten festhalten und gesammelt ausstellen (Klassenzimmer, Flur des Jugend-/Gemeinde-/Bildungshauses …). Dabei bietet es sich an, unterschiedliche Aspekte zu beleuchten. Dadurch ist nicht nur der Verlauf eines Krieges Gegenstand, sondern auch der adäquate Einsatz von Recherchemethoden und eine entsprechende Aufbereitung sowie Inszenierung von Medien, um eine ansehnliche Ausstellung zu gestalten.

Dazu lassen sich einige Informationen in den folgenden Quellen finden:

Liedtext – Better change your mind

Zu Beginn fahren die Reporter Riccardo und Arturo aus der Stadt Luanda heraus, um an die südliche Front zu gelangen. Währenddessen erklingt das Lied „Better change your mind“ von William Onyeabor (00:16:01–00:18:03). Dieses Lied fordert verschiedene Nationen und Personen dazu auf, ihr Denken zu verändern. Musik in Filmen dient einerseits dazu, bestimmte Stimmungen zu unterstreichen, andererseits auch dazu, Kernaussagen zu verdeutlichen. Warum erklingt dieses Lied, um diese Szenerie zu unterstreichen (Künstler:innen, Erscheinungszeitraum, Dramaturgie)? Welche Wirkung hat es? Würden die Teilnehmenden eventuell andere Musik wählen, um die Wirkung zu betonen?

Aus dem Liedtext wird deutlich, dass Stellvertreterkriege keine Seltenheit sind und unterschiedliche Werte zu respektieren sind. Nach dem Hören des ganzen Liedes und einer gemeinsamen Betrachtung des Liedtextes lassen sich in einem anschließenden Plenumsgespräch verschiedene weitere Aspekte des Liedtextes herausarbeiten und Ländern zuordnen. Darunter fällt beispielsweise die USA als Weltpolizei. Ergänzend lässt sich mit der App Topshot unter der Kategorie „Sound“ die Wirkung verschiedener Musikstile erfahren.

Passende Materialien zum Film:

Weitere Materialien und Anregungen zu den filmischen Themen finden sich ebenfalls in unserer Materialdatenbank mekomat.de z.B. die Veröffentlichungen

Interessante und geeignete Artikel können weiterhin die bereits veröffentlichten Filmtipps:

Für wen? 

Lehrer:innen, Erwachsene, Senior:innen, Eltern, Kinder und Jugendliche ab 14 Jahren

Bezugsmöglichkeiten & Filmkritik

Ein Direktbezug der DVD mit Vorführrecht ist unter kfw möglich.

Kritiken zum Film gibt es unter Filmdienst.de und epd-film.de.

Fazit

Der Film „Another day of life“ ist gleichzeitig spannend, lehrreich und kreativ gestaltet. Die Mischung der unterschiedlichen Stilmittel (Animation, Dokumentation, surreale Verzerrung) bietet weite Interpretationsfelder. Doch ganz besonders setzt „Another day of life“ ein Zeichen für mutigen Journalismus. Gute Recherche und Auslandskorrespondenz erscheinen als elementarer Teil der Berichterstattung. Hier zeigt sich ein weiterer Aspekt kritischer Medienarbeit, die Pressearbeit als Zeitzeuge voller Bedeutung beschreibt. Im Rahmen dieser Kriegsberichterstattung ist die Medienwirkung zentrales Element, welches durch die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan aktuelle Relevanz bekommen.

Das könnte Sie auch interessieren: